Herzogenrath/Kerkrade: Leben und arbeiten hüben wie drüben

Herzogenrath/Kerkrade : Leben und arbeiten hüben wie drüben

Jeder Politiker sollte bei Peter Reinders einmal in die Lehre gehen. Denn dieser Mann weiß, wie man Menschen von Europa überzeugt. Dabei ist Peter Reinders weder Politiker noch Professor oder gar PR-Stratege. Im Gegenteil, Reinders denkt sich nicht etwa aus, wie es sein müsste mit Europa. Er weiß einfach, wie es ist.

Denn Reinders ist Berater im Grenzinfopunkt in Herzogenrath/Kerkrade. Zu ihm kommen Menschen, die die Chancen einer Grenzregion nutzen möchten, indem sie auf der einen Seite der Grenze wohnen und auf der anderen arbeiten. Diese Menschen sind meist ziemlich skeptisch, ob das Leben zwischen zwei Ländern tatsächlich eine gute Idee ist.

Und sie haben Fragen: Wie sieht es aus mit der Krankenversicherung, der Steuer, der Rente? Habe ich Nachteile oder vielleicht sogar Vorteile, wenn ich mich so zwischen zwei Ländern bewege — hier wohnen, dort arbeiten? All dies kann Peter Reinders aus dem Effeff beantworten, und er sagt: „Jeder, der dieses Büro verlässt, geht als überzeugter Europäer.“

Denn oft geht es ums Geld, und da kann Peter Reinders fast immer für strahlende Gesichter sorgen. Wer weiß denn schon, dass die großen Call-Center von H&M oder Mercedes-Benz, die in Maastricht sitzen, ausschließlich deutschsprachige Mitarbeiter suchen?

Und wer weiß, was es mit der 90-Prozent-Regelung im Steuerabkommen zwischen Deutschland und den Niederlanden auf sich hat? Die besagt nämlich folgendes: Wer in Deutschland wohnt und in den Niederlanden arbeitet und dann 90 Prozent seines gesamten Einkommens in den Niederlanden versteuert, kann in den Genuss von niederländischen Steuervorteilen kommen, zum Beispiel durch den Abzug deutscher Hypothekenzinsen.

Wie ist es mit Home-Office? Wie sieht es für Lkw-Fahrer oder Handelsvertreter aus? Ein großes Problem, wenn ein Arbeitnehmer in Holland wohnt, der Arbeitgeber in Deutschland sitzt, und der Mann jede Woche von Hamburg nach Valencia fährt. Wo fallen die Steuern an, wo ist der Mann sozialversichert?

Solche Grenzangelegenheiten sind eine Leidenschaft von Peter Reinders. Fast 40 Jahre arbeitet der 65-jährige Niederländer schon in Kerkrade an der (ehemaligen) Grenze. Er war Zollbeamter, zunächst in Rotterdam, ab 1980 verstärkte er den Grenzschutz an der Neustraße in Kerkrade. Im Jahr 2000, als die Grenzen längst offen waren, wechselte Reinders zum Finanzamt der Niederlande, wo er die grenzüberschreitende Beratung vor allem für Unternehmen in Deutschland, Belgien und den Niederlanden übernahm.

Am 1. September 2012 kam dann der Job seines Lebens: die Beratung von niederländischen und deutschen Grenzgängern im neu geschaffenen Grenzinfopunkt im Eurode Business Center (EBC) in Herzogenrath/Kerkrade. Hier ist Peter Reinders in seinem Element. In allen Grenzfragen bewegt er sich so behände und geschickt wie ein Seiltänzer. Schaut hierhin, dorthin, hat alles gleichzeitig im Blick. Befriedigender kann eine Arbeit kaum sein, und Peter Reinders ist fast ein bisschen traurig, dass er diese Arbeit wegen Altersteilzeit nur zwei Tage in der Woche machen kann.

2010 ging man in der Euregio-Maas-Rhein von einem Potenzial von 33 000 Grenzgängern aus. Wie viel es heute sind, kann nicht mal Peter Reinders genau sagen, denn es gibt es keine Statistik. Auch dabei mangelt es an der Zusammenarbeit der nationalen Behörden. Die Tendenz ist aber stark steigend, vermutet Peter Reinders — nicht zuletzt, weil die Bedingungen für das Arbeiten hüben und drüben immer besser werden.

Jüngstes Beispiel: Das neue Steuerabkommen zwischen Deutschland und den Niederlanden, das seit 1. Januar 2016 in Kraft ist, bringt Arbeitnehmern beider Länder endlich Steuergerechtigkeit. So wie es zwischen Deutschland und Belgien schon seit 2001 besteht. Jetzt werden Menschen, die in Holland wohnen und in Deutschland arbeiten, steuerlich genauso behandelt wie Menschen, die in Deutschland wohnen und in den Niederlanden arbeiten. Eventuelle Nachteile durch nationale Steuergesetze werden den Steuerzahlern von den Staaten erstattet.

