Ersatzteil-Klau nimmt zu: Luxus-Autositze als begehrtes Diebesgut

Ersatzteil-Klau nimmt zu : Luxus-Autositze als begehrtes Diebesgut

Autos werden neuerdings nicht mehr nur gestohlen, sondern auch aufgebrochen, um an die Einzelteile zu kommen. Die Polizei scheint machtlos. Die Täter sind einfach zu schnell. Ein Abschleppunternehmen gibt einem Opfer einen kuriosen Tipp.

Es ist ihre Nachbarin, die Simone Albrecht* mitteilt, dass ihr Wagen, ein Mercedes AMG, in der Tiefgarage aufgebrochen worden sei. Die Polizei sei bereits verständigt. In der Tiefgarage bietet sich an ihrem Auto ein Bild der Verwüstung. „Die Diebe haben die beiden Vordersitze herausgerissen“, sagt sie. Es sei bereits das dritte Mal gewesen, dass ihr Auto in der Garage aufgebrochen worden sei. Und es war wohl auch nicht das einzige. „In einem anderen Fahrzeug wurde nur die Scheibe eingeschlagen. Deswegen kann es sein, dass sie unterbrochen worden sind“, meint Albrecht.

Dass Autositze gestohlen werden, ist laut Polizei nicht ungewöhnlich. „Die Sitze sind wertvoll, können pro Stück ein paar Tausend Euro kosten“, sagt ein Sprecher der Polizei Düsseldorf. Deshalb geht man bei den Delikten von Auftragsarbeit aus. .„Das sind Profis gewesen. Wer in kürzester Zeit die Sitze ausbaut und währenddessen damit rechnen muss, jeden Moment erwischt zu werden, macht das nicht zum ersten Mal“, sagt der Sprecher.

Tatorte: Tiefgarage, Straßen, Parkplätze

Albrecht wohnt in einer großen Neubausiedlung mit hochwertigen Eigentumswohnungen in Düsseldorf. Die Tiefgarage hat zwei Zufahrten, die Tore lassen sich durch eine Fernbedienung oder per Schlüssel öffnen. Sobald jemand die Garage betritt, geht zu jeder Tages- und Nachtzeit automatisch das Licht an. Trotzdem werden dort immer wieder Autos aufgebrochen und ausgeschlachtet.

Auch an Straßen und auf Parkplätzen werden hochpreisige Fahrzeuge aufgebrochen, insbesondere der Marken BMW und Mercedes. Die Polizei scheint dagegen machtlos zu sein. Von den Tätern fehlt in der Regel jede Spur. Auch Nachbarn sehen oder hören selten Verdächtiges. Die Aufklärungsquote ist seit Jahren niedrig. „Wir kennen diese Fälle, das kommt leider immer wieder vor. Wir können aber nicht sagen, wann“, sagt der Polizeisprecher.

Dennoch liegen der Polizei zahlreiche Erkenntnisse über die Kriminellen vor. „Häufig handelt es sich bei den Tätern um professionelle Diebesbanden aus Osteuropa, die gezielt für einige Tage nach Deutschland einreisen“, sagt Erich Rettinghaus, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) NRW, „um hochwertige Geräte wie Navis, Airbags, Kurvenlichter, Scheinwerfer und neuerdings Sitze aus Autos zu stehlen.“ Aber auch auf spezielle Kleinteile wie Schrauben, die es in keinem Baumarkt zu kaufen gebe, hätten es die Kriminellen abgesehen. Die Vorgehensweise der Banden sei seit Jahren fast immer gleich: Sie knacken die Autos nachts auf. Pro Aufbruch benötigen sie maximal eine Minute. Mit Spezialwerkzeug ziehen sie in Sekundenschnelle die fest montierten Geräte aus der Verankerung, oft durchtrennen sie dabei sämtliche Kabel – was den Schaden noch erhöht.

In Eschweiler gleich beim Autohändler zugeschlagen

Meist belassen sie es außerdem nicht bei einem Aufbruch, sondern knacken mehrere Autos hintereinander in einem Viertel. „Sie werden in einer Art Ausbildungslager in ihrem Heimatland für die Aufbrüche geschult, und zwar so, dass sie die Geräte beim Ausbau nicht beschädigen“, sagt ein Polizeibeamter. „Dann werden sie von ihren Auftraggebern mit Stadtplänen nach Deutschland geschickt, auf denen Straßen mit vielen Luxusautos verzeichnet sind.“

Oder sie gehen gleich zum Autohändler – wie zuletzt in Eschweiler Mitte April. Dort stahlen sie über ein Dutzend Reifensätze samt hochwertigen Alufelgen. Trotz ausgelöstem Einbruchsalarm fand die Polizei beim Eintreffen nur noch die auf Ziegelsteinen aufgebockten Fahrzeuge vor. Die Täter waren über alle Berge.

Die gestohlenen Geräte werden gehortet und verpackt, bis sie in großen Stückzahlen mit Lieferwagen nach Osteuropa gebracht werden. Aber auch auf hiesigen Trödelmärkten sollen die entwendeten Teile angeboten werden.

Simone Albrecht hat noch von einer weiteren Masche gehört. Der Fahrer des Abschleppwagens, der ihren AMG abholte, empfahl ihr, in den umliegenden Gebüschen der Wohnanlage nach entwendeten Gegenständen aus ihrem Auto zu suchen. „Er sagte mir, oft verpacken die erst die Teile, und ein Dritter holen sie dann später ab“, so Albrecht. Manchmal würden zwischen Einbruch und Abholung zwei Tage liegen. Die Polizei hat davon bisher noch nichts gehört. „Den Tätern dürfte das Risiko zu hoch sein, dass Spaziergänger die Sachen zufällig finden“, sagt der Düsseldorfer Polizeisprecher. Und Erich Rettinghaus meint: „Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass sie in der Nähe des Tatorts einen Lieferwagen stehen haben, den sie als Depot benutzen.“

*Name geändert