Aachen: Kurzfristige Absage: Bundespräsidenten-Dinner auf Eis gelegt

Aachen : Kurzfristige Absage: Bundespräsidenten-Dinner auf Eis gelegt

Das Goldene Buch blieb im OB-Tresor, der Caterer zog unverrichteter Dinge wieder ab, das exquisite Drei-Gänge-Menü mit Eifelrind-Medaillons und Printen-Vanille-Eis für gut 200 VIPs im Krönungssaal ebenso. Abserviert, alles auf Eis gelegt. Als Aachens Protokollchefin Claudia Wellen am Montagmorgen um 7.30 Uhr zum Handy griff, ahnte sie noch nicht, dass dies — nicht nur aus kaiserstädtischer Sicht — ein trauriger Montag werden würde.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und seine Gattin Elke Büdenbender sagten den Staatsbesuch in Nordrhein-Westfalen kurzfristig ab — und damit Termine in Aachen in der Elektroautoschmiede e.GO auf dem RWTH Campus, im Rathaus, im Dom und am Grenzinfopunkt Eurodepark in Herzogenrath. Der Präsident wird angesichts der turbulenten politischen Entwicklungen in Berlin gebraucht. Merkel statt OB. Die Nachricht wurde vom Präsidialamt über die Düsseldorfer NRW-Staatskanzlei nach Aachen gefunkt.

Oberbürgermeister Marcel Philipp nahm‘s gelassen: „Natürlich hätten wir dem Bundespräsidenten und den mitreisenden Landespolitikern gerne die herausragenden aktuellen Entwicklungen in Aachen präsentiert. Aber die Absage ist natürlich angesichts der gescheiterten Jamaika-Sondierungsgespräche absolut verständlich“, sagte Philipp. Er geht davon aus, dass der Staatsbesuch bei nächster Gelegenheit nachgeholt wird.

Protokollchefin Wellen vermutet das genauso. Trotzdem ist ihr die Enttäuschung über die kurzfristige Absage am Montagmorgen im leer gefegten Krönungssaal des Rathauses ins Gesicht geschrieben. Zwei Monate harte Vorbereitungsarbeit sind dahin. Hunderte Menschen waren in Marsch gesetzt. „Vor allem die Vorfahrt der präsidialen Eskorte mit sieben Motorrädern und einer Reihe von Staatskarossen hatte uns im Vorfeld einige Kopfschmerzen bereitet — schließlich ist auf dem Markt vor dem Rathaus kaum noch Platz, weil da die Hütten des Weihnachtsmarktes schon aufgebaut werden“, erläuterte sie.

„Aber dank gemeinsamer Kraftanstrengung von Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt, der Stadt und dem Märkte und Aktionskreis City als Veranstalter des Weihnachtsmarktes wäre garantiert alles reibungslos gelaufen“, so Wellen. Gerade hatte sie den Caterer nach Hause geschickt, die Stühle und Tische wieder ins Depot bringen lassen. Die Bühne — verwaist. „Man brennt ja für so eine Aufgabe, steht unter Adrenalin — da ist eine solch kurzfristige Absage selbstverständlich traurig, so plausibel sie auch ist“, bekannte die Protokollchefin.

Keine Absperrgitter, kein Polizeiauflauf. Die Beamten — etwa von der Verkehrsdirektion — schirmten nun nicht die Eskorte des Präsidenten ab, sondern fahndeten nach Gurtmuffeln und Handysündern. Tagesgeschäft eben. OB Philipp besuchte am Abend die CDU-Fraktionssitzung statt des Gala-Banketts. Und Professor Günther Schuh, unter anderem Direktor des RWTH Clusters Produktionstechnik (Werkzeugmaschinenlabor/WZL), führte nicht das innovative Aachener Elektrofahrzeug e.GO vor, sondern feierte mit einem werten Kollegen, dem langjährigen WZL-Direktoriumsmitglied Professor Manfred Weck, dessen 80. Geburtstag.

Einen Ehrengast, Festvorträge und Dinner gab es da freilich auch. Die Lücke im prall bestückten Terminkalender war schon mittags schnell wieder gefüllt. „Langeweile haben wir hier nie“, sagte Schuh. Aber auch er räumte ein: „Gerade diesem Bundespräsidenten, den ich persönlich sehr schätze, hätte ich gerne gezeigt, was wir hier in Aachen in Sachen Elektromobilität auf die Beine stellen. Allein, dass Ministerpräsident Armin Laschet uns Forscher in Aachen bei diesem Staatsbesuch so in die Agenda aufgenommen hat, ehrt uns sehr“, erklärte Schuh.

Auch der renommierte Wegbereiter des RWTH Campus und der neuesten Elektroautos hofft auf einen Nachholtermin. „Es würde mich ungemein freuen.“ Und: „Nein, ich habe FDP-Chef Christian Lindner heute nicht angerufen, um ihm zu sagen, dass er die Sondierungsgespräche doch einen Tag später hätte platzen lassen können“, so Schuh. Hat Lindner aber nicht. Deswegen stehen Krönungssaal und auch der Aachener Dom — beide sollten wegen der präsidialen Sicherheitsstufe 1 stundenlang gesperrt werden — ganztägig für alle offen.

Über delikate regionale Spezialitäten des Drei-Gänge-Menüs, das eigentlich für den Bundespräsidenten und seine geladenen Gäste bestimmt war, durften sich nun Bedürftige freuen. Es ging — dem Vernehmen nach — noch am selben Tag an eine karitative Einrichtung in der Region Aachen: Lauch mit süß-herzhafter Senfsoße an Geflügel, Eifelrind mit spätherbstlichem Gemüse und Printen-Vanille-Eis auf Apfeltörtchen... .