Korea: Wie Aachen um den halben Erdball Kontakte knüpft

Kolben und Knoblauch : Delegation der Städteregion knüpft Kontakte in Korea

Der Koreaner mag keine Printen. Schmecken ihm nicht. Als Gastgeschenk also ungeeignet. Wahrscheinlich zu viel Kardamom, zu wenig Knoblauch. 8622 Kilometer Luftlinie ist Seoul von Aachen entfernt, liegt also von hier aus gesehen hinter China.

Ziemlich weit. Über elf Stunden Flugzeit. Da liegt es nahe, sich in Sachen Gemeinsamkeiten auf ganz andere Ebenen zu begeben. Bier mögen beide Nationen, auch Fleisch. Ebenso schmackhaft, und dabei lukrativer, sind aber bilaterale Booms für Wirtschaft und Wissenschaft.

Südkoreanische Unternehmen drängen tatsächlich verstärkt in die Städteregion Aachen. Deshalb hatten die Städteregion genauso wie die Stadt Aachen ihrerseits in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig Reisen in Richtung Südkorea organisiert, zuletzt sogar auf Einladung von Städteregionsrat Helmut Etschenberg mit sämtlichen Fraktionschefs des Städteregionstages. In dieser Woche gibt es hohen Gegenbesuch in Aachen.

Wer allerdings eine Delegation – darunter Firmenchefs, Forscher der Aachener RWTH, Agit, Industrie- und Handelskammer (IHK), Wirtschaftsförderer und Politiker – auf einen Werbetrip in das asiatische Land begleitet, erfährt, dass so eine Tour von einer Lustreise noch weiter entfernt ist als Aachen von Seoul. Viel weiter.

Ritual: Verneigungen und Gruppenbilder gehören zwingend zu jedem Treffen. Foto: Robert Esser

Von Garküche bis Hightech-Labor

Einer, der die Koreaner seit vielen Jahren in- und auswendig kennt, ist Professor Thomas Gries. Der Direktor des Instituts für Textiltechnik (ITA) packt auf Reisen nicht nur seine Carbon-Bratsche ins Gepäck. Und spielt darauf in den wenigen Stunden, die eigentlich nachts fürs kurze Schlafen bleiben. Gries studiert nebenbei auch noch koreanische Schrift. So unterhält er – buchstäblich – seit 2011 beste Beziehungen nach Südkorea. Weil auch da Musik drin ist, obwohl das damals noch keiner glauben mochte. Genauer gesagt: in Ansan, 30 Kilometer von der Hauptstadt Seoul entfernt. Rund 750 000 Einwohner, etwa 20 000 Unternehmen, darunter viele metallverarbeitende Fabriken. Die sogenannte historische Altstadt Ansans prägen leicht angefressene, aber knallbunte Neonwerbungen der 70er Jahre, vier, fünf Stockwerke, haushoch. Unten wie oben Garküchen, Bars, Restaurants, überall freies WLAN. 1976 wurde die Stadt gegründet. Und ist seitdem wirtschaftlich explodiert.

Garküche: Einheimische sind Stammgäste, Europäer in Südkorea eher selten. Foto: Robert Esser

Gries ist jetzt zum 17. Mal in Südkorea. Mit seinem Team und Partnern an der Hochschule von Ansan entwickelt er beidseits der Erde Faszinierendes: zum Beispiel „mitdenkende“ Vorhänge, die bei Berührung erspüren, in welche Richtung sie vor Fenstern auf- und zufahren. Oder Sessel, die nicht nur Lehnen oder Fußteil durch Stoffberührung herauf- und herunterfahren, sondern unbemerkt auch Blutdruck und Herzfrequenz des Benutzers analysieren. Oder hauchdünne leuchtende Textilshirts, deren strahlende Motive man frei programmieren kann. „Ich sehe in Aachen und in Südkorea vieles, was man zueinander führen kann; viele Produktideen, um gemeinsam Erfolg zu haben“, sagt Gries.

Er betont, es gehe keineswegs darum, die Koreaner mit westlichem Wissenschafts-Knowhow zur billig-willigen Werkbank zu degradieren. „Ganz im Gegenteil. Beide Seiten profitieren voneinander. Ein Land, aus dem Unternehmen von Weltrang wie Samsung, LG und Hyundai hervorgehen, ist technologisch vorne mit dabei. Profitieren kann man trotzdem“, erläutert der innovative Textiltechniker. Denn die Südkoreaner wissen, dass sie gerade an einem Scheideweg stehen.

