Alsdorf: Misshandlung eines Obdachlosen: Die Frage nach dem Warum

Alsdorf : Misshandlung eines Obdachlosen: Die Frage nach dem Warum

Der Tatort in Alsdorf zeigt noch deutlich Spuren der schrecklichen Tat, die hier am vergangenen Samstag begangen wurde. Die Bank ist mit Ruß überzogen, verkohlte Reste von Kleidungsstücken kleben am zum Teil verbogenen Metallgitter.

Brandspuren sind auch auf dem Boden und Blutspuren in dem kleinen Hochstand des Stadionsprechers zu sehen. Hier, auf dem Sportplatz an der Gesamtschule, wurde der 19-jährige obdachlose Alsdorfer stundenlang von drei Jugendlichen misshandelt.

Mehrere Tage nach der stundenlangen Misshandlung eines jungen Obdachlosen in Alsdorf muss das Opfer weiter stationär behandelt werden. Foto: Ralf Roeger

Er befindet sich wegen schwerer Verbrennungen, Prellungen und einem Nasenbeinbruch weiter in stationärer Behandlung, ist aber nicht in Lebensgefahr, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Aachen, Jost Schützeberg, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte.

Zwei Jugendliche (15) und ein junger Mann (19) sollen in der Nacht zum vergangenen Freitag den auf einem Schulgelände campierenden Obdachlosen unter anderem mit Hämmern geschlagen haben. Foto: Ralf Roeger

Wie Alsdorfs Bürgermeister Al­fred Sonders (SPD) bestätigte, hatte sich der junge Mann immer wieder auf dem Sportplatzgelände aufgehalten. Zuerst in einer Garage, später, als sie einbruchsicher gemacht worden war, in dem Hochstand, in dem er offenbar auch von den drei Tätern aufgesucht worden war.

Zerwürfnis mit der Familie?

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Ordnungsamt der Stadt Alsdorf den jungen Mann immer wieder vom Platz gewiesen. „Unser Sozialamt hat ihm mehrfach Hilfe angeboten, die hat er aber nicht angenommen“, sagt der Bürgermeister weiter und zählt auf: Ende 2014 ist ihm eine Wohnung vermittelt worden.

Am 5. Juni 2015 ist das Sozialamt aber durch den Bereitschaftsdienst der Stadt informiert worden, dass er wieder auf der Straße schlafe. Am selben Tag erschien er mit einem Freund und dessen Vater in der Stadtverwaltung, teilte mit, er könne dort wohnen.

Das Amt stellte gemeinsam mit ihm Anträge auf Kindergeld und Leistungen beim Jobcenter und auf eine Krankenversicherung. „Wir hatten die Hoffnung, dass er noch die richtige Richtung einschlägt“, sagte Sonders am Mittwoch im Gespräch mit unserer Zeitung.

Aber letztlich sei es wahrscheinlich zu einem Zerwürfnis mit der Familie gekommen. Die Aussagen darüber, wann und wie lange er sich bei der Familie beziehungsweise im Freien aufhielt, widersprechen sich. Jedenfalls wurde er wieder auf dem Sportplatz angetroffen.

„Anders als im Jugendhilfebereich haben wir als Stadt da keine weiteren Instrumentarien. Wir können Menschen, die über 18 Jahre alt sind, nicht dazu zwingen, die Obdachlosigkeit aufzugeben. In dem Fall konnten wir ihn nur des städtischen Grundstücks, also des Sportplatzes, verweisen“, sagte Sonders. Von der Möglichkeit, den 24-Stunden-Bereitschaftsdienst zu kontaktieren und in der Notunterkunft der Stadt untergebracht zu werden, habe der Jugendliche auch keinen Gebrauch gemacht.

Warum sich der 19-Jährige ausgerechnet diesen Ort ausgesucht hat, darüber kann nur spekuliert werden. Die Sportanlage ist von der Straße aus nicht einzusehen, ein Parkplatz ist vorgelagert und rundum von Grün umgeben. Das erklärt auch, warum die Tat unbemerkt geblieben war und das Opfer erst von Passanten gefunden wurde, als die Täter von ihm gelassen hatten und der 19-Jährige sich schwer verletzt bis zur Bushaltestelle geschleppt hatte.

Die Anlage ist ein Ort, an dem sich abends und an Wochenenden häufig Jugendliche treffen und wo es in der Vergangenheit mehrfach zu Sachbeschädigungen gekommen ist: Der Kunstrasenplatz wurde durch die Hitze eines Fertiggrills beschädigt, der Zaun demoliert und Teile der Flutlichtanlage gestohlen. „Wir überlegen, einen Sicherheitsdienst einzuschalten“, sagte Sonders weiter. Auf der Anlage trainiert auch der SV Blau-Weiß Alsdorf 1910/1916, dem der 19-Jährige bis vor ein paar Jahren eine Zeit lang angehört hatte.

Über die Hintergründe des Vorfalls ist noch nichts Näheres bekannt, nur, dass der junge Mann mit einem der drei Täter (15, 15 und 19 Jahre alt) eine Auseinandersetzung gehabt haben muss. Das Trio befindet sich nach wie vor in Untersuchungshaft.