Angst im Polizeialltag: „Lass ihn los, sonst töten wir dich!“

Angst im Polizeialltag : „Lass ihn los, sonst töten wir dich!“

Eigentlich ist Payk Freches jemand, den so schnell nichts umhaut. Aber das, was er im Dezember vor drei Jahren erlebt hat, lässt den Polizisten nicht mehr los. Während eines harmlosen Routineeinsatzes im beschaulichen Lindlar durchlitt er Todesängste.

„Ich hatte wirklich Angst um mein Leben“, sagt der 46-Jährige. Mit einem Kollegen sei er damals zu einer Schulabschlussfeier in eine Gaststätte gerufen worden. Vor der Tür spuckt ihm ein junger Mann unvermittelt vor die Füße und dann mehrfach an den Körper. Als die beiden Polizisten ihn festhalten wollen, verletzt sich der junge Mann selbst, weil er sich heftig wehrt. Dann werden die Polizisten von einer aufgebrachten Horde junger Männer eingekesselt. Freches verschanzt sich mit dem Festgehaltenen in einem Rettungswagen, sie warten auf Verstärkung. „Die Menge wollte uns da rausholen und rief: ‚Lass ihn los, sonst töten wir dich!’ “, erinnert sich Freches. Das habe er in seinen fast 25 Dienstjahren noch nicht erlebt.

Payk Freches ist der einzige Polizist in NRW, der im Rahmen einer landesweiten Umfrage unserer Redaktion unter allen 47 Polizeibehörden des Landes in der Öffentlichkeit offen und ehrlich über seine Gewalterfahrungen im Dienst spricht. Niemand anderes hat sich dazu bereit erklärt, mit richtigem Namen und Foto über das zu reden, was ihm widerfahren ist. Dabei hätten die Polizisten viel zu erzählen.

So ist die Zahl der Angriffe auf Polizisten in NRW im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Laut einem Lagebild des Landeskriminalamts wurden 18.873 Polizeibeamte Opfer von Gewalt – 834 mehr als 2017. Zu den Verletzungen zählen unter anderem: Knochenbrüche, Schnitt-, Stichverletzungen, Platzwunden, Zerrungen, Verstauchungen Bänderrisse, innere Verletzungen, Kehlkopfödeme, Bisswunden, Quetschungen und Hämatome. Hunderte Polizisten waren 2018 dienstunfähig infolge der Attacken.

Beleidigungen gehören zum Alltag

Freches berichtet auch davon, dass der Respekt gegenüber der Polizei massiv nachgelassen habe. Eine Einschätzung, die sich mit einem weiteren Ergebnis unserer Umfrage unter den Kreispolizeibehörden in NRW deckt: Landesweit berichtet die Polizei von einer erheblichen Verrohung der Sprache.

Folgende Beleidigungen gehören demnach mittlerweile zum Alltag vieler Polizisten: „Ich knall Euch ab, ihr scheiß Bullen“, „Verpisst euch, sonst klatscht es!“, „Halt dein Maul! Du hast mir gar nichts zu sagen“, „Hey ihr Fotzen, ich reiße euch den Arsch auf“, „Du bist Müll, Schwuchtel“, „Scheiß Kanacke, Scheiß Ausländer“, „Ich knall euch alle ab“. Und das sind nur wenige und noch nicht einmal die schlimmsten Beleidigungen, die den Polizisten an den Kopf geworfen werden. „ ‚Hurensohn’ gehört besonders bei jungen Männern fast schon zur Standardbezeichnung für Polizeibeamte“, sagt Andreas Wilming-Weber von der Kreispolizeibehörde Recklinghausen. Es werde tatsächlich von Tag zu Tag schlimmer, meint auch Essens Polizeisprecher Peter Elke.

Die Beleidigungen würden häufig laut vorgetragen, damit möglichst viele sie mitbekämen. „Das führt häufig zu Nachahmern“, betont Elke. „Von einigen Leuten mit Migrationshintergrund werden wir manchmal als ‚Hitlerpolizei’, ‚Nazis’ und ‚AfD-Wähler’ bezeichnet“, so Elke. Und: „Weibliche Polizisten werden sexuell beleidigt, häufig von jungen Männern mit Migrationshintergrund“, sagt er.

