Region: Kommentiert: Wenn Inklusion gelebt wird

Region: Kommentiert: Wenn Inklusion gelebt wird

Schreiben wir über Inklusion. Über gelebte. Über ganz einfach praktizierte, bürokratiefreie. Über Inklusion, wie sie sein sollte. Rückblende: 2007, Tom hat die Grundschule abgeschlossen und die Empfehlung für den Besuch eines Gymnasiums.

Tom geht noch alleine, doch es ist klar: Aufgrund seiner Muskelkrankheit wird er in absehbarerer Zeit in einem Rollstuhl sitzen. Das Wort Inklusion wird es auch damals schon gegeben haben. Aber es mit Leben füllen? Wissen, was Inklusion sein soll? Es ist schlappe sechs Jahre her, dass Inklusion wahrhaft ein Fremdwort war.

Die Gymnasien präsentieren sich, drei stehen in der Nähe unseres Wohnortes im Rhein-Erft-Kreis zur Auswahl. Eines scheidet direkt aus, viele Treppen, enge Gänge, heute würde man vielleicht schreiben: inklusionsunfähig. Beim nächsten verdient aus unserer Sicht der Schulleiter dieses Adjektiv. Seine Begeisterung, dass bald ein Rollifahrer durch die Schule fahren könnte, hält sich doch arg in Grenzen. Das lässt er uns spüren.

Gymnasium Nummer drei ist das Gutenberg-Gymnasium in Bergheim: Ebenerdig, weitläufig, Tom sagt direkt: „Hier will ich hin.“ Wir sprechen mit den Lehrern, einer sagt, als er hört, dass Tom bald im Rolli sitzen wird: „Kein Thema, das kriegen wir hin!“ Keine Fragen, keine Bedenken, keine Sorgen, keine Ablehnung. Einfach: „Kein Thema, das kriegen wir hin!“ Wir (noch längst nicht vertraut mit den in Zukunft auf uns wartenden Ansprüchen) verlassen die Schule mit einem verdammt guten Gefühl. Hätten wir das Wort gekannt, wir hätten gesagt: Inklusion? Das ist doch kein Problem!

Ein Jahr später sitzt Tom im Rollstuhl, in der Schule ändert sich nichts. Kunstunterricht findet eben nicht im Obergeschoss statt, sondern im Klassenraum. Schulleitung, Lehrer, Mitschüler, es wird kein Aufheben um den „anderen“ gemacht, Tom ist da. Einfach so. Uninkludiert (sagt man das so, Frau Löhrmann?), Teil der Klassengemeinschaft, Teil des alltäglichen Schullebens.

Tom fühlt sich wohl, seine Klasse ist bei allen Lehrern beliebt - nicht wenige sagen: wegen des Sozialverhaltens (heute: bestens vorgelebter Inklusion). Klassenfahrten, Ausflüge, alles bestens. Inklusion kann ja so einfach sein.

Mit der Schule, mit der Unterstützung der Stadt und dank einer Stiftung wird später der Einbau eines Aufzuges ermöglicht, im Sinne von Rollstuhlfahrern ist das Gutenberg-Gymnasium jetzt barrierefrei. Auch, weil ziemlich unbürokratisch statt des geplanten Lastenaufzugs für die im Keller liegende Mensa ein Personenaufzug gebaut wird. Inklusion ist was Feines.

Der Rhein-Erft-Kreis unterstützt uns ebenfalls, aber weitere übergeordnete Ämter wissen wahrscheinlich noch gar nicht, dass unser behinderter Sohn so völlig problemlos eine Regelschule besucht. Klar: Ein Körperbehinderter ist leichter zu inte­grieren als Kinder oder Jugendliche mit kognitiver Einschränkung - wenn denn die Voraussetzungen geschaffen würden. Aber an diesen eigentlich simplen Dingen wie Aufzug, Behinderten-Toilette oder ein paar Rampen scheitert ja schon vieles. Es wäre richtig gut investiertes Geld.

Anfang dieses Jahres wird dann erstmals ein erhöhter sonderpä­dagogischer Bedarf angemeldet — unter anderem mit Blick in die Zukunft. Damit Tom bei den Abi-Klausuren zum Beispiel mit seiner Assistenz zur Toilette fahren darf, aufgrund seiner Behinderung mehr Zeit zugesprochen bekommt, vielleicht Hilfsmittel benutzen darf. Beim Abi kann/darf man das nicht mehr so regeln.

Um diesen sonderpädagogischen Bedarf zu erhalten, muss Tom begutachtet werden. Das übernimmt die Lehrerin einer Förderschule, und diese nette Dame nimmt alle aufkommenden Ängste unsererseits, vor allem bei Tom. Denn die Briefe der Bezirksregierung lassen Zweifel, ob aus Sicht der Behörden Tom vielleicht auf dem Gymnasium bleiben kann. Es heißt: „Nach Erhalt des Gutachtens entscheidet die Bezirksregierung über Art und Umfang des sonderpädagogischen Bedarfs und den Förderort.“ Aha, und auch die Reaktion des Direktors der Förderschule ist aus unserer Sicht eindeutig: Er bedauert, dass ihm vor Jahren, salopp ausgedrückt, ein Schüler durch die Lappen gegangen ist!

Es lebe die Inklusion (aber nicht, wenn Förderschulen auf ihre Quote bedacht sind). Zur Klarstellung: Förderschulen sind durchaus sinnvoll, wir sind kein Gegner dieser Schulform. Aber jeder Fall sollte individuell entschieden werden, nach Gesprächen - und bitte nicht nach Aktenlage.

Sechs Jahre ist Tom jetzt auf dem Gutenberg-Gymnasium, einfach so, und wir sind uns sicher: Hätten wir 2007, als Inklusion noch kein Thema war, einen Antrag gestellt, dass Tom eine Regelschule besuchen möchte, unser Sohn hätte keine Chance gehabt und in eine Förderschule wechseln müssen.

Tom hat Glück gehabt. Dass er vor der Inklusion inkludiert wurde, denn was heute auf Schulen, Schulleiter, Lehrer, Eltern und nicht zuletzt die betroffenen Schülerinnen und Schüler zukommt - wir beneiden keine Betroffenen.

P.S.: Wir haben berechtigte Zweifel, dass unser Antrag auf sonderpädagogischen Bedarf bis zu Toms Abi durch ist. Es sind ja nur noch 18 Monate, und nach einem halben Jahr hat sich noch nichts getan. Aber auch so werden wir und die Schule es schaffen!

h.foerster@zeitungsverlag-aachen.de