Waisenhaus und Hitlerjugend: Mario Adorfs Kindheit in der Eifel

Waisenhaus und Hitlerjugend : Mario Adorfs Kindheit in der Eifel

Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die über die Novemberpogrome oder den Beginn des Zweiten Weltkriegs erzählen können. Mario Adorf ist einer von ihnen. Gerade deshalb steht er so mancher politischen Entwicklung von heute fassungslos gegenüber.

Mario Adorf (88), der überragende Schauspieler aus der „Blechtrommel“ und „Der große Bellheim“, hat in vielen Metropolen Europas gelebt. Aber seine Wurzeln liegen in der Eifel, in dem kleinen Ort Mayen in Rheinland-Pfalz. „Ich bin in Zürich geboren, aber schon mit drei Monaten nach Mayen gekommen, weil meine Mutter daher stammt“, erzählt Adorf in einem Hotelzimmer in Köln, wo er beim Literaturfestival Lit.Cologne auftritt. Bei dem Namen Mayen gehen ihm viele Erinnerungen durch den Kopf. Die meisten davon sind eher traurig.

Das früheste Bild überhaupt stammt aus dem Jahr 1934, als er noch keine vier Jahre alt war. „Da war plötzlich so eine Bewegung in Mayen, und eine Flagge hing auf halbmast. Da habe ich gefragt: "Was ist los?" Und bekam die Antwort: "Der Hindenburg ist gestorben."“ Paul von Hindenburg, der letzte Reichspräsident der Weimarer Republik, der Hitler den Weg an die Macht mit geebnet hatte.

Adorf, der ohne Vater aufwuchs, verbrachte mehrere Jahre in einem katholischen Waisenhaus, das von Nonnen geführt wurde. „Meine Mutter hat als Näherin gearbeitet. Sie musste zu den Auftraggebern in die Häuser gehen. Und als ich so drei Jahre alt war, durfte sie mich nicht mehr mitnehmen. Da hat sie mich in ein Waisenhaus gegeben. Ich konnte sie nur sonntags sehen. Sie hat sich ein Zimmer genommen genau gegenüber, so dass sie das Gefühl hatte, bei mir in der Nähe zu sein. Sie litt ja darunter, dass sie es mir nicht besser machen konnte.“

Die Erziehung in dem Waisenhaus war sehr katholisch: „Früh morgens in die Kirche, auf den Knien rutschen. Ich war auch Messdiener.“ Heute hat sich Adorf vom Glauben seiner Kindheit verabschiedet: Er rechnet nicht damit, dass nach dem Tod noch etwas kommt. „Dennoch bin ich da gelassen“, sagt er.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde das Waisenhaus geschlossen und in ein Lazarett umgewandelt. „Erst dann bin ich in das Zimmer zu meiner Mutter gezogen.“

Adorf hat auch Erinnerungen an die Novemberpogrome von 1938. Am Tag danach zogen die Jungen aus dem Waisenhaus durch die Stadt und stahlen zum Beispiel Bonbons aus den jüdischen Geschäften, deren Scheiben eingeworfen worden waren. Er selbst durfte aber nicht mit, weil er Fieber hatte. Stattdessen sah er durch ein Fenster des Waisenhauses, wie Menschen in Lastwagen verladen wurden. „Ich habe damals eine der Schwestern gefragt: "Was haben die getan?" Die Schwester sagte: "Das sind Juden." Dabei hat sie geweint.“

Als Kind und Jugendlicher war Adorf im Jungvolk und in der Hitlerjugend. Erst später - er war bei Kriegsende 14 Jahre alt - wurde ihm klar, welche Verbrechen von den Deutschen begangen worden waren. „Danach habe ich es für ausgeschlossen gehalten, dass auch nur ein Mensch in Deutschland jemals noch etwas mit dem Nationalsozialismus und verwandten Ideen würde anfangen können. Das war für mich undenkbar. Deshalb bin ich fassungslos darüber, dass jetzt diese ganzen rechtspopulistischen Ideen um sich greifen. Dass es wieder Menschen gibt, die sich einen "Führer" wünschen! Den haben wir ja nun gehabt. Und was hat der getan? Ist das etwa schon vergessen?“ Während er das sagt, verfinstert sich sein Gesicht.

Die Erfahrung des Krieges habe sein ganzes Leben geprägt, sagt er. „Ich habe einen Tieffliegerangriff überlebt. Danach ist mir immer klar gewesen, dass ich unglaubliches Glück gehabt hatte. Das hat mir eine Grundzufriedenheit gegeben - trotz des jahrelangen Hungers, der danach noch kam. Die jungen Leute heute haben diese Erfahrung nicht mehr - zum Glück. Aber manchmal frage ich mich: Wenn man das nie erlebt hat, kann man dann überhaupt erfassen, wie glücklich man sich schätzen kann, in Frieden in einer Demokratie aufzuwachsen?“ Diese Botschaft ist auch die wichtigste aus seinem neuen Buch „Zugabe!“, einer Mischung aus Memoiren und Interviewband.

Heute hat Adorf keine Verwandten mehr in Mayen, aber er ist noch immer Pate der Burgfestspiele und kommt einmal im Jahr dorthin. Auch die Tournee „Zugabe“, die ihn vom 15. Mai bis zum 1. Juni in zehn Städte führt, wird dort beginnen: „Zumindest die Voraufführung, eine Art Probe, die findet in Mayen statt. Aus alter Verbundenheit.“

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