Kraftakt: Südkoreas Exportwirtschaft sucht neue Partner. Foto: Robert Esser

Was übrigens nichts mit der Trennung von Nordkorea zu tun hat. Die Wiedervereinigung ist in der koreanischen Wirtschaft kein Thema. Der Grenzstreifen hat auch wenig mit der früheren innerdeutschen Mauer zu tun. Von südkoreanischer Seite karrt man haufenweise Touristenbusse in eine Art Disney-Park an der tödlichen Grenze. Die ist kaum zwei Stunden von Seoul entfernt. Sightseeing neben dem Schießbefehl, nur mit etwas Sicherheitsabstand. Aber mit Kirmes, Karussell, Souvenirbuden und Pappsoldaten zum Fotoschießen. Soldaten der amerikanischen Schutzmacht führen die Touristen, darunter auffallend viele Chinesen, persönlich durch unterirdische Tunnel, erzählen martialische Storys über nordkoreanische Invasionsgelüste – Deutsche befremdet das, ein absurdes Theater, bestenfalls ignoriert man es. Von der Wiedervereinigung sind Nord- und Südkorea mindestens so weit entfernt wie, genau, Aachen von Seoul.

Am Scheideweg stehen Ansan und Seoul, weil der Weltmarktmotor stottert. Und weil allein Samsung, LG und Hyundai für 40 Prozent der südkoreanischen Wirtschaftskraft stehen. Wenn’s bei dem gewaltigen Trio nicht blitzsauber läuft, geht’s dem ganzen Land bald dreckig. „End of honeymoon“, das Ende der unbeschwerten Zeit, nennen das Ökonomen. Das Wirtschaftswachstum stagniert. Der Konflikt zwischen USA und China – dorthin gehen 46 Prozent der koreanischen Exporte – belastet die Prognosen zusätzlich. Außerdem wandern von Ansan und anderen industriellen Standorten bereits Facharbeiter ab. Ansans Bürgermeister Haw Seob Yoon, ein überaus höflicher Mann, der die überall obligatorische, typisch koreanische Verneigung zur Begrüßung und zum Abschied in eleganter Perfektion beherrscht, redet deshalb Klartext: „Ich erwarte eine neue industrielle Revolution“, sagt er. Und betont, dass Aachen wie Ansan exzellente Hochschulen haben und als technologische Pioniere gelten. „Das wollen wir pflegen, und daran wollen wir gemeinsam anknüpfen.“ Verneigung, Aufstellung zum Gruppenbild.

Vogelperspektive: das Sungnyemun Gate zwischen Hochhäusern in Seoul. Foto: Robert Esser

Auch das gehört bei jedem der dutzenden Termine auf der Delegationsreise dazu. Der Blick wendet sich Richtung Europa. Man lernt: Die zunehmende Automatisierung kostet Jobs. Innovationen müssen her, neue Ideen. Deshalb forciert die Regierung das Wachstum des Mittelstandes. Um die Abhängigkeit von den Großen zumindest ein wenig auszugleichen. Die 30 größten koreanischen Firmen verantworten zwei Drittel der Exporte. Nun sollen es die kleineren richten. Und da könnte Aachen mit der Städteregion helfen.

Zwei Beispiele: Zu den sogenannten Kleineren gehört Dong Yang Piston. 526 Mitarbeiter produzieren pro Jahr – unter anderem – für hunderte Millionen Dollar 40 Millionen Kolben für Automotoren von BMW, Chrysler, Audi, VW und anderen. Weltweit gibt es nur zwei andere Unternehmen, die noch ein paar Kolben mehr bauen. Dieser Mittelständler, dessen Fabrik längst hochtechnisiert und in Sachen Industrie 4.0 vorbildlich vernetzt in Ansan steht, will nun keine Anleitung von Aachener Ingenieuren, wie man den perfekten Kolben gießt. Das kann Dong Yang Piston. Vielmehr wollen die Chefs wissen, wie man den perfekten Aluminiumkolben mit einer Nuance weniger Gewicht gießt. Denn das spart Rohstoffe und damit Geld.

Außerdem interessiert sie, wie man denn – falls Verbrennungsmotoren in Deutschland und Europa bald dem Elektromotor weichen – weiter im internationalen Geschäft Margen einfahren kann. Mit welchem Produkt? Da ist Gries mit seiner 400-köpfigen ITA-Mannschaft von der elektrisierenden Wollfaser bis zum ultrakomplexen Carbon-Bauteil ein guter Ansprechpartner. Oder Tae Hun Lee vom Aachener Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik, der die Produktion von Bauteilen durch sensorgestützte Produktionskontrollen selbst während höchst heißer und vibrationsstarker Arbeitsschritte sensibler denn je überwachen kann. Was wirklich kompliziert ist. Wobei die Idee überzeugt: weniger Fehler, optimalere Produktion, mehr Gewinn. Die Aachener Delegation läuft zur Höchstform auf.

