Manufactum Staatspreis des Landes NRW für zwei Aachener

Manufactum Staatspreis des Landes NRW : Staatspreis für zwei Detailverliebte

Die beiden Aachener Claudia Merx und Hans Paul Pümpel sind am Samstag als NRW-Kunsthandwerker-Preisträger ausgezeichnet worden. Sie und ihre Werke könnten verschiedener kaum sein.

Sie sagt: „Das ist das Konzentrat von 15 Jahren intensiver Forschung mit einem Material.“ Er sagt: „Es ist der erste Wettbewerb, an dem ich überhaupt teilgenommen habe.“ Scheinbar sind Claudia Merx und Hans Paul Pümpel so unterschiedlich, wie zwei Menschen nur sein können: Zwischen der zierlichen 61-Jährigen und dem hoch gewachsenen 26-Jährigen liegen zwei Generationen. Sie ist längst arrivierte freie Künstlerin, während er sich noch mitten in der Ausbildung befindet. Sie ist ein übersprudelnder Seelenmensch, er eher der bedächtige Typ, der seine Worte sorgsam wägt, bevor er sie ausspricht.

Trotzdem gibt es drei Dinge, die sie eint. Beide sind Aachener, beide brennen für das, was sie tun – und beide sind am Samstag mit dem Manufactum Staatspreis des Landes NRW ausgezeichnet worden. Und damit der beste Beweis für das unabhängige Ausschreibungsverfahren des Wettbewerbs für Kunsthandwerker. Alle Einsendungen werden anonym begutachtet – und deshalb hat eine bereits 2003 mit diesem Preis ausgezeichnete Frau wie Claudia Merx genau die gleichen Chancen, wie ein Mann wie Hans Paul Pümpel, der erst eine Tischlerlehre absolvierte und sich derzeit auf der Aachener Handwerksakademie Gut Rosenberg im Doppel zum Meister und Handwerksdesigner weiterqualifiziert.

„Im Mittelpunkt dieses Wettbewerbs steht das Unikat, das selbst entworfene und ausgeführte Objekt“, wie NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen am Samstag auf der Preisverleihung sagte. „Etwas mit dem eigenen Kopf und den eigenen Händen zu gestalten, zeigt in unserer hochtechnisierten Welt eine große kreative Kompetenz, die wir mit diesem Preis würdigen und in die Öffentlichkeit rücken möchten“.

Prämierte Arbeiten

Auch die beiden prämierten Arbeiten von Merx und Pümpel unterscheiden sich ungemein. Ihr „Haut­Hemd“ besteht aus (Streifen für Streifen selbst zusammengenähten) Mullbinden, die eine beeindruckende, engelsgewandgleiche Skulptur von zwölf Metern Höhe bilden. „Kann man das auch waschen?“ ist eine Frage, die der Künstlerin mitunter gestellt wird.

Aber darum geht es mitnichten. Die Vergänglichkeit ist Teil des Merxschen Konzepts, das dahinter steckt: „Verbandsmull ist für den einmaligen Verbrauch gedacht, es ist ein sehr fragiles Material. Es steht für Haut und Häutung, für die Ambivalenz von Verletzung und Heilung.“ Der preisgekrönte Eschenholzstuhl von Pümpel dagegen wirkt viel statischer als die luftige Skulptur der Aachener Künstlerin, deren Atelier im Tuchwerk in der Aachener Soers zu finden ist.

„Das ist das Endprodukt einer ziemlich langen Reise zum Thema ‚Sitzen’“, sagt der Jung-Designer, „mir ging es gar nicht so sehr um den Stuhl an sich, sondern um den Entwicklungsprozess bis zu diesem Punkt.“ Welche Stühle sind schön? Auf welchen sitzt es sich gut? Und: „Wie kann man das noch besser machen?“ Davor stand eine Gewissheit („Ich wollte keine Stühle machen, die so aussehen wie ein Raumschiff“) und dahinter eine lange Probephase. Von Pappmodellen bis in die Werkstatt und wieder zurück; „Ich habe auch viele Freunde und Kollegen gebeten, den Stuhl zu testen.“

Das Ergebnis ist überraschend leicht, sehr ergonomisch und auf schlichte Weise ein Hingucker. Fand auch die Jury: „Getragen und getragen werden, das wünschen sich Sitzende von einem Stuhl. Die damit verbundenen Anforderungen an Material, Konstruktion und Formgebung machen ihn zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Dieser Herausforderung hat sich der Aachener Handwerksdesigner Hans Paul Pümpel gestellt und sie in Form und Konstruktion schlicht, modern und preiswürdig gelöst.“

Der mit dem NRW-Staatspreis ausgezeichnete Stuhl von Hans Paul Pümpel. Foto: Jennifer Braun

Was die beiden Aachener, jenseits ihrer so ganz unterschiedlicher Materialien, auf eine Linie bringt, ist der Wunsch, dessen Möglichkeiten zu ergründen und auszuschöpfen. Und die Zeit, die sie dafür investieren.

Pümpel sagt: „Mir war es wichtig, etwas mit den Händen zu machen. Und Holz sei ein ungemein interessantes und vielseitiges Material. Für seine Stuhl-Studien hat der 26-Jährige in einem Jahr alles ausgeschöpft, was ihm Gut Rosenberg bot: „Bei uns kann man bis 20 Uhr in die Werkstatt“. Ähnlich Claudia Merx. Sie sagt: „Ich arbeite täglich in meinem Atelier.“

2008 verfiel die gebürtige Mönchengladbacherin der fragilen Faszination der Mullbinden. Warum es ausgerechnet das Stoffliche war, das generell ihr Interesse weckte? „Ich bin mit Textilien groß geworden“, sagt die Diplom-Ingenieurin, „bei uns zu Hause in Mönchengladbach wurden Textilien noch selbst hergestellt.“ Ihre Neugier auf Möglichkeiten trieb sie sogar bis nach Kyoto und Tokyo in Japan, wo sie die Produktion traditioneller japanischer Textilien studierte. Dazu, 1983 den Weg als freie Künstlerin einzuschlagen, hat sie sich bewusst entschieden: „Ich wollte den freien Ausdruck. Ohne Abhängigkeit. Nicht heute Blümchen und morgen Karos. Mir ging es um den Sinnzusammenhang: wieso ist das so? Wo liegen die Ursprünge? Was hat das mit den Menschen zu tun?“

Ausgezeichnetes Werk aus Aachen: Das „HautHemd“ von Claudia Merx, das 2015 in der Propsteikirche in Aachen-Kornelimünster zu sehen war. Foto: PIT SIEBIGS

Auch Hans Paul Pümpel geht es um die Menschen. Nicht nur, um ihnen ein besseres Sitzgefühl zu gewähren: „Ich habe viele Freunde aus dem Handwerk, ich könnte mir vorstellen, dass wir nach dem Ende der Ausbildung gemeinsam etwas in Gang bringen.“ Sein Stuhl, so schlicht und leicht und schön, wie er ist, könnte dafür ein gutes Startkapital bilden. Falls er damit in Serie ginge. „Mal sehen, wie er nach der Preisverleihung ankommt“, sagt Pümpel, und ist schon wieder ganz der Vorsichtige, Abwägende. Zumindest Varianten in Pastell kann er sich schon vorstellen: „Aber nicht so, dass die Maserung darunter leidet“. Die Liebe zum Material. Auch das eint beide.

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