Aachen: Kunst als kollektives Erlebnis

Aachen: Kunst als kollektives Erlebnis

Es ist nicht lange her, da war das Innere der Burg Frankenberg noch eine Baustelle. Alte Hinweisschilder über den Türen erinnern an das Museum, das erst letztes Jahr ausgezogen ist. Von manchen Wänden bröckelt etwas Putz, hinter einer provisorisch eingesetzten Wand kommt ein alter Durchgang wieder zum Vorschein.

Doch das Unfertige und Rohe stört nicht die Ausstellung, die hier im Rahmen der Aachener Kunstroute 2011 stattfindet.

Im Gegenteil wirkt es fast, als greife die Kulisse das Thema auf, das der dreieck.triangle.driehoek e.V. für seine Ausstellung gewählt hat: annähernd.ziemlich.sonderbar. Die Künstlerinnen aus der Grenzregion haben sehr individuelle Werke zusammengetragen, den Freiraum des Themas mit unterschiedlichsten Ideen gefüllt. Über die Räume und Stockwerke der Burg verteilen sich Malereien, Fotos, Objekte und Installationen. Die Idee sei gewesen, dass die Künstlerinnen in ihren Werken aufgreifen, was sie im Alltagsleben beschäftigt. Lebensumstände oder -gegenstände und erlebte Situationen haben so Ausdruck in verschiedenster Form gefunden. Skurriles, vielleicht etwas Abseitiges, auf jeden Fall Ungewöhnliches zu schaffen war erwünscht.

So hält Öl auf Leinwand den Blick aus einem fahrenden Auto auf der Autobahn fest. In graublauer Gischt verlieren sich die Konturen und Lichter schimmern trübe. Direkt daneben der Blick aus einem Fenster auf die nächtliche Straße mit parkenden Autos, alltäglich zwar, doch atmosphärisch intensiv. An einer Wand hängen zahlreiche Topflappen, bunt, bebildert und gemustert fügen sie sich zusammen zu einem Puzzle, das über das Gegenständliche hinausgeht. Denn sie sind auch ein Blick zurück, eine Kollage aus Erinnerungen.

In der Ateliergemeinschaft Halle 1 fällt Licht durch die großen Dachfenster, der Geruch von Farbe hängt in der Luft. Auf manchen Leinwänden ist sie noch nicht ganz getrocknet, und es wird auch noch eine Weile dauern. Denn Heinrich Hüsch hat Bäume auf der Leinwand nicht nur grafisch dargestellt, sie haben auch Struktur, ihre Oberfläche verlässt das Zweidimensionale. Mit einem Rakel, ähnlich einem Spachtel, hat Hüsch sie entstehen lassen, indem er Farbe über Fläche gezogen hat. Vor verschwommen weißem Hintergrund ragen Äste in vertrauter und fremdartiger Form vom Stamm. Hüsch spielt mit der kraftvollen und zugleich ruhigen Präsenz der Bäume, mit ihrem Geheimnis, ihrer Lebensdauer, ihrer Symbolkraft.

Zehn Künstler nutzen die Galerie, arbeiten hier und stellen aus. Ganz verschiedene Motive und Stimmungen treffen zusammen und ergänzen sich, bieten sich dem Besucher in bescheidener Weise an. Auch wer nicht mit Kunst vertraut ist, wird hier nicht überfordert. Ein Radio läuft im Hintergrund, es gibt Kaffee und Kuchen. Und die Künstler stellen nicht nur aus, sie sind auch Gesprächspartner.
Eine kleine Gaudi spielt sich vor der Produzentengalerie Artikel 5 ab. "Tageshöchstwerte" ist hier das selbstgewählte Thema und unkonventionell sind seine Interpretationen. Über eine selbstgebastelte Rampe aus Wasserkasten und Brett springt ein ferngesteuertes Auto, das als Pferd "verkleidet" ist. Die Zuschauer sitzen bequem auf dem Bürgersteig und haben viel zu lachen. Auch das ist die Kunstroute.

Drinnen in der Galerie drängen sich einfallsreiche Objekte auf engem Raum. Ein Teil einer Kühlerhaube ziert eine Wand, daneben Fotos mit Ausschnitten von Nummernschildern, Notizen und Strichlisten, auf den ersten Blick wahllos, dann aber doch mit System. Wer möchte, kann nachfragen und sich unterhalten. Es geht locker und herzlich zu. An vielen Orten in Aachen lädt die Künstlerszene an diesem Tag Besucher zu sich ein. Insgesamt sind es 31 Teilnehmer und über 240 Künstler. An jeder Station der Kunstroute weht an Fassaden oder vor dem Gebäude eine Fahne im Wind.