Lehrer fordern mehr Zeit für Handschrift

Probleme bei Korrekturen : Lehrer fordern mehr Zeit für Handschrift

Immer häufiger bekommt Peter Silbernagel Klausuren und Klassenarbeiten vorgelegt, deren Inhalte er kaum noch entziffern kann. „Viele Arbeiten in der Mittelstufe kann man nur noch sehr schwer korrigieren, weil man die Handschrift nicht mehr lesen kann“, sagte der NRW-Vorsitzende des Philologenverbandes aus Eschweiler unserer Redaktion. „Und das wird bis zur Oberstufe immer schlimmer.“

Deshalb fordert er, dass in den Grundschulen ein größeres Augenmerk auf leserliche Handschrift gelegt wird. „Das muss viel mehr in den Unterricht integriert werden. Und das möglichst fächerübergreifend. Dafür müssen im Stundenplan ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Das Schulministerium könnte dafür sorgen, dass das umgesetzt wird“, so Silbernagel. „Die Kinder müssen diese motorische Fähigkeit so früh wie möglich ordentlich lernen, sonst ist es zu spät dafür. Die Handschrift ist eine Kulturtechnik, die erlernt werden und erhalten bleiben muss“, bekräftigte Silbernagel.

Gelehrt wird die „Grundschrift

In NRW lernen die Kinder die sogenannte Grundschrift. Das heißt, die Schüler schreiben Druckbuchstaben und üben, zwischen ihnen Verbindungen herzustellen. Dabei müssen nicht alle Buchstaben ineinander fließen und jedes Kind entscheidet am Ende selbst, welche Schwünge und Verbindungen es herstellt.

Immer mehr Kinder können nach Angaben der Stiftung Handschrift nur noch mit Mühe oder unleserlich schreiben. „Es steht schlecht um Leserlichkeit und das flüssige Schreiben längerer Texte“, sagt Raoul Kroehl, Leiter Bildung der Stiftung Handschrift. Kroehl unterstützt die Forderung des Philologenverbandes. „Im Lehrplan der Grundschulen muss für die Handschrift mehr Zeit eingeplant und es müssen klare Standards hinsichtlich der Schriftart definiert werden.“ Es müsse ein Umdenken stattfinden. „Denn auch wenn später digitale Geräte benutzt werden, sollte man erst die Sprache über die Handschrift erlernen – denn Schreiben ist Kommunikation und nicht Konsum“, betont Kroehl.

Nicht nur Eltern und Lehrer würden die abnehmende Schreibfähigkeit der Kinder beklagen, sondern auch die Schüler selbst seien unzufrieden und wünschten sich Hilfe, sagt Kroehl. Ein Grund für die Misere sei selbstverständlich die Digitalisierung, durch die das Schreiben mit der Hand ins Hintertreffen geriete. „Man tippt, man diktiert, aber man nimmt keinen Stift zu Hand. So verlernt man buchstäblich das Schreiben“, sagt Kroehl. Darunter würden Rechtschreibung und Wortschatz leiden. Silbernagel meint: „Den Umgang mit den digitalen Geräten kann man auch noch später lernen.“

Nach Einschätzung des deutschen Grundschulverbandes liegt ein zentraler Grund für die Situation unter anderem in den unterschiedlichen Schriften. Demnach müsste die sogenannte Grundschrift als einzige Schrift eingeführt werden. „Eine weitere Schriftform als nominierte Ausgangsschrift ist wegen des Bruchs in der Schreibentwicklung schädlich“, heißt es beim Grundschulverband. Demnach sollte die Förderung der Schreibmotorik schon im vorschulischen Bereich beginnen. So sollten Erzieherinnen in den Kindertagesstätten im Beisein der Kinder Notiz- und Einkaufszettel sowie Briefe schreiben – und dabei laut sprechen.

Kinder flüchten in Druckschrift

Aber auch an den weiterführenden Schulen müsse auf eine ordentliche Handschrift geachtet werden. Ein Problem sei, dass Kinder zu wenig formklar, zu langsam und ohne Schwung schreiben, sagt Erika Brinkmann, stellvertretende Vorsitzende des Grundschulverbandes. „Sobald sie dann in den weiterführenden Schulen mehr und schneller schreiben müssen, verschärft sich das Problem“, sagt Brinkmann. Manche Handschriften seien dann kaum noch lesbar, sagt sie. Die Kinder seien sich dieses Problems durchaus bewusst und wechselten dann wieder zu einer unverbundenen Druckschrift, mit der sie besser zurechtkämen, so Brinkmann.

Die Stiftung Handschrift empfiehlt den Aufbau eines sogenannten Paten-Programms, bei dem nachmittags in den Schulen gezielt Schreibtutorien angeboten werden. „Dabei üben ältere Schüler mit den Jüngeren und werden von Schreibexperten – wie Jugendbuchautoren – unterstützt“, erläutert Kroehl.