Aachen: Leben nach Stunde Null: Aachener verliert Frau beim Attentat in Brüssel

Aachen : Leben nach Stunde Null: Aachener verliert Frau beim Attentat in Brüssel

Der Moment, in dem sich das Leben von Lars Waetzmann auf eine unfassbare Art und Weise ändert, lässt sich exakt benennen. Es ist der 22. März 2016, 7.58 Uhr. Was er seitdem erlebt hat, lässt sich allerdings nur unzureichend in Worte fassen. In diesem Moment verlor der 31-Jährige seine Frau. Jennifer Scintu-Waetzmann starb durch einen Bombenanschlag im Brüsseler Flughafen.

„In einer Sekunde wird das Leben komplett umgekrempelt“, sagt Lars Waetzmann. „Ich kann es bis heute nicht realisieren, dass sie nicht mehr da ist.“ Dieser Moment, als die 29-Jährige aus ihrem Leben gerissen wird, ist die Stunde Null in seinem Leben. Lars Waetzmann musste wieder von vorne anfangen.

Lars Waetzmann trauert um seine Frau: Das Lieblingsbild hängt nun in der Wohnung. Es zeigt das Paar bei seiner standesamtlichen Trauung. Foto: Heike Lachmann

Er musste wieder sprechen, essen und laufen lernen. Und er muss bis heute damit umgehen, dass seine Frau, „die Liebe meines Lebens“, nicht mehr da ist. Das Paar war fünf Jahre zusammen, davon anderthalb Jahre verheiratet. „Mein altes Leben war nicht perfekt“, sagt er. „Aber nahe dran.“

In ein paar Tagen will er zum ersten Mal seit dem Anschlag in ein Flugzeug steigen. Er will die Hochzeitsreise wiederholen. Dafür hat er das gleiche Reisebüro, die gleiche Beraterin, das gleiche Hotel auf Mauritius gewählt. Begleitet wird er diesmal von seinem Bruder Arne, der seine wichtigste Bezugsperson geworden ist in den letzten Monaten. „Die Gefahr besteht, dass ich noch einen Rückzieher mache“, sagt er. Er hat gelernt, Widerstände zu überwinden.

Inferno wie in einem Fernsehfilm

Als die Attentäter sich in die Luft sprengen, steht seine Frau ein paar Meter vor ihm in der Abflughalle am Check-In-Schalter von Delta Airlines. An die Explosion selbst hat Lars Waetzmann keine Erinnerung. Er kommt wieder zu sich, am Boden liegend, die Kulisse, so sagt er, erinnert an einen TV-Film, wenn ein Inferno gezeigt wird. Chaos, Ruß, Feuerstellen, verstreute Körperteile.

Aber das hier ist real. Sirenengeheul — das Geräusch ist bis heute nicht aus seinem Kopf verschwunden. Der 31-Jährige liegt blutend am Boden, der rechte Mittelfinger hängt herunter, der Oberschenkel ist komplett offen. Wadenbein und Fuß sind gebrochen, er hat Verbrennungen an Hand, Rücken und Stirn, Splitter im Auge. Später werden zigarettenlange Schrauben der Nagelbombe in seinem Körper gefunden.

Ihm ist schwindelig, er schaut sich nach seiner Frau um. Vergeblich. Menschen hasten panisch vorbei zum Ausgang. Waetzmann ruft intuitiv auf Englisch um Hilfe. „Help me.“ Um ihn herum werden bereits Verwundete abtransportiert. Er versucht, sich zu bewegen, schafft nicht einen Millimeter. „Ich will das nicht mehr, beende das jetzt bitte“, ist ein Gedanke, der heute noch präsent ist.

Die Fragen sind nie verflogen. Hätte ich langsamer anreisen können, warum hat uns kein Stau aufgehalten, warum habe ich nicht noch eine Zigarette vor der Abflughalle geraucht, warum haben wir uns nicht länger vom mitgekommenen Stiefvater verabschiedet?

