Miljö lebt Kölner Karneval pur: Musikalischer Ursprung in Aachen

Purer Karnevalswahnsinn : Aus der „Hölle“ bis nach Kölle mit Miljö

„Damals gingen die meisten Leute an die Theke oder pinkeln, wenn wir auf die Bühne kamen“, blickt Mike Kremer, Sänger der Karnevalsband Miljö, auf die Anfänge seiner musikalischen Laufbahn zurück. Was heute nicht mehr vorstellbar ist, gehörte 2014 noch zum Berufsalltag der Kölner Band.

Fünf Jahre später sind die jungen Musiker von Miljö bei Veranstaltern heiß begehrt und werden in den Festsälen des Rheinlands vor allem von der jungen Generation als Karnevalsstars gefeiert. Für Miljö geht es mit eigenem Tourbus und einer eingespielten Crew mittlerweile von einem Auftritt zum nächsten. Die Stimmung im Saal kocht meist schon beim Einlauf der Band über. In diesem Jahr steht trotz aller Routine ein ganz besonders „heißer Tanz“ auf dem Terminkalender der Band – in der „Hölle von Vettweiß“ erwarten Miljö 1700 feierwütige Frauen, die aus einem gewöhnlichen Festzelt jedes Jahr ein wahres „Tollhaus“ machen.

„Wir haben mal wieder ein bisschen Verspätung“, informiert Techniker Achim aus dem hinteren Teil des Busses. Während die Roadies technische Gerätschaften bereits ins Festzelt tragen und schieben, genießt die Band noch die letzten ruhigen Minuten. Mit dem Derby des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach, das die Fünf auf der im Bus installierten Playstation nachspielen, bringen sie sich langsam auf Betriebstemperatur.

Kennengelernt haben sich Simon Rösler (Drums), Nils Schreiber (Gitarre, Quetsch), Max Eumann (Bass), Sven Löllgen (Lead-Gitarre) und Sänger Mike schon während ihrer Schulzeit an der Gesamtschule Holweide in Köln-Mülheim. Damals musizierten sie noch getrennt: Max, Mike und Nils waren als Drei-Mann-Schulband unterwegs, Sven und Simon als Duo. Bis aus den fünf Schulfreunden dann die geeinte Band Miljö wurde, mussten nach dem Abitur im Jahr 2005 erst noch sechs Jahre vergehen – und auch ein gewisser räumlicher Abstand zur Heimat schadete nicht.

Der Ursprung von Miljö liegt in Aachen

Ihr erstes Demo-Tape entstand 2012 daher auch nicht in Köln, sondern in einer Studentenbude auf der Stephanstraße in Aachen. Als Informatikstudent der RWTH hatte Sänger Mike dort während seines Bachelor- und Masterstudiums und einer später abgebrochenen Promotion für sieben Jahre seine Zelte aufgeschlagen. „In der kleinen Bude haben wir uns einfach zwei Tage eingeschlossen. Mit Cola und Chips bis zum Abwinken wurde dann musikalisch herumexperimentiert“, erinnert sich Gitarrist Nils an die Nacht, die das Leben der Fünf grundlegend verändern sollte.

Mit ihren ersten Aufnahmen bewarben sie sich spontan beim Nachwuchs-Wettbewerb „Euer Song für Köln“ - und gewannen. Auf erste kleine Shows folgten Auftritte am 11. November auf dem Kölner Heu- und Neumarkt. Der Bekanntheitsgrad der Musiker wuchs stetig an und mit ihm auch die Menge an Auftritten. Aus dem Hobby wurde ein Beruf.

Ein Abend unterwegs mit der Karnevalsband "Miljö"

Weil die Zeit in Vettweiß dann plötzlich doch etwas drängt, wird das Derby auf der Playstation beim Stande von 1:1 abgebrochen. Die Band huscht schnell aus dem Bus und ab ins Festzelt. Noch ein Gruppenfoto für die Karnevalsgesellschaft, die Jacken im Backstage-Bereich abgelegt, letzte Handgriffe an Gitarre und Bass – dann geht‘s los. Der Weg bis zur Bühne ist in Vettweiß speziell: Tobende, teilweise stärker angetrunkene Damen stehen dicht an dicht Spalier und zwingen die Band durch einen langen, menschlichen Torbogen bis zur Bühne geduckt zu watscheln. „Da ist der Weg anstrengender als der Auftritt“, lacht Bassist Max.

Schon nach ihrem ersten Hit „Wolkeplatz“ liegen ihnen die Damen zu Füßen – die Frauen stehen auf Stühlen, Tischen, dem Bühnenrand. Der anspruchsvolle Songtext im Refrain sitzt bei allen: „Dam dam dam, da-da-da-da-da-da-da-da, dam dam dam!“ Klar ist: Heute würde niemandem mehr einfallen, den Saal vorzeitig zu verlassen und sich die fünf Jungs entgehen zu lassen. Auf den „Wolkeplatz“ folgen „Schökkelpäd“, „Kölsch statt Käsch“ und „Su lang die Leechter noch brenne“. Das Programm dauert rund 15 Minuten, dann geht´s durch die spalier-stehende Damenmenge wieder raus aus dem Saal.

„Jetzt sind wir aber richtig spät dran, oder?“ Max‘ Blick auf die Uhr gibt ihm Recht. „Beeilung“, fordert er seine Bandkollegen auf, die gerade noch mit einem kühlen Wasser die kratzigen Stimmen ölen. Nachdem der letzte Selfie-Wunsch erfüllt ist, geht es zurück in den Bus und innerhalb von 45 Minuten zur Stadthalle nach Alsdorf. Zweite Location, selbes Bild: Wieder warten bei einer Damensitzung Hunderte Frauen sehnsüchtig auf Miljö. Schon am Hintereingang wird die Band erkannt, wollen Fans Autogramme und Fotos abgreifen – plumpe Anmachsprüche inklusive.

Wie sie darauf reagieren? Professionell, charmant und trotzdem freundlich abweisend. Alle Bandmitglieder sind in festen Händen, auf Mike und Max warten zuhause Frau und Kinder. „Wären wir schon nach dem Abi als Kölner Karnevalsband durchgestartet, dann hätte es vielleicht ‚Wilde Zeiten‘ geben können. Heute müssen wir weibliche Fans, die uns Avancen machen, leider enttäuschen“, erzählt Mike. Eindeutig zweideutige Sprüche empfinde er nicht unbedingt als aufdringlich. Wenn er allerdings auf Sozialen Netzwerken private Nachrichten von fremden Frauen bekommen würde, sei das manchmal zu viel.

In Alsdorf schleust ein Künstleragent die Band durch die Katakomben zum Saal. Und verliert auf dem Weg dorthin ein Bandmitglied. Erst als vier der fünf schon unruhig werden, taucht Nils wieder auf – „Gaaanz ruhig bleiben Jungs“, röhrt er seinen Kollegen zu, „was sein muss, muss sein.“

Auf der Bühne dann das gewohnte Programm. Einzige Ausnahme: Frontmann Mike hat als Warmmacher eine kleine Anekdote aus seiner Zeit in Aachen mitgebracht. Er erzählt von der Buslinie 51 in Richtung Alsdorf, die er immer wieder an der Haltestelle sah und dann doch nie einstieg. „Gerade frage ich mich, warum ich nicht früher mal hier hingekommen bin“, sagt er – und die Menge reagiert mit dem karnevalstypischen Jubel-Kreisch-Gemisch. Ansonsten sind es in Alsdorf die gleichen Lieder, die gleichen feiernden Frauen, die nahezu gleiche Stimmung: Nur etwas weniger Hysterie, dafür aber deutlich mehr Leuchtstäbe.

Die Zeit rennt weiter, Mike schafft es zwischen Auftritt-Ende und Bus-Abfahrt nicht mal, den Gang zur Toilette anzutreten – der Buchsbaum hinter der Halle schafft Abhilfe. Lead-Gitarrist Sven drückt seine Zigarette noch aus und verschwindet zusammen mit dem Rest in die „rollende Wohlfühloase“.

In der Gesamtschule Holweide bereiten sich Nils, Mike und Max (v.l.) auf den letzten Auftritt des Abends vor. Foto: Sebastian Riechel/Lamar-Aron Klaßen

Am Ende geht´s gleich zweimal nach Hause

Nach einer Stunde Autofahrt, auf der wieder die Playstation als Stimmungsmacher dient, betritt Miljö zum Abschluss des Abends die Räume, in denen sie 2005 ihr Abiturzeugnis überreicht bekamen. Von gigantischer Sentimentalität ist jedoch wenig zu spüren. „Dafür sind wir zu oft hier. Wir sind hier in dieser Session schon aufgetreten und kommen am Sonntag zur Damensitzung direkt wieder. Unser schulisches Zuhause könnten wir erst richtig vermissen, wenn wir mal länger nicht hier wären“, sagt Max.

Vor allem Gitarrist Nils kennt sich in der Gesamtschule bestens aus. Neben seiner Karriere als Musiker arbeitet er dort, wo alles begann, als Lehrer. „Gerade hat meine Klasse ihre Praktikums-Woche. Da ist es einfacher mit dem ‚Freinehmen‘. Ansonsten muss ich mit dem Direktorium hin und wieder mal Lösungen ausdiskutieren“, sagt er augenzwinkernd. Immerhin: Von seinen Schülern ist an diesem Abend niemand zur Herrensitzung gekommen. Vor dem eigenen Auftritt können „Herr Schreiber“ und die anderen Miljös sich den Auftritt des Komikers „Ne Knallkopp“ also ganz ohne Bedenken mit einem Glas Kölsch in der Hand anschauen.

Es folgt der letzte Gang auf die Bühne, die deutlicher kleiner ausfällt als in Vettweiß oder Alsdorf. Ausgerechnet hier gibt es allerdings erstmals am Abend technische Probleme. „Geil, so ein zweiminütiger Stromausfall“, lacht Drummer Simon nach dem Auftritt. Nur noch seine Bass-Drum gab den Takt der Melodie vor. Bemerkt haben es aber die wenigsten, denn das Publikum selbst übernahm die Regie – ein klassischer Fall von Heimvorteil.

Die letzte Zugabe, die letzte Verabschiedung und auch dieser Abend ist geschafft. Auf die Bandmitglieder warten zuhause Frauen und Kinder. Max will besonders schnell los, da seine zwei Kinder krank sind. Alltagssorgen also, die auch trotz dauerhaft benötigter Karnevalsstimmung nicht vergehen. Miljö, das sind die Fünf nämlich immer nur bei ihren Auftritten. Am Ende bleiben Max, Mike, Simon, Nils und Sven ganz gewöhnliche Kölner Anfang 30, deren Beruf es ist, Karnevalsmusik zu spielen.