Selbst banalste Anlässe reichen inzwischen aus, damit Leute gegenüber der Polizei ausfallend werden und völlig die Kontrolle verlieren, wie ein Fall aus Recklinghausen bei einer Bombenentschärfung zeigt, bei der ein Mann ohne Anlass die Polizisten verbal anging: „Ihr Wichser, ihr Vollidioten, ihr Bullenschweine, euch sollte man die Köpfe einschlagen. Wenn ich euch Pisser das nächste Mal sehe, breche ich euch die Nasenbeine. Vor euch Scheiß-Bullen braucht man keinen Respekt zu haben, weil ihr alles Vollidioten seid“, soll der Mann gesagt haben.

Grundsätzlich würden die Menschen sehr gereizt auf Polizisten reagieren, bestätigt Andreas Czogalla, Sprecher der Polizei Düsseldorf. „Und es kommt häufiger zum Einmischen von Unbeteiligten, die sich mit den Streithähnen solidarisieren.“

Polizisten werden auch immer häufiger bedroht, wie Beispiele aus dem Polizeialltag zeigen: „Ich weiß, wo du wohnst“, „Ich bringe dich um“, „Man sieht sich immer zweimal“, „Das nächste Mal hast du keine Uniform mehr an“, „Ich kenne die Bandidos und arabische Clans, die machen euch fertig“.

NRW-Innenmister Herbert Reul (CDU) verurteilt die Beleidigungen. „Das ist verbale Gewalt gegenüber denjenigen, die helfen und jeden Tag den Kopf für uns hinhalten“, sagt Reul. Deshalb müsse auch jede Beleidigung konsequent verfolgt und geahndet werden. „Jeder Angriff, körperlich oder verbal, auf Polizeibeamte ist einer zu viel. Dafür gibt es keine Entschuldigung, auch nicht Alkohol“, so Reul. Damit spricht Reul das an, was viele Polizisten ärgert: Selbst übelste Beleidigungen blieben demnach sehr häufig ohne Folgen. „Immer wieder kommen sie davon, weil sie betrunken waren oder unter Drogen standen. Vor Gericht kommen sie damit durch. Das frustriert uns. Und das Schlimme ist: Die Täter wissen das genau“, sagt ein Polizist, der anonym bleiben möchte.

Neben dem 46-Jährigen wollte nur noch eine weitere Polizistin im Zuge der Umfrage über ihre Gewalterfahrungen sprechen – anonym. Demnach erhielt sie bei einem Einsatz vor einer Diskothek aus der Menge heraus völlig unvermittelt mehrere gezielte Faustschläge ins Gesicht. Sie erlitt eine Gehirnerschütterung und benötigte psychologische Hilfe.

Ein Polizist, der nicht erzählen möchte, was ihm widerfahren ist, sagt, dass es bei ihm die Scham sei, die ihn daran hindere, öffentlich darüber zu sprechen. „Wir sind fast täglich auf der Straße. Da kann ich es mir nicht erlauben, Schwäche zu zeigen. Wenn das die Falschen mitbekommen, werde ich nicht mehr ernst genommen“, sagt er.

Payk Freches hat lange gebraucht, um den Einsatz, in dem er Todesangst verspürt hat, zu verarbeiten. Viele Gespräche mit seinen Kollegen haben ihm dabei geholfen. Einen Psychologen hat er nicht gebraucht. Besonders sind ihm die Minuten in Erinnerung geblieben, in denen er mit seinem Kollegen auf die Unterstützungskräfte gewartet hat. „In so einer Situation kommt einem das wie eine Ewigkeit vor“, sagt Freches. Der 46-Jährige verklagte den Täter zivilrechtlich, weil es ihm um sein Recht geht. Er erhielt Schmerzensgeld. Bis heute ärgert ihn das Verhalten des Anwalts der Gegenseite. „Er hat zu mir gesagt, dass er es leid sei, immer zum Gericht zu fahren. Er bezahle jetzt einfach und die Sache sei geregelt“, sagt er. „Von einem Schuldeingeständnis war da keine Spur.“

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