Yves van H. ist Direktor für die Infrastruktur am Brüsseler Flughafen. Er eilt an seinen Arbeitsplatz, als die ersten Horrornachrichten kursieren. Der Manager kommt an den Absperrungen vorbei, entdeckt den schwer verletzten Deutschen. „Du musst wach bleiben“, ruft er immer wieder. Er schiebt seine Jacke unter den schmerzenden Nacken des 31-Jährigen, versucht, ihn zu beruhigen. Van H. organisierte die erste Hilfe, Waetzmann kommt zunächst auf einer Trage in den Feuerwehrbereich, später wird er in die Spezialklinik nach Gent geflogen, landet auf der Verbrennungsstation. Die Ärzte versetzen ihn in ein künstliches Koma.

In Aachen wird die Mutter kurz vor Mitternacht von der Polizei informiert, dass ihr Sohn gefunden worden sei. Vater, Bruder und Freundin sind da schon in Brüssel auf der Suche und fahren ins Krankenhaus. Nach ein paar Wartestunden dürfen sie das Zimmer auf der Intensivstation endlich betreten. „Ist das überhaupt Ihr Sohn?“, wollen die Ärzte vom Vater wissen.

Nach dem Koma

Nach vier Tagen holen die Ärzte den Patienten aus dem Koma zurück. Lars Waetzmann wird wach und weiß, dass seine Frau das Attentat nicht überlebt hat. Er ist Krankenpfleger, kennt sich mit Verletzungen aus. Zu nah stand die zierliche Frau am Ort der Explosion. „Warum muss sie gehen, warum habe ich überlebt?“, fragt er bis heute. Die folgenden Nächte in Gent werden furchtbar. Die Schmerzen sind unerträglich, Fieber setzt ein, die Medikamente führen zu Halluzinationen.

„Ich konnte nicht alleine sein“, sagt Lars Waetzmann. Sein Bruder Arne zieht ein ins Krankenzimmer. Der Schwerverletzte wird ins Aachener Klinikum gefahren, weitere drei Wochen liegt er dort auf der Intensiv- und Normalstation. Arne weicht nicht mehr von seiner Seite. Laufen kann Lars Waetzmann noch nicht, zu komplex sind die Verletzungen an allen Stellen des Körpers, die Befunde und Behandlungspapiere füllen längst ein paar Ordner.

Lars Waetzmann arbeitet als Krankenpfleger im Aachener Luisenhospital. Von der ersten Sekunde an kümmert sich der Arbeitgeber um ihn, sagt er. Die Klinik holt ihn als Patienten zurück ins Haus. Zwei Monate liegt er in der vertrauten Umgebung, bekommt dort Therapieeinheiten. Waetzmann macht auch im übertragenen Sinn wieder die ersten Schritte. Er hat den rechten Mittelfinger und einen großen Zeh verloren, die Sehkraft hat nachgelassen, er trägt nun eine Brille.

In seinem Körper stecken immer noch Splitter. Der zerfetzte Oberschenkel wird von einem großen Gammanagel zusammengehalten, der im nächsten Jahr entfernt werden soll. Dann soll auch die unterschiedliche Beinlänge korrigiert werden. „Ich will so viel machen, wie es irgendwie geht“, sagt er. Die Erinnerungen sollen beseitigt werden — soweit es die Medizin ermöglicht.

In die gemeinsame Wohnung ist er nicht mehr zurückgekehrt. „Ich konnte sie nicht mehr betreten.“ Die neue Wohnung haben Freunde und Familie gefunden, Lars Waetzmann entschied sich nur anhand einiger Fotos und Videos. Monatelang blieb sie kahl. Die gemeinsamen Bilder konnte er nicht ertragen. Ob Zeit Wunden heilt? Sie lindert vielleicht, aber es ist ein Prozess. Trauernde müssen ihr eigenes Tempo finden, es gibt keine Vorhersagen. Inzwischen hängen viele gemeinsame Erinnerungen an den Wänden. Im Eingangsbereich hängt ihr Lieblingsbild, eine fröhliche Erinnerung an die standesamtliche Trauung.

