Region: Mehr Fälle von Cyber-Sex-Erpressung in Aachen: Polizei warnt mit Gedicht

Region: Mehr Fälle von Cyber-Sex-Erpressung in Aachen: Polizei warnt mit Gedicht

Auf der amerikanischen Pornoseite sind an diesem Mittwochmorgen 34 Filme von deutschen Männern zu sehen, die sich ausziehen und am eigenen Körper bis zur Erregung spielen. Die Männer stehen da mit ihren Klarnamen. Solchen Ruhm haben sie niemals gewollt, es war nicht ihre Idee, so für Furore zu sorgen. Die Männer sind Opfer. Wer weiß, wo er suchen muss, findet sie auf den einschlägigen Seiten.

Robert Dahmen ist dienstlich auf diesen Seiten unterwegs. Er arbeitet im KK 15 der Polizei Aachen in einer Abteilung, die sich mit Raub und Erpressung beschäftigt. Beim Kommissar im Büro landen inzwischen wöchentlich Männer, die gegen ihren Willen auf den Schmuddelseiten gelandet sind. Es sind junge Männer, verheiratete Männer, und auch Männer, die vielleicht ihre minderjährigen Töchtern vor den Gefahren der sozialen Netzwerke warnen. Um dann selbst Stunden später alle Hinweise zu ignorieren. Aus solch naiven Männern werden dann regelmäßig erpresste Männer.

Bundesweit werden immer mehr Internet-Nutzer nach einem Sex-Chat Opfer von Erpressungen. „Sexting“ heißt das grassierende Phänomen in Ermittlerkreisen. Die Schamgrenze ist hoch, die wenigsten erstatten später Anzeige, vermuten die Kommissare.

Die Masche ist immer gleich perfide. Die Opfer suchen Kontakte über einschlägige Datingportale und soziale Netzwerke. Manch einer sucht Zerstreuung, der andere die Liebe fürs Leben. Junge attraktive Frauen nehmen schriftlich Kontakt auf. Schon bald ist von einem ersten direkten Erotikkontakt die Rede. Vor der Verabredung melden sich die Frauen und bitten noch um einen Live-Chat via Skype. Sie wollen sich schließlich nicht mit Fremden treffen. Während des Gesprächs ziehen sich die Frauen unvermittelt aus, sie streicheln sich und fordern auch ihre Chatpartner auf, die Hüllen fallenzulassen und Hand anzulegen. Die Frauen suggerieren, dass man sich in einem „geschützten Raum“ befände.

„Verstand setzt aus“

„Bei den Opfer setzt der Verstand aus, wenn sie eine unbekannte Frau am anderen Ende der Leitung beginnt auszuziehen“, beobachtet Dahmen. Spielen die Männer mit, bricht kurz danach die Verbindung zusammen. Die letzten Minuten sind aufgezeichnet worden, was technisch keine große Herausforderung ist. Statt der Frau fürs Leben erhalten die freizügigen Männer kurz darauf einen Link, mit dem sie ihre Handlungen auf einer amerikanischen Pornoseite noch einmal begutachten können. Verbunden ist der digitale Hinweis mit einer Zahlungsanforderung per Bargeldtransfer. Andernfalls werde man den Link auch an den Freundeskreis via Facebook weiterreichen.

Die anfangs geforderten Summe sind gering, meistens werden 200 Euro erwartet. Dahmen rät davon generell ab, auf die Erpressung einzugehen. Wird ein Opfer erst einmal als zahlungswillig eingestuft, werden die geforderten Summen schnell vierstellig, hat der Fahnder auch von anderen Kollegen erfahren. Dahmen kennt in der Städteregion niemanden, der sich mit dieser Masche hat erpressen lassen. Aber bei ihm landen auch nur die Männer, die sich wehren. „Die Dunkelziffer wird noch viel höher sein“, denkt er wie alle seine Kollegen, die sich deutschlandweit mit dem Phänomen beschäftigen.

Spuren werden verwischt

Der Ermittler vermutet, dass eine Gruppe von Frauen mit dieser Cybersex-Masche überregional unterwegs ist. Er beobachtet, dass manche der Frauen Nacht für Nacht ihr Profil bei Facebook ändern. Spuren werden verwischt, Spuren zu verfolgen, ist schwierig und langatmig. Auskünfte erteilen amerikanische Firmen wie Facebook oder Skype nur mit mehrmonatigen Abstand, sachdienliche Hinweise kommen fast nie zustande. Zwar geben kontaktfreudige Frauen auch schon mal den Wohnort Aachen an, was die Aussicht auf direkten Kontakt wohl noch verlockender macht. Die Internetanschlüsse der Täterinnen sind dagegen meistens im entfernteren Ausland registriert.

Bei den „Videokonferenzen“ ist regelmäßig das Mikrofon defekt, auch so fehlen Hinweise auf die Herkunft der Frauen. Dahmen und seine Kollegen setzen auf Prävention und Aufklärung. „Wer sich auf diese Form der virtuellen Erotik einlässt, sollte immer im Hinterkopf haben, dass das Gegenüber alles aufzeichnen kann. Niemals sollte Cybersex mit Unbekannten vollzogen werden. Auch ein bereits sehr freizügiger Chat in Unterwäsche kann zu einer Erpressung führen“, sagt er. Und natürlich sollten auch Eltern ihren Kindern die Gefahr des Sextings verdeutlichen.

Opfer, die bereits Zahlungen geleistet haben oder dazu aufgefordert wurden, sollten sich mit dem zuständigen Fachkommissariat der Kripo unter 0241/9577-31501 in Verbindung setzen.

Polizei warnt mit Gedicht

Die Polizei warnt unterdes mit ungewöhnlichen Mitteln vor Erpressern aus dem Internet - sie haben ein
Gedicht über die Risiken von Cybersex geschrieben, das die Aachener Beamten auf Facebook veröffentlicht haben.