Mit 75 Jahren zum ältesten und längsten Radmarathon in Norwegen

Große Kraftprobe in Norwegen : Mit 75 Jahren zum ältesten und längsten Radmarathon der Welt

Für die Norweger ist das Spektakel eine Art sportliches Nationalgut: „Den Store Styrkeproven“, die große Kraftprobe, lockt seit 1967 Jahr für Jahr pünktlich zur Sommersonnenwende Tausende auf und an die Strecke des ältesten und längsten alljährlich ausgetragenen Radmarathons der Welt. Mit dabei sind diesmal auch zwei Sportler aus der Region: der Stolberger Mediziner Prof. Roland Fuchs und Paul Thelen, Unternehmensberater aus Würselen, beide 75.

Der Termin ist kein Zufall. Denn rund um den Sankt-Hans-Tag, wenn die Sonne im hohen Norden kaum unter den Horizont sinkt, steigt in Norwegen wie überall in Skandinavien spürbar die Feierlaune. Dann lodern auch entlang der Strecke von Trondheim im Norden bis in die Hauptstadt Oslo die Johannisfeuer, wird tüchtig gegessen, noch mehr getrunken – und die vorbeirauschenden Radler angefeuert. Die haben dann oft ein Gutteil der 540 Kilometer langen Distanz noch vor sich, eine Strecke soweit wie von Aachen nach Berlin.

Erfahrung mit langen Strecken

Es war vor fast genau einem Jahr. Da waren Thelen und Fuchs gerade über die Ziellinie des legendären „Race across America“ in Annapolis, Maryland gerollt. 5400 Kilometer nonstop von Kalifornien bis an die Ostküste lagen hinter ihnen und ihren beiden Teamkameraden Rolf Nett aus Buchholz im Westerwald und Uli Reich aus Hennef. Eine der ersten Fragen lautete: „Und, Jungs, was machen wir nächstes Jahr?“

Antwort: Trondheim-Oslo. Für Nett ist der Marathon fast schon eine Hausstrecke: In diesem Jahr geht der ehemalige Logistiker zum 14. Mal auf die Piste, Reich hat bislang neun Starts beim „Styrkeproven“ in seinem Tourbuch stehen. Unter dem dem Teamnamen „Alter hat Klasse“ gehen die superfitten „old guys“ als Mannschaft an den Start, zusammen mit 14 anderen, allesamt erfahrene Radsportler, die, wie etwa Roland Fuchs, auf zwei Rädern durch die Mongolei und die Namib-Wüste gefahren sind, die Alpen im Rennradsattel überquert haben oder den harten Ötztaler Radmarathon absolviert haben.

Einige aus dem Team haben in diesem Jahr schon 14.000 Trainingskilometer und mehr abgespult. Getestet haben sie dass neulich an der Mosel. Einmal von Koblenz flussaufwärts und retour, 300 Kilometer am Stück. „Hat prima geklappt“, sagt Paul Thelen.

Wenn sich am Freitagabend um 22.45 Uhr Ortszeit die Equipe auf den Weg macht, ist zwar alles peinlich genau geplant, von den fünf Verpflegungsstopps (maximal fünf Minuten, Pinkelpause inklusive) bis zum kräftesparenden Windschattenfahren im „Belgischen Kreisel“ (ein Pfiff von Teamchef Nett bedeutet: schneller fahren! zwei Pfiffe: Langsamer werden!) Was sich aber nicht planen lässt, ist das norwegische Wetter. Das hat auch mitten im Sommer alles im Angebot, von Sonnenschein bis Graupelschauer, Starkwind und Dauerregen. Dann ist das Vergnügen begrenzt. Aber wenn es trocken bleibt und rollt, ist der Spaß, versichern die, die es schon einmal erlebt haben, groß.

In 18 Stunden wollen Fuchs, Thelen und Co. am Ziel des Klassikers sein, das entspräche einem Schnitt von 30 Kilometern pro Stunde, Pausen eingerechnet. „Das ist realistisch bei diesem Team“, sagt Nett. Der Streckenrekord aus dem Jahr 2009 liegt bei 12 Stunden und 51 Minuten. Dazwischen liegen die Auffahrt auf das gut 1000 Meter hoch gelegene karge Dovrefjell, die Olympiastadt Lillehammer, liegen Flüsse, Seen und Wasserfälle, bis es hinabgeht zum Oslofjord.

„Auf den letzten 100 Kilometern“, schmunzelt Uli Reich, „werden die Bergfahrer erfahrungsgemäß ruhiger.“ Wenn alles glatt läuft, können sich Fuchs, Thelen und ihre Mitfahrer am Samstag gegen 16.45 Uhr in Oslo abklatschen. Und sich überlegen: „Und was machen wir nächstes Jahr?“