Jenny ist immer in seinen Gedanken, jetzt ist sie auch sichtbar für Besucher. Wenn er abends ins Bett geht, wünscht er ihr wie selbstverständlich eine gute Nacht. Jenny fehlt. Die gemeinsamen Kinobesuche, die gemeinsame Leidenschaft für Borussia Dortmund, die Tage in der Handballhalle bei Schwarz-Rot Aachen, die Reiselust, die die Fremdsprachenkorrespondentin bei ihrem Mann erst entfacht hat. Die vielen kleinen und großen gemeinsamen Momente. „Wir waren einfach ein gutes Team.“

Gibt es irgendetwas Positives? „Positives gibt es nichts, aber es gibt viel Gutes.“ Auf den Arbeitgeber konnte er sich verlassen. Neue Freundschaften wie zum Beispiel zu Yves van H. sind entstanden. Menschen, auch bislang Unbekannte, haben sich gemeldet, er hat viel Zuneigung geschenkt bekommen. „Ich bin vielen Menschen extrem dankbar, dass sie da waren in dieser Zeit“, sagt er.

Zeichen für Unendlichkeit

Die ohnehin funktionierende Familie ist noch enger zusammengerückt. Das gilt auch für die Schwiegermutter von Lars Waetzmann, die ihre einzige Tochter verloren hat. Er hat ihr seinen Ehering gegeben. „Für mich war es eine gute Idee, wenn sie zusammenbleiben.“ Legt man die Ringe nebeneinander, ergeben sie das Zeichen für Unendlichkeit. Oder eine 8. Lars Waetzmann hat sich vor ein paar Monaten die Zahl auf seinen Unterarm tätowieren lassen.

Die 8 war die identische Trikotnummer der beiden im Handballverein. Jenny spielte bei der zweiten Frauen- , er bei der zweiten Männermannschaft. Noch heute taucht die 8 auf den Trikotärmeln auf. Als vor der Saison das neue Frauenteam fotografiert wurde, hielt eine Spielerin das Trikot mit der Nummer 8 in die Kamera. Jenny ist nicht vergessen. Die 8 gilt als heilige Zahl.

Sie bedeutet im Judentum den Übergang von der Zeitlichkeit in die Überzeitlichkeit, vom Diesseits ins Jenseits. Der Zahl Acht bringt zwei scheinbar unvereinbare Welten durch die geheimnisvoll verbindende Kraft Gottes zusammen.

Auf den anderen Arm hat sich Lars Waetzmann ein Kreuz stechen lassen. Es sieht ein bisschen flüchtig eingeritzt aus. „Es steht für das, was mir passiert ist.“ Menschen verlieren nach solchen traumatischen Erlebnissen manchmal den Glauben. Bei Lars Waetzmann ist es anders: Er glaubt, dass er seine Partnerin wiedersehen wird.

Irgendwann im letzten Herbst ist er wieder zum Handballtraining bei Schwarz-Rot Aachen gegangen. Der Anfang war mühsam, die Kraft fehlte, der Körper hatte viele Handicaps. Er hat langsam Fortschritte gemacht. Schritt für Schritt. Sich zurück zu kämpfen ins Leben, ist seine Berufung geworden. Irgendwann stand er wieder im Kader seiner Mannschaft, er ist zunächst nur für Sekunden eingewechselt worden in die zweite Herrenmannschaft, wenn ein Siebenmeter anstand.

