Köln: Kölner Stadtarchiv: „Die Vorboten des Unglücks wurden ignoriert“

Köln : Kölner Stadtarchiv: „Die Vorboten des Unglücks wurden ignoriert“

Darauf mussten die Kölner lange warten: Acht Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat mit Henriette Reker am Freitag erstmals ein Stadtoberhaupt an der jährlichen Gedenkfeier für die Opfer teilgenommen. „Jeder Kölner und jede Kölnerin hielt damals den Atem an“, sagte die parteilose Reker an der Einsturzstelle.

Nun müsse man nach vorn blicken: „Ein großer Teil des kollektiven Stadtgedächtnisses wird wieder nutzbar sein.“ Am 17. März wird der Grundstein für den Nachfolgebau gelegt.

Der Blick nach vorn? Franz Schmitz (Name geändert) lässt der Einsturz mehrerer Gebäude am Waidmarkt und der Tod zweier Menschen auch heute noch keine Ruhe. Er gehört zu den rund 100 Beschuldigten, die von der Staatsanwaltschaft Köln benannt wurden. „Ich bin aber nie vernommen worden“, sagt der Experte für Spezialtiefbau, der auf der Baustelle Waidmarkt gearbeitet hat: „Ich fürchte, das Verfahren wird eingestellt, ohne einen Schuldigen zu benennen.“

Fachleute untersuchen derzeit, ob ein hydraulischer Grundbruch oder eine undichte Schlitzwand zum Einsturz führten. Schmitz glaubt indes, dass das Archiv schon monatelang auf einem ausgespülten Hohlraum stand, und „die KVB die Vorboten des Unglücks ignoriert“ haben.

Ursprünglich waren die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) nur für den Heumarkt zuständig. Sie übernahmen aber während des Schlitzwandbaus auch die Aufsicht am Waidmarkt. Vom Breslauer Platz bis zum Heumarkt führte die Ingenieurgemeinschaft PNS die Aufsicht, von der Severinstraße zum Bonner Wall die Ingenieurgemeinschaft IBS.

KVB wollen ablenken

Jede Entscheidung, selbst die kleinste, sei nur mit Gutachter und Rechtsanwalt getroffen worden, behauptet Schmitz. Der Projektleiter der KVB und seine Stellvertreter, zwei Diplom-Ingenieure, hatten laut Schmitz „aber keine Ahnung vom Tiefbau, und das verlangsamte alle Prozesse. Darum habe ich damals schon gesagt, die U-Bahn wird nicht 2010, sondern frühestens 2012