Das ist ganz im Sinne von Peter Reinders, der sagt: „Die Niederlande wollen, dass ihre Staatsbürger arbeiten. Tun sie das nicht zu Hause sondern in Deutschland, ist es immer noch günstiger, den kleinen Steuerausgleich zu schultern als den Menschen auf Dauer Arbeitslosengeld zu zahlen.“

Solche Zeichen europäischen Zusammenwachsens freuen den Mann aus Kerkrade. Dazu gehört auch die Tatsache, dass in niederländischen Schulen wieder vermehrt Deutsch und Französisch gelehrt wird. Reinders ist überzeugt: „Ohne sprachliche Verständigung wird es schwierig mit dem weiteren Zusammenwachsen, denn im Kopf gibt es immer noch eine Grenze.“ Englisch sollte eine Selbstverständlichkeit sein, findet Reinders.

Wie oft es aber doch mit der Sprache hapert, merkt Reinders in jeder Beratung. Da bekommt ein Niederländer einen Rentenbescheid auf Deutsch, erzählt er, und „der versteht nur Bahnhof“. Am Telefon lässt sich das nicht immer klären. „Die Leute wollen, dass ihnen jemand gegenübersitzt, erst dann fühlen sie sich in ihrer Angelegenheit sicher beraten.“

Versteht sich Peter Reinders auch als Jobvermittler? Nicht ganz, auch wenn viele Kunden bei ihm immer wieder nach Jobangeboten fragen. Dieser Nachfrage wird jedoch bald in anderer Weise Rechnung getragen: Am 1. Juli eröffnet der „Grenzinfopunkt plus“ (Gip+) im selben Haus. Auf der zweiten Etage des Eurode Business Centers (EBC) werden dann Leute der Bundesagentur für Arbeit und des entsprechenden niederländischen Leistungsträgers (UWV) zusammen in einem Büro sitzen und Leute hüben wie drüben in Arbeit bringen.

Alles an einem Tag, in einem Haus

Europäische Zusammenarbeit par excellence: Erst gibt es das Jobangebot, dann schaut Peters Reinders, wie es sich für den Arbeitnehmer darstellt, wenn dieser Job angenommen wird. Alles an einem Tag, alles in einem Haus.

Europa wächst also zusammen, aber die Mentalitäten bleiben noch so unterschiedlich wie eh und je. In den Niederlanden geht es bei der Arbeit grundsätzlich etwas lockerer zu als in Deutschland. Das hat Vor- und Nachteile, findet Reinders: „In Deutschland weiß man immer, wo man dran ist. Wenn der Chef etwas sagt, wird das gemacht.“ In den Niederlanden wird der Chef mit Vornamen angesprochen, und wenn etwas gefragt wird, kommt eine Gegenfrage nach dem Motto: „Wie denkst du denn darüber?“

Doch solche Kleinigkeiten können das Hauptziel, nämlich Leute in Arbeit zu bringen, nicht in Frage stellen. Sämtliche regionale Bemühungen in dieser Hinsicht seien passé, sagt Reinders, sie seien „nicht wirksam genug“ gewesen. Jetzt haben sich die nationalen Parlamente den Jobmotor auf die Fahnen geschrieben, und das findet Peter Reinders ausgesprochen gut.

„Das muss strukturell angegangen werden, Hindernisse müssen aus dem Weg geräumt werden.“ So steht inzwischen nicht nur bei der Regierung in Den Haag die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ganz oben auf der Agenda sondern auch bei der europäischen Kommission. Reinders ist überzeugt: „Die Mitarbeit von Brüssel ist nötig, um die Vielfalt an gesetzlichen und administrativen Hindernisse bei der grenzüberschreitenden Arbeit zu überwinden.“

In Den Haag ist jedenfalls schon ein Jobplan für die verschiedenen Grenzregionen erarbeitet worden — zehn Millionen Euro wurden bereitgestellt für Schulung und Begleitung, um Langzeitarbeitslose über die Grenzen hinweg in Arbeit zu bekommen.

Bei allem Erfolg gibt es doch eine Sorge, die Peter Reinders hin und wieder umtreibt: dass der politische Wind sich doch drehen könnte, „wenn Sie wissen, was ich meine...“ Für jemanden wie Reinders, der von Hause aus überzeugter Europäer ist, gibt es nur ein Credo: „Wir dürfen nie wieder Grenzkontrollen bekommen.“