Das führt zum zweiten Beispiel CTR, ein paar Kilometer weiter in Anyang. Es ist das soundsovielte Unternehmen, das der Aachener Agit-Geschäftsführer Lothar Mahnke und Städteregionsrat Helmut Etschenberg auf dieser jüngsten Delegationsreise besuchen. Mit Erfolg. Übrigens auch dank fruchtbarer Kontakte der jüngsten Ehefrau von Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Soyeon Schröder-Kim arbeitet für NRW.Invest. Sie dolmetscht, bringt Wirtschaftspartner und Hochschulen zusammen. Und sie ist so charmant wie prominent. Alles hilft.

Gegenüber von Städteregionsrat Etschenberg und dem ausgewiesenen Asien-Experten Mahnke sitzen bei diesem Termin exzellent englisch sprechende Geschäftsleute. Was auffällt, weil in Südkorea selbst an Hotelrezeptionen kaum Englisch verstanden wird. Die CTR-Bosse haben sich gerade entschieden, und sie wollen nachlegen. Zehn koreanische Mitarbeiter haben bereits Büros in der Städteregion, im Technologiepark Herzogenrath (TPH), bezogen. „Wir suchen jetzt deutsche Ingenieure, erste bilaterale Forschungsprojekte laufen erfolgreich“, freut sich Sangjae Lee, Chief of Business Department. „Wir wollen mehr, auch mehr koreanische Firmen in Aachen“, sagt er.

CTR erwirtschaftet mit 2400 Mitarbeitern 1,1 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Als Automobilzulieferer hat sich CTR auf Antriebswellen, Steuerelemente und Getriebe spezialisiert. Volvo, BMW, Audi, Jaguar und mehr gehören zu den Kunden. Neuerdings auch Bosch und Tesla. Auch hier geht es bei Produktionsmargen, um Gewichtsersparnis und leichtere Bauweise. Bei Massenserien spielt das Millionen ein. Bis 2030 will CTR seine Umsätze verdreifachen. Der Firmensitz in Südkorea könnte genauso in Frankfurt, Paris oder London stehen. Alles hochmodern, mit hippen Thinktanks, trendigen Möbeln und beschreibbaren Bürowänden für die junge kreative Belegschaft.

Vor der benachbarten Universität wird der Vorgarten indes von einem Dutzend Arbeiterinnen mit der Handsense gestutzt, während drinnen die Smart-Factory der Zukunft konzipiert wird. „Ja, die Schere steht weit offen“, weiß Agit-Geschäftsführer Mahnke. „Aber wir nutzen hier beiderseits riesige Chancen. Korea ist für Deutschland wichtiger Handelspartner in Asien. Mehrere weitere Firmen aus Südkorea stehen vor dem Sprung in die Städteregion Aachen. Das schafft tatsächlich Arbeitsplätze und macht uns fit für künftige technologische Herausforderungen.“

Kongress rappelvoll

200 Firmenvertreter strömen derweil in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul zu einem Kongress in ein riesiges Hotel, zu dem NRW.Invest als Ansiedlungsagentur des Landes NRW, die Städteregion Aachen und der deutsche Botschafter Stephan Auer eingeladen haben. „Wir ernten jetzt die Früchte, die jahrelange Arbeit lohnt sich“, strahlt Frank Leisten. Der Wirtschaftsförderer aus Aachen hat alles bis ins Detail perfekt organisiert. Mehrfach bereiste er Südkorea in den vergangenen Jahren, vertiefte immer wieder Kontakte. Er führt auch diesmal die Delegation. Das Interesse der Südkoreaner ist zweifellos geweckt. Auch dank Städteregionsrat Etschenberg. Man spürt das bei all seinen persönlichen Gesprächen. Was sicher auch an der koreanischen Mentalität liegt: Älteren, höhergestellten Persönlichkeiten begegnet man mit besonderer Ehrerbietung.

Dann werden feinste Gerichte, auch schwer identifizierbar, kredenzt: feurig scharf, würzig und mit einer Menge Knoblauch. Man genießt sie am besten über den Dächern Seouls. Aus dieser Perspektive fallen Gegensätze dann doch auf. Einfache kleine Behausungen, keine Slums, daneben imposante Stahl-Glaspaläste. Mittendrin wenige historische Relikte – etwa das Sungnyemun Gate, ein Stadttor aus dem 14. Jahrhundert. Alles tausendfach videoüberwacht, Rauchen auf offener Straße verboten. Zehn Millionen Menschen leben hier. Und einige Ausländer aus der 8622 Kilometer entfernten Städteregion Aachen probieren fleißig Kimchis, Bulgogi, marinierte Rindfleischstreifen … Alles ohne Kardamom. Lecker.

Mehr von Aachener Nachrichten