Mordprozess in Aachen: Landgericht schickt 23-Jährigen dauerhaft in die Psychiatrie

Mordprozess in Aachen : Landgericht schickt 23-Jährigen dauerhaft in die Psychiatrie

Es bestehen keine Zweifel, dass Tamir A. versucht hat, seine Vermieterin umzubringen. Der Flüchtling aus Eritrea wurde vom Versuch des versuchten Mordes dennoch freigesprochen. Er gilt als schuldunfähig, er bleibt in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik.

An einem Tag im Mai dieses Jahr hat Tamir A. versucht, seine Vermieterin in Düren umzubringen. Gegen 12 Uhr mittags lauerte er der 74-Jährigen auf, würgte sie bis zur Bewusstlosigkeit. Später trat er die Seniorin mit Tritten so gegen Kopf und Oberkörper, dass Jutta S. (Name geändert) lebensgefährlich verletzt wurde. Sie erlitt ein schweres Schädelhirntrauma, Hirnblutungen, Rippenbrüche und weitere multiple Verletzungen.

Am Freitagmorgen ist der 23-Jährige dennoch vom Versuch des versuchten Mordes von der 1. Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts freigesprochen worden. Er war nach Überzeugung aller Verfahrensbeteiligten schuldunfähig bei seiner Tat. Der Mann aus Eritrea, anerkannter Flüchtling, bleibt in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung, wohin er bereits ein paar Stunden nach seiner Tat eingewiesen wurde.

Die Sachverständige Dina Mörth hatte bei ihren Explorationen deutliche Symptome einer Psychose ausgemacht. Tamir A. hörte Stimmen in seinem Kopf, immer wieder ging es um seinen Religionswechsel. Der Afrikaner war vom Islam zum Christentum konvertiert. Die Stimmen quälten ihn, Tag und Not registrierte er Vorwürfe, führte die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie aus. „Es stimmt etwas nicht mit meinem Kopf, ich kann so nicht weiterleben“, hatte ihr der Angeklagte berichtet.

Auch zum Tatzeitpunkt habe er unter einer akuten Psychose mit paranoiden Wahnideen gelitten, war sich Mörth sicher. Er fühlte sich bedroht, auch von seiner Vermieterin, bei der er mal Messer, mal Pistolen registrierte. Tamir A. jedenfalls wähnte sich in einer Notwehrlage am Tattag, weil er einen Angriff befürchtete. „Seine Steuerungsfähigkeit war nicht nur eingeschränkt, sondern aufgehoben“, ist das Fazit der Gutachterin.

Die Behandlung in der Spezialklinik in Essen, in der er seit der Tat untergebracht ist, hat bislang nur mäßigen Erfolg. Auch dort fühlte er sich verfolgt, hat vor kurzem sein Zimmer gewaltsam ummöbliert. „Er hat sich noch nicht stabilisiert und kein Verständnis für seine Krankheit entwickelt.“

Zweifel an der Expertise gab es nicht, auch Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts beantragte den Freispruch wegen Schuldunfähigkeit und die weitere Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Tamir A. erklärte sich damit einverstanden.

Richter Roland Klösgen erinnerte in seinem Urteil an Jutta S.. „Die Frau hat sich mit Blick auf die Willkommenskultur entschieden, Flüchtlingen zu helfen. Das hatte gerade für sie fatale Folgen.“ Die rüstige Seniorin war für Tamir A. nicht nur die Vermieterin. Sie half dem Flüchtling aus Eritrea immer wieder bei Behördengängen und Arztbesuchen. Sie war für ihn „mehr als eine Mutter“ hat er mal gesagt. Für ihre Hilfsbereitschaft hat sie einen hohen Preis gezahlt. Bis heute sei sie traumatisiert von dem Überfall, sagt ihre Anwältin. Stimme und Kehlkopf seien vielleicht für immer geschädigt. Nach dem Mordversuch hat sie sich entschieden, in ihrem Haus keine Flüchtlinge mehr aufzunehmen.

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