Aachen/Jülich: Krimineller und sein Sohn: Richterin demonstriert Härte und Milde zugleich

Aachen/Jülich : Krimineller und sein Sohn: Richterin demonstriert Härte und Milde zugleich

Als der Sohn mit kargen Worten und unter Tränen schilderte, was sein Vater ihm bedeutet, wie sehr er ihn vermisst, wie sehr er ihn braucht, brach nicht nur der Vater in Tränen aus, der zwei Meter rechts vom Sohn saß. Die Rechtsanwältin griff zum Taschentuch, Prozessbeobachter kämpften mit den Tränen, und kurz sah es so aus, als ob selbst die Richterin schlucken musste.

Die Mutter des Sohnes beschrieb die innige Beziehung von Sohn und Vater, auch sie brach in Tränen aus, weil wahrscheinlich auch ihr klar war, dass die Richterin kaum anders würde entscheiden können, als der Abschiebung des Vaters zuzustimmen. Die Familie wird ohne ihn in Deutschland zurückbleiben.

Andrea Houben, Richterin am Aachener Verwaltungsgericht, hatte am Freitag die undankbare Aufgabe, die Klage eines kosovo-albanischen Schwerkriminellen abzuweisen, dessen Ausweisung aus Deutschland der Kreis Düren vergangenen Herbst verfügt hatte. Noch sitzt der 54-jährige Mann in Willich im Gefängnis, doch nach seiner Haftentlassung spätestens 2021 wird er wohl in den Kosovo abgeschoben. Die vielen Tränen in dem bewegenden Prozess blieben trotzdem nicht ohne Wirkung.

Der Fall schien nach Aktenlage eindeutig: Der 54-Jährige war erstmals 1993 nach Deutschland gekommen und nach Ablehnung seines Asylantrags 1997 abgeschoben worden. 1998 reiste er erneut ein, stellte erneut einen Asylantrag, der erneut abgelehnt wurde. Aber abgeschoben wurde er diesmal nicht, weil er eine Deutsche aus Jülich heiratete und so ein Bleiberecht erhielt. Im Jahr 2000 wurde der gemeinsame Sohn geboren, vier Kinder existieren aus der ersten Ehe des 54-Jährigen, alle leben heute in Deutschland.

Von der deutschen Mutter des heute 18-jährigen Sohnes ist der Kosovare mittlerweile geschieden, seine neue Lebensgefährtin erstach er 2013 nach einem Streit mit sieben Messerstichen im Affekt. Strafe: sieben Jahre und sieben Monate Haft. Die Justizvollzugsanstalt Willich und ein Psychiater sprachen sich gegen eine vorzeitige Haftentlassung des 54-Jährigen aus, die seit Freitag theoretisch möglich ist. Eine Entscheidung will das Landgericht Krefeld in den nächsten Wochen treffen.

Weil der Kosovare „wirtschaftlich und sprachlich schlecht integriert ist“, wie Richterin Houben sagte, 100.000 Euro Schulden hat und überdies auch schon vor der Tötung seiner Partnerin mehrfach kriminell wurde, drängt sich Unbeteiligten die Frage auf: Wären das nicht wirklich genügend Gründe für eine Abschiebung?

Weil eine Aktenlage aber niemals ein Leben abbilden kann, ist in einem Rechtsstaat jede Entscheidung über weitreichende Eingriffe in das Leben eines Menschen eine Einzelfallentscheidung.

Die Frage, über die Richterin Houben im Wesentlichen zu befinden hatte, war diese: Überwiegt das öffentliche Interesse an der Ausweisung des Kosovaren nach der Straftat dessen Bleibeinteresse und die Belange seiner Kinder, die ja trotz allem auf den Vater angewiesen sein könnten?

Fast alle Geschwister des Kosovaren leben in Deutschland, ebenso seine Kinder und seine Ex-Frau, seine Mutter lebt bei einer Schwester in Frankreich. Seit 1998 ist der 54-Jährige nicht mehr im Kosovo gewesen, am Freitag sagte er, kaum jemanden mehr im Kosovo zu kennen. Was macht jemand nach seiner Haftentlassung in einem Land, das nicht mehr seines ist, obwohl er die Landessprache spricht? Seine Rechtsanwältin sagte: „Die Existenz meines Mandanten würde vernichtet.“

Dem 18-jährigen Sohn fehlt die männliche Bezugsperson, so sagte es seine Mutter, so sagte es in anderen Worten auch der Sohn selbst. Er sei in eine Clique junger Männer geraten und hat nun auch Probleme mit der Justiz. Dass sein schwerkrimineller Vater ihm ein besseres Beispiel geben könnte, ist keineswegs gewiss, zumal es auch Gerüchte über Gewalt in der Ehe mit der Deutschen und gegenüber seinen vier Kindern aus erster Ehe gibt. Aber kann man deswegen einen positiven Einfluss des Vaters auf seinen jüngsten Sohn sicher ausschließen? „Ich brauche meinen Vater“, sagte der 18-Jährige und bat unter Tränen um „ein gutes Urteil“.

Der Sohn bedankt sich

Und genau darum hat Andrea Houben sich beispielgebend bemüht: Zwar ist die Ausweisung des Kosovaren rechtmäßig, alles andere wäre der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln gewesen. Aber die Richterin wies den Kreis Düren an, das auf fünf Jahre festgesetzte Einreise- und Aufenthaltsverbot für die Bundesrepublik zu überprüfen, das nach der Abschiebung des Kosovaren in Kraft tritt — es also niedriger anzusetzen und damit zumindest zeitweisen persönlichen Kontakt zwischen Vater und Kindern zu ermöglichen.

„Vielen Dank“, sagte der Sohn, nachdem Houben ihr Urteil begründet hatte.

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