Aachen: Medizinische Fakultät: Ein Phänomen in Deutschland

Aachen: Medizinische Fakultät: Ein Phänomen in Deutschland

Glanzlichter und Rückschläge, Stolpersteine und Fortschritte: Professor Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen, hat sie in einer 378-Seiten-Festschrift dokumentiert und analysiert.

Am 24. Juni feiert die RWTH 50 Jahre Medizinische Fakultät — da wollen er und seine Mitautoren Jan Kleine­mann und Enno Schwanke „keine polierte Erfolgsgeschichte“ vorlegen, sondern eine pralle Chronik, in der auch Stellung zu den politischen Verstrickungen Aachener Chefärzte zur Nazizeit genommen wird.

Instrumentarium aus 50 Jahren Medizin: Astrid Rose, Geschäftsführerin der Fakultät, und Professor Dominik Groß, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Mitautor der Festschrift. Foto: Ralf Roeger

„Es war kurios. Der Aufstieg der Medizin in Aachen hat letztlich auch mit dem Dritten Reich zu tun“, sagt Groß. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele fachlich sehr arrivierte Mediziner arbeitslos, weil es für sie nach Verstrickungen mit dem Nazi-Regime keinen Weg zurück an die Hochschulen gab.

„Die Stadt hat diese Situation genutzt und in den Jahren nach 1948 fachlich hervorragende, aber politisch belastete Chefärzte nach Aachen geholt“, berichtet Groß. 2008 entschied man sich fakultätsintern zur Aufarbeitung dieses Kapitels — bis 2011 lief das vielbeachtete Projekt.

In Aachen hat die damalige medizinische Prominenz gewissermaßen die Basis dafür geschaffen, die Krankenanstalten zu einer fachlich überregional respektierten Einrichtung aufsteigen zu lassen. Die Folge: Als um 1960 die Wissenschaftsministerien der Länder mehr Studienplätze für Humanmedizin forderten, kam auch Aachen ins Gespräch. Die Stadt war angesichts ihrer Finanznot begeistert, denn: Die Finanzierung der Medizinerausbildung ist Ländersache.

Man schlug eine „Medizinische Akademie“ mit Anlehnung an die Universität Bonn vor. Die RWTH wollte jedoch eine eigene Fakultät und setzte sich durch. 1966 kam es zur Gründung. Die RWTH erhielt als erste deutsche Technische Hochschule eine Medizinische Fakultät, die bereits Anfang der 70er Jahre zwei große Sonderforschungsbereiche einwerben konnte.

Generationswechsel

Und die Gegenwart? Innerhalb der Professorenschaft hat in der Zeit zwischen 2005 und 2015 ein umfassender Generationswechsel stattgefunden. Für Geschäftsführerin Astrid Rose, gibt es noch zwei prägende Ereignisse in der Geschichte der Fakultät: „Der Bezug des Universitätsklinikums 1985 war eine Zäsur, die viel Kraft kostete“, sagt sie. „Und dann muss man den Tiefpunkt benennen, der 1999 mit dem Besuch des Medizinausschusses des Wissenschaftsrates verbunden war.“

In der Qualitätsprüfung des Gremiums fiel die Medizinische Fakultät nahezu durch. „Der universitäre Status war in Gefahr. Die Lehre war nicht das Problem, es war die Forschung, die zu dieser Zeit nicht mehr im Mittelpunkt stand.“ Das Auslaufen der Sonderforschungsbereiche und die zeitweise verstärkte Konzentration auf die Patientenversorgung hatten die Forschungsaktivitäten gedämpft. „Ein Weckruf, der sofort wirkte“, betont Astrid Rose. „Seitdem hat sich extrem viel getan.“

Demnächst wird wieder kräftig gebaut: Bis 2025 soll über eine halbe Milliarde Euro in neue Gebäude für Forschung, Lehre und Krankenversorgung investiert werden. „Eine Bautätigkeit, wie es sie zuletzt vor 40 Jahren gab“, erklärt Professor Stefan Uhlig, zurzeit Dekan der Medizinischen Fakultät, der für die nächsten Jahre eine verstärkte praktische Umsetzung der Forschungsergebnisse fordert.

Mehr von Aachener Nachrichten