Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon über den Regenwald

Misereor-Geschäftsführer über Abholzung des Regenwalds : „In Brasilien wird die Lunge der Welt zerstört“

Rund um den Amazonas erstreckt sich das größte Regenwaldgebiet der Welt. Seine Bedeutung für das globale Klima ist immens. Brasiliens neuer Präsident, der „Tropen-Trump“ Jair Bolsonaro, hat mit Umweltschutz allerdings wenig am Hut. Welche Konsequenzen das für den Wald, die in ihm lebenden indigenen Völker sowie das Weltklima hat und wie die deutsche Regierung auf die Zustände in dem südamerikanischen Staat reagieren sollte, darüber sprach unser Redakteur Joachim Zinsen mit dem Geschäftsführer von Misereor, Martin Bröckelmann-Simon.

Seit der ultrarechte Politiker Jair Bolsonaro Präsident von Brasilien ist, gibt es Meldungen, dass der Regenwald am Amazonas verstärkt abgeholzt wird. Wie dramatisch ist dort inzwischen die Lage?

Martin Bröckelmann-Simon: Die großflächige Abholzung ist leider kein neues Phänomen. Sie gab es bereits unter den letzten zwei Vorgängerregierungen. Seit Bolsonaros Amtsantritt im Januar 2019 hat allerdings die Geschwindigkeit der Waldzerstörung rapide zugenommen. Schätzungen sprachen bislang von einer Steigerung zwischen 60 und 80 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Allein im vergangenen Juli wurde aber in Brasilien eine Urwaldfläche von 2255 Quadratkilometer vernichtet, ein Anstieg von 278 Prozent gegenüber dem Juli 2018.

Bolsonaro hat kürzlich verkündet, er wolle den Regenwald besser schützen. Ist das glaubhaft?

Bröckelmann-Simon: Ich halte die Ankündigung angesichts dieser Fakten für ein reines Lippenbekenntnis. Die brasilianische Regierung hat erst vor wenigen Tagen den Leiter des nationalen Forschungsinstitutes entlassen, der auf die massiv gestiegene Zerstörung des Regenwaldes hingewiesen hat.

Wessen Interessen vertritt Bolsonaro, wenn er die Rodungen forciert?

Bröckelmann-Simon: Im brasilianischen Parlament gibt seit Jahrzehnten eine mächtige Gruppe von Großgrundbesitzern den Ton an. Diese Feudalherren haben Bolsonaro im Wahlkampf massiv unterstützt. Aus wirtschaftlichem Eigeninteresse wollen sie die Agrargrenze durch Urwaldrodungen immer weiter vorantreiben, sie spekulieren mit diesem Land. Bolsonaro setzt ihren Wunsch um.

Welche Folgen hat das für die indigene Bevölkerung am Amazonas?

Bröckelmann-Simon: Unsere Partnerorganisationen in Brasilien berichten von einer enormen Zunahme des Drucks auf diese Menschen. Immer öfter kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Indigenen und Invasoren, die illegal in deren Stammesgebiete eindringen. In vielen Fällen enden die Konflikte für die Indigenen tödlich. Nehmen wir das Volk der Yanomami: Eine überproportional hohe Zahl von ihnen leidet an schweren Quecksilber-Vergiftungen. Die Ursache sind illegale Goldsucher, die in dem Stammesgebiet seit Jahren mit Quecksilber Gold zu schürfen versuchen. Bolsonaro hat angekündigt, dieses Vorgehen legalisieren zu wollen.

Werden die Indianer auch aus ihren Gebieten vertrieben?

Bröckelmann-Simon: Natürlich. Ein Beispiel ist das Volk der Karipuna. Immer wieder haben sie es mit Eindringlingen zu tun, die nachts auftauchen, die Menschen aus ihren Häusern treiben und die Dörfer abbrennen. Ein anderes Beispiel ist das Volk der Wayapi. Vor wenigen Wochen wurde ihr Häuptling Emyra Wayapi von Goldgräbern ermordet. Oft werden Führungsfiguren der Indigenen umgebracht, um die einzelnen Gruppen kopflos zu machen und sich so ihr Land schneller aneignen zu können. Insgesamt gab es 2017 in Brasilien 132 gewalttätige Angriffe auf und 110 Morde an Indigenen. Die Zahlen für 2018 und 2019 liegen noch nicht vor. Sie dürften aber nochmals deutlich gestiegen sein.

Wer sind diese Eindringlinge?

Bröckelmann-Simon: Bei den Invasoren handelt es sich oft um bezahlte Schlägertrupps und illegale Eindringlinge. Auch wenn es keine offiziellen Militär- oder Polizeieinheiten sind, stehen möglicherweise staatliche Stellen hinter ihnen.

Verfolgen Polizei und Justiz des Landes die Verbrechen?

Bröckelmann-Simon: Kaum. Was den Zugang zu Land für die Armen angeht, ist die Geschichte Brasiliens eine Geschichte von Rechtsbrüchen. Die Besitztitel der Indigenen und Kleinbauern für bestimmte Landflächen mögen zwar auf dem Papier existieren. Sie sind aber dennoch vor Gericht in den seltensten Fällen erfolgreich. Es ist einfach sehr viel Korruption und Machtungleichheit im Spiel.

Bolsonaro hat angekündigt, mit militärischer Härte gegen die Beschützer des Amazonas-Regenwaldes und der indigenen Völker vorzugehen sowie die Aktivitäten internationaler Organisationen einzuschränken. Bekommt Misereor das bereits zu spüren?

Bröckelmann-Simon: Die Rhetorik von Regierungsseite wird immer brutaler. Die Gewalt gegen Indigene nimmt zu, und auch unsere kirchlichen Partner in Brasilien haben zunehmend Angst. Direkte Übergriffe auf sie gab es bisher aber noch nicht.

Die EU hat vor ein paar Wochen ein Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten beschlossen. Künftig sollen auch Rindfleisch und Soja-Futter aus Brasilien einen privilegierten Zugang zum europäischen Markt erhalten. Befördert der Vertrag die dramatische Entwicklung in den Regenwaldgebieten?

Bröckelmann-Simon: Misereor hat bereits 2017 in einer Studie auf die Gefahr hingewiesen, dass mit diesem Abkommen die Agrargrenze in Amazonien ausgeweitet wird. Gerade der Export von Soja oder von
Biotreibstoffen auf Zuckerrohr- oder Palmöl-Basis ist einer der großen Antriebsfaktoren für die rapide Zerstörung des Regenwaldes. In Brasilien wird gerade die Lunge der Welt vernichtet. Hier entscheidet sich der weltweite Kampf gegen den Klimawandel maßgeblich mit. Wenn es nicht gelingt, die Abholzungen zu stoppen, wird sich die Lage weiter dramatisch verschärfen. Denn die CO2-Bindung durch den brasilianischen Regenwald, den mit Abstand größten Wald dieser Erde, ist hundertmal höher als die deutscher Wälder.

Frankreichs Regierung pocht darauf, dass vor der Ratifizierung des Mercosur-Abkommens die Einhaltung von Umweltschutzstandards sowie der Schutz der indigenen Bevölkerung vertraglich sichergestellt werden. Die Bundesregierung ist in dieser Frage zurückhaltender.

Bröckelmann-Simon: Die Bundesregierung tritt vor allem nicht einheitlich auf. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller hat mit Blick auf das Mercosur-Abkommen sehr nachdrücklich eine Zertifizierung gefordert, die sicherstellen soll, dass Agrarexporte aus Brasilien nicht von illegal abgeholzten oder brandgerodeten Urwaldflächen stammen. Zudem verlangt er die Koppelung des Exports an die Einhaltung von Menschenrechten. Aus dem Kanzleramt war hingegen nur eine pauschal positive Bewertung des Abkommens zu vernehmen.

Sie lehnen das Abkommen also ab?

Bröckelmann-Simon: In der derzeitigen Form darf das Abkommen nicht ratifiziert werden. Wir fordern von der Bundesregierung, endlich die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation zu unterzeichnen. Diese garantiert den indigenen Völkern bei Großprojekten auf ihrem Land ein Konsultationsrecht und ein Mitwirkungsrecht bei deren Umsetzung.

Was kann die Bundesregierung noch tun, um Bolsonaro zu einem Kurswechsel zu bewegen?

Bröckelmann-Simon: Der von Norwegen und Deutschland finanzierte Amazonas-Fonds könnte ein wichtiger Hebel sein. Mit ihm sind in den vergangenen zehn Jahren 1,6 Millionen Quadratkilometer Tropenwald unter Schutz gestellt worden. Das ist die vierfache Fläche von Deutschland. Der Fonds liegt derzeit wegen der fortschreitenden Brandrodungen in Brasilien auf Eis. Unter der Voraussetzung, dass Bolsonaro die Vernichtung des Regenwaldes stoppt, könnte er wieder reaktiviert und finanziell deutlich aufgestockt werden. Dafür und für andere Klimaschutzmaßnahmen müsste der Etat 2020 des Entwicklungsministeriums um mindestens 500 Millionen Euro erhöht werden.