Aachen: Missbrauch in Gangelt: Ist alles noch viel schlimmer?

Aachen : Missbrauch in Gangelt: Ist alles noch viel schlimmer?

Als Frau B. ihren Mann das letzte Mal im Juni sah, war ihre Welt noch ziemlich in Ordnung. Als Frau B. am Donnerstag ihren Mann wiedersieht, wird sie von Helfern des Opferrings begleitet, und man kann festhalten, dass ihre Welt in Trümmern liegt.

Die Begegnung findet im Gerichtssaal statt, ihr Mann Patrick B. und Marc R. sind wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, Vergewaltigung, vorsätzlicher Körperverletzung und Besitzes kinderpornografischer Schriften angeklagt. Sie sitzen in U-Haft.

Frau B. hat im Laufe der vergangenen Monate erfahren müssen, dass sie 18 Jahre lang mit einem Pädophilen zusammen gewesen ist. Sie lässt sich scheiden. In der Anklage steht, dass der gemeinsame Sohn fast ein Jahr lang aufs Schwerste misshandelt wurde. In 14 Fällen soll Patrick B. perverse Anweisungen von Marc R. umgesetzt haben, die er via Skype von ihm aus Dänemark erhalten habe.

Die Männer, die sich im Darknet kennengelernt hatten, trafen sich erstmals persönlich am 23. Juni 2017 in der Wohnung des Niederländers in Gangelt. Es ist der letzte Fall, und er ist kaum auszuhalten in seiner detaillierten Schilderung. Frau B. hat von all dem nichts gewusst, sagt sie. Ihr Noch-Ehemann bestätigt das.

Die Übergriffe auf den 2014 geborenen Jungen, die gefilmt und verbreitet wurden, geschahen, als die Pflegerin nicht zu Hause war oder schlief. Sie bekam nach eigener Aussage auch nicht mit, dass ihr Mann bereits zwischen 2007 und 2009 „sexuelle Handlungen“ an der Nichte vorgenommen haben soll — auch das wird ihm vorgehalten.

Die „Wahrheit“ hat Frau B. erst später erfahren, als Zeugin im Ermittlungsverfahren. Frau B. musste anhand von Bildern beurteilen, wie alt ihr Sohn bei dem gezeigten Verbrechen war. Ein Alptraum. Die Zeugin wird an diesem Tag hinter verschlossenen Türen befragt. Die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen, als sie nur wenige Meter entfernt von ihrem Mann Platz nimmt. Tränen fließen, die Befragung wird zwischenzeitlich unterbrochen.

Neue Bilder sind aufgetaucht

Als Patrick B. seine Frau zum ersten Mal nach gut einem halben Jahr sieht, hat er eine neue Anklage vor sich liegen. Sie ist ihm und seinem Anwalt ein paar Minuten vorher von Richterin Regina Böhme, die die 5.Große Strafkammer des Landgerichts leitet, ausgehändigt worden. Es könnte alles noch schlimmer sein, als es bislang schon bekanntgeworden ist in diesem Verfahren. Neue kompromittierende Bilder sind aufgetaucht. Staatsanwältin Deborah Hartmann wird die Anklage um acht Fälle erweitern. Patrick B. wird nun auch vorgehalten, dass er sein einziges Kind erstmals sexuell missbraucht hat, als dieses gerade einmal vier Monate alt war.

Wie die Angeklagten überführt wurden, schildert an diesem Verhandlungstag eine junge Polizeibeamtin des Bundeskriminalamts (BKA). Die Hinweise kamen im Juni über Interpol. Ein Portugiese, der im Darknet kinder- und babypornografische Filme ausgestellt hatte, war kurz vorher festgenommen worden. Im Zuge der Ermittlungen landeten die Fahnder beim einschlägig vorbestraften Marc R., der sich nach Dänemark abgesetzt hatte. Anhand der sichergestellten Bilder und Videos wurde bald auch die Spur ins Rheinland erkennbar.

Im Juni wurde dann auch Patrick B. verhaftet. Die Ermittlungen gingen weiter, der 39-Jährige war weltweit auf kinderpornografischen Seiten — zeitweise unter dem Profilnamen „geiler Papa“ — unterwegs, so hat es die Kripo Heinsberg akribisch zusammengetragen. Im Dezember, so die BKA-Polizistin, wurden über Europol weitere Bilder weitergeleitet. Sie waren bei einem belgischen Pädophilen sichergestellt worden. Sie sollen B. zeigen, wie er sich an seinem Baby vergeht — Basis für die erweiterte Anklage.

Am 22. Februar geht es weiter

Am Donnerstag wurde die Öffentlichkeit noch einmal ausgeschlossen, als die furchtbaren Videos im Gerichtssaal gezeigt wurden. Der Rechtsanwalt von Marc R. hatte psychologische Bedenken, ob seinem Mandanten der Missbrauch noch einmal zugemutet werden könne. Dabei hatte Marc R. die meisten Videos selbst angefertigt und verbreitet. Und auch gegen die großflächige Vorführung wehrte sich der Anwalt. Vergeblich. Die sichergestellten Videos wurden auf zwei Leinwänden gezeigt. Die Verhandlung wird am 22. Februar fortgeführt.

Anmerkung der Redaktion: Aus Rücksichtnahme auf die Opfer ist die Kommentarfunktion unter diesem Artikel deaktiviert.

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