Aachen/Dortmund: Metropolregion Rheinland: Mit Aachen als Zugmaschine nach vorn

Aachen/Dortmund: Metropolregion Rheinland: Mit Aachen als Zugmaschine nach vorn

Die Aachener Region könnte wirtschaftlich schon bald das erreichen, was der Alemannia sportlich zumindest vorerst wohl verwehrt bleibt: den Aufstieg in die erste Liga.

„Die Region hat mit der RWTH Aachen und den anderen Forschungseinrichtungen sowie mit der euregionalen Verflechtung trotz der Randlage in Deutschland ein großes Potenzial”, sagt der Raumplaner Thorsten Wiechmann, der für den Sprung an die Spitze jedoch eine wichtige Voraussetzung nennt. „Aachen muss als Zugmaschine die Region in die Metropolregion Rheinland führen. Denn dort sind mit Köln und Düsseldorf die Partner, die bislang fehlen”, sagt der Hochschulprofessor, der sich an der Technischen Universität Dortmund unter anderem mit der Entwicklung von Ballungsräumen beschäftigt.

Dabei stellt Wiechmann der Region bislang ein gutes Zeugnis aus. „Mit der Gründung der Städteregion Aachen wurde, bei allen Problemen, die es im Detail gibt, ein richtiger Schritt getan. Es ist gut, etwas größer zu denken.” Auch die Kooperation in der Euregio Maas-Rhein sei völlig richtig und sollte in Zukunft nicht infrage gestellt werden.

Aber um sich im globalen Wettbewerb zu positionieren, müsse sich die Region zugleich in Richtung Osten orientieren. „Lüttich und Maastricht sind in ihren Staaten bei weitem nicht so stark wie Aachen in Deutschland. Was der Stadt bislang fehlt, ist die Einbindung in eine global wirtschaftsfähige Region, die europäisch in der ersten Liga mitspielen kann - und das ist das Rheinland”, sagt Wiechmann.

Dabei verweist der Experte, der an der Dortmunder TU das Fachgebiet Raumordnung und Planungstheorie leitet, auf ein Dilemma. Einerseits sei das Rheinland bundesweit die wirtschaftsstärkste Metropolregion mit einem enormen Potenzial in den Zukunftsbranchen wie Life Science und Elektromobilität, in der Forschung, in der Entwicklung. „Das Rheinland ist stärker als die Metropolregion München”, sagt Wiechmann, der zugleich bedauert, dass „die Potenziale nicht gebündelt wahrgenommen, Chancen verpasst” würden.

Denn das Rheinland sei, andererseits, auf der globalen Landkarte ein weißer Fleck. „Im Wettbewerb mit Paris oder London haben bereits Berlin, Hamburg und München keine einfache Rolle. Das gilt umso mehr für Regionen, die wie das Rheinland keine überragende Metropole in der Mitte haben”, glaubt er: „In Osaka oder Chicago kennt man das Ruhrgebiet, vielleicht noch Köln oder auch Bonn als frühere Hauptstadt. Aber bei Aachen wird es ganz schwierig.” Fakt sei, dass keine der Städte alleine die Kraft habe, im globalen Wettbewerb mitzuspielen. Um dies zu ändern, müsse sich nun - endlich - die Metropolregion Rheinland formieren: „Nur so ist man sichtbar.”

Dabei verbindet der Professor mit der Metropolregion eine Standortpolitik in zwei Richtungen. Zum einen soll der Prozess integrierend nach innen wirken. Jedoch warnt Wiechmann vor zu großer Harmoniesucht. „Ich empfinde es als unbefriedigend, wenn am Anfang zu viel Wert auf Konsens gelegt wird, ohne dass es konkrete Fragen zu lösen gibt.

Die Metropolregion lebt von der freiwilligen Teilnahme. Die dynamischen Akteure, die an der Kooperation interessiert sind, müssen sich zusammenfinden, losmarschieren, Ideen entwickeln und umsetzen.” Dabei sollte Aachen für die hiesige Region als Zugmaschine auftreten und bei den Partnern werben. „Die Metropolregion darf nicht nur eine Sache der Stadt Aachen sein, sie braucht eine breite Unterstützung”, sagt Wiechmann.

Zum anderen soll und muss der Prozess nach außen wirken. „Durch einen gemeinsamen Auftritt haben die Akteure ein ganz anderes Gewicht - bei politischen Entscheidungsträgern in Berlin und Brüssel oder bei der Anwerbung von Investoren”, sagt Wiechmann. Wichtig sei, sich eine Marke zu geben.

Und welche wären das? Eine konkrete Antwort bleibt er schuldig. „Jeder will Silicon Valley, das ist klar. Doch das kann nicht gelingen. Aber das Rheinland wird sehr früh gefordert sein, seine Einzigartigkeit herauszuarbeiten und hervorzuheben.” Befürchtungen, dass Aachen neben Düsseldorf und Köln untergehen könnte, teilt Wiechmann nicht.

Im Gegenteil: „Gerade eine solche Konstellation mit zwei großen Konkurrenten ist eigentlich die Gewähr dafür, dass Städte wie Aachen und Bonn eine wichtige strategische Rolle spielen, um die Balance in dem Gefüge zu erhalten”, sagt er und betont, dass Aachen selbstbewusst in eine Metropolregion gehen könne. „Die Region ist so gut aufgestellt, dass sie Kraft ihrer eigenen Potenziale eine überragende Rolle spielen kann.” Und dies sei auch in Europas erster Liga der Fall.

Metropolregion - was ist das?

Der Begriff Metropolregion steht für Kooperationen in oder von Regionen. In Deutschland wurden vor einigen Jahren elf dieser Räume definiert - wobei die einzige Metropolregion in NRW (Rhein-Ruhr) nie mit Leben erfüllt wurde. Dies soll sich jetzt auf Initiative von sechs Industrie- und Handelskammern (Aachen, Bonn/Rhein-Sieg, Düsseldorf, Köln, Mittlerer Niederrhein und Wuppertal-Solingen-Remscheid) ändern. Startschuss war der Metropolenkongress Mitte Juli in Köln.

Es gibt kein Schema F dafür, wie Modellregionen funktionieren, sagt Thorsten Wiechmann (Bild). Doch es gebe eine ganze Reihe positiver Beispiele, von denen das Rheinland profitieren könne.

Hervorragend funktioniere die Kooperation in der Modellregion Rhein-Neckar mit den Zentren Ludwigshafen, Heidelberg und Mannheim, die stark angetrieben wird von Wirtschaftsriesen wie BASF und SAP. Über Ländergrenzen hinweg wurden die Strukturen bis hin zur Regionalplanung sehr stark verändert.

Ein gänzlich anderer Ansatz wurde in Nürnberg gewählt, wo die Großstadt mit einem sehr ländlich geprägten Umland auf Augenhöhe kooperiere. Jede kleine Gemeinde könne dasselbe Stimmengewicht einbringen wie Nürnberg. In der Außendarstellung sei viel über die (Direkt-)Vermarktung regionaler Produkte gelaufen.

Am 22. September soll die Metropolregion Rheinland bei einem Regio-Gipfel weiter vorangetrieben werden. Dann treffen sich IHK-Vertreter, Oberbürgermeister und Landräte zwar nicht auf den Höhen der Eifel, aber zu einer Rhein-Schiffstour von Köln nach Düsseldorf.