Neuer Verdacht in Oeynhausen: Missbrauchsfall Lügde weitet sich aus

Neuer Verdacht in Oeynhausen : Missbrauchsfall Lügde weitet sich aus

Der Missbrauchsfall Lügde weitet sich aus. Mehr als 700 Spuren verfolgt die Polizei. Und inzwischen wird ein weiterer großer Missbrauchsfall - ebenfalls in Ostwestfalen - bekannt.

Der Fall des massenhaften Missbrauchs von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde weitet sich aus. Die Zahl der Opfer ist inzwischen auf 40 gestiegen, hinzu kommen zwölf Verdachtsfälle. Das teilte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags mit. Auch die Zahl der Beschuldigten habe sich von sieben auf acht erhöht.

Zuvor war von 36 Geschädigten und weiteren 15 Verdachtsfällen ausgegangen worden. Die Polizei verfolge inzwischen mehr als 700 Spuren, sagte Reul.

Zugleich erschüttert einen neuer Verdachtsfall von Kindesmissbrauch und Pornografie das Land: Ein Physiotherapeut aus dem westfälischen Bad Oeynhausen soll in seiner Praxis bei Behandlungen pornografische Fotos von Kinder-Patienten gemacht haben. Laut Reul gibt es eine „mittlere einstellige Zahl“ von Opfern. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es noch weitere Opfer gibt, möglicherweise sogar viele“, sagte Reul im Innenausschuss.

Auf dem Campingplatz in Lügde soll ein 56-jähriger Dauercamper mit einem Komplizen über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die beiden Verdächtigen sowie ein 48-Jähriger aus Stade sitzen in Untersuchungshaft. Der Stader soll die Missbrauchstaten live im Internet verfolgt haben. Gegen die weiteren Beschuldigten wird wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material von dem Campingplatz, Strafvereitelung oder Beihilfe zum Missbrauch ermittelt. Sie sitzen nicht in U-Haft.

Der Fall hat sich wegen massiver Versäumnisse bei den Ermittlern und dem Verschwinden von Beweismaterial zu einem Polizeiskandal entwickelt. Zudem sollen Jugendämter frühe Hinweise auf den sexuellen Missbrauch falsch eingeschätzt haben.

Inzwischen droht die Halbjahresfrist abzulaufen, die bis zu einer Anklage des 56-jährigen Hauptverdächtigen bleibt. Bis Ende Mai müsste sie laut Gesetz vorliegen. Darauf verwies der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Hartmut Ganzke. Reul rechnet allerdings nicht damit, dass der Fall in der Sechs-Monatsfrist aufgeklärt werden könne. „Ich befürchte, wir werden da mehr Zeit drauf verwenden.“

Einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Lügde wird es vorerst nicht geben. SPD und Grüne lehnen einen entsprechenden Antrag der AfD ab und wollen erst das Ende der Ermittlungen abwarten. „Wir haben Vertrauen in die Polizei und Staatsanwaltschaft, dass die Fälle aufgeklärt werden“, sagte Ganzke. Die Grünen-Innenpolitikerin Verena Schäffer sagte, ein U-Ausschuss könnte die Ermittlungen gefährden. SPD und Grüne schließen aber einen U-Ausschuss zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus, um Versäumnisse von Polizei und Jugendhilfe aufzuklären. Beide Oppositionsfraktionen brachten auch eine parlamentarische Kommission ins Spiel, die sich mit Kinderschutz befassen solle.

(dpa)
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