Aber die Fortschritte waren greifbar, Anfang des Jahres hat er wieder für einige Minuten auf dem Spielfeld gestanden. Inzwischen gehört er wieder fest zur Mannschaft. Wichtiger ist: Der Sport ist Ablenkung, die Freunde tun einfach gut. „Es ist unfassbar, was der Verein auf die Beine gestellt hat“, sagt er. Auch andere Vereine haben sich angeschlossen. Die Handballfamilie war da. „Es hat eine großartige Solidarität gegeben.“

14 Monate nach der Explosion hat Lars Waetzmann wieder auf seiner Station angefangen. Er begann die Wiedereingliederung mit zwei Stunden pro Tag, das Pensum wurde langsam gesteigert. Seine Kollegen und Vorgesetzten haben versucht, ihm den Druck zu nehmen, dass er sofort wieder funktionieren muss. Seit dem 1. September arbeitet er wieder mit voller Stundenzahl ausschließlich im Frühdienst. Vor ein paar Tagen hat er den Stationsleiterlehrgang geschafft.

Die Zweifel sind aber immer noch mit unterwegs. Schaffe ich körperlich die Arbeit, die auch mit viel Laufarbeit verbunden ist? Bekommt mein Kopf die ganzen Aufgaben koordiniert? Lars Waetzmann arbeitet auf einer Station, auf der viele ältere Menschen liegen. Sie erzählen oft von ihrem Schicksal, von ihrer Hilflosigkeit, Angst, Abhängigkeit von anderen. Früher konnte er solche Geschichten ganz abschütteln, wenn er nach Hause ging. „Heute nehme ich das manchmal mit.“ Er weiß, was Leiden bedeutet.

Seit dem Unglück wird Waetzmann von einem Psychotherapeuten begleitet, der bis heute ein Ansprechpartner ist. Im nächsten Jahr soll es in Aachen eine Selbsthilfegruppe für Menschen geben, die schon ganz jung ihren Partner verloren haben. Auch das könnte eine Anlaufstelle werden.

Keine Spur des Gepäcks mehr

Monate nach dem Unglück ist Lars Waetzmann noch einmal zum Tatort gefahren, um sein Gepäck zu suchen. Sein Freund Yves van H. hat ihn abgeholt, sein Bruder ist mitgekommen. Von den Koffern gab es keine Spur mehr. Er bekam sein Tablet zurück, das immer noch funktionierte. In einer Plastiktüte fand er einen Schuh von sich, er entdeckte ein paar von ihren Kleidungssachen. Völlig zerfetzt. Die eigenen Sachen hat er später entsorgt, Jennys Kleider bekam ihre Mutter.

Lars Waetzmann hat die Idee, die Stätten noch einmal zu besuchen, die für ihn mit so vielen Schmerzen verbunden sind. Für ihn gehört das dazu, um abschließen zu können. Er ist mit seiner Familie noch einmal in die Spezialklinik in Gent gefahren. Damals waren die Augen verbunden. Ein Jahr nach der Explosion hat er das Angebot angenommen, bei der Trauerfeier stellvertretend für die Opfer am Brüsseler Flughafen zu reden.

Das belgische Königshaus war da, die Weltpresse berichtete. Es sind schwere Momente geworden. Bevor Lars Waetzmann auf Englisch gesprochen hat, sind die Namen der 32 Opfer verlesen worden. Dann ist der Aachener ans Mikrofon gegangen. Er hat sich an die Öffentlichkeit gewandt, aber seine Worte waren an Jenny gerichtet: „Du warst mein Norden, mein Süden, mein Osten und mein Westen.“

Im Alltag sucht er weiter Antworten. „Warum habe ich überlebt und Jenny nicht? Was soll das Leben noch für mich bereit halten?“ Die neue Sinnsuche hat noch kein Ergebnis gebracht, aber er macht Fortschritte. „Ich weiß, dass sehr viele Menschen froh sind, dass ich noch da bin und mir nicht das Leben nehmen werde“, sagt er.

Seine Trauerrede in Brüssel endete mit den Worten: „Du bist meine Inspiration, jeden Tag weiterzumachen und das Leben von der hellen Seite zu sehen. Danke, Jenny, dass du Teil meines Lebens bist und mich dazu machst, wer ich heute bin.“

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