Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung fordert mehr Wachsamkeit

„Das Schweigen der Anderen“ : Missbrauchsbeauftragter fordert mehr Wachsamkeit

Im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch und nach dem Bekanntwerden mehrerer Fälle in NRW hat der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung mehr Wachsamkeit in der Bevölkerung angemahnt.

„Schuld ist in den meisten Missbrauchsfällen vor allem das Schweigen der Anderen“, sagte Johannes-Wilhelm Rörig der Deutschen Presse-Agentur in Dortmund. „Denn die Kinder haben vermutlich deutliche Signale gesendet, nur haben Eltern, Lehrer, Erzieher, zuständige Behörden diese nicht wahrgenommen. Sie haben weggehört.“ Die Gesellschaft müsse viel mehr Sensibilität entwickeln.

Das bedeute nicht, dass „nun jeder Lehrer, Betreuer, Trainer oder Pflegevater argwöhnisch beäugt wird“, stellte der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) klar. Aber: Kinderschutz müsse „so etwas wie der Schulterblick beim Autofahren werden - gelernte Routine“, forderte Rörig. Das Thema werde bislang tabuisiert. „Es darf nicht peinlich sein, im Familien- oder Bekanntenkreis kritische Fragen zu stellen. Oder im Kinderchor, im Sportverein, in der Schule.“

Im Januar war bekanntgeworden, dass Kinder über viele Jahre hinweg auf einem Campingplatz in Lüdge missbraucht wurden - 40 Opfer sind bisher ermittelt, drei Beschuldigte sitzen in U-Haft. Vor wenigen Tagen war über weitere Fälle berichtet worden - im Kreis Recklinghausen soll ein Mann mindestens 15 Kinder, Jugendliche und Frauen betäubt und dann sexuell misshandelt haben. Und drei Verdächtigen aus Münster und Umgebung wird Missbrauch von zwölf- und 13-jährigen Kindern vorgehalten. Ein weiterer Campingplatz in Niederkrüchten nahe der niederländischen Grenze soll der Tatort schweren sexuellen Missbrauchs gewesen sein.

Nehmen die Straftaten zu - oder werden mehr Fälle erkannt und öffentlich gemacht? Der Polizeilichen Kriminalstatistik 2018 zufolge gab es 2018 bei sexuellem Kindesmissbrauch 12 321 Ermittlungs- und Strafverfahren. Hinzu kommen Rörig zufolge rund 400 Fälle von Missbrauch von Schutzbefohlenen und etwa 1000 Fälle von Missbrauch von Jugendlichen. Es handele sich um seit Jahren konstant hohe Werte. Und die Dunkelziffer sei um ein Vielfaches größer.

Laut Landeskriminalamt wurden 2018 in NRW 2422 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch bekannt, 2017 waren es 2337. Im vergangenen Jahr seien 1988 und 2017 seien 1867 dieser Straftaten aufgeklärt worden, hieß es unter Berufung auf die Polizeiliche Kriminalstatistik NRW.

Rörig berichtete aber, dass seit dem Bekanntwerden des Falls Lügde beim Hilfetelefon seiner UBSKM-Stelle 20 Prozent mehr Anrufe von Bürgern eingegangen seien - er hoffe, dass das ein Zeichen für wachsende Wachsamkeit sei. Jedenfalls beschäftigte das Thema die Gesellschaft. Es werde häufiger in den Medien berichtet und gelinge dabei auch immer öfter, über die Einzelfälle hinaus „auf das wirklich wichtige Thema Kinderschutz zu lenken“, auch etwa auf Therapie- und Präventionsangebote.

Die Zusammenarbeit der relevanten Stellen müsse zudem besser werden, betonte Rörig. „Wir werden ein eklatantes Scheitern des Kinderschutzes wie in Lügde oder Niederkrüchten nur verhindern können, wenn die Behörden - Ermittler, Jugendämter, Schulen, Familiengerichte - besser kooperieren.“ Sie müssten mehr Personal bekommen, die Defizite seien bekannt. „Die Politik muss jetzt Abhilfe schaffen, und das darf nicht am Geld scheitern.“

Die Ermittlungsinstrumente für Polizei und Landeskriminalämter sollten geschärft, eine EU-rechtskonforme Vorratsdatenspeicherung eingeführt werden. Es brauche eine Meldepflicht für Internetdienstleister, wenn dort kinderpornografisches Material auftauche. „Auf die neuen Dimensionen, die digitale Medien mit sich bringen, ist der Kinderschutz noch gar nicht eingestellt.“

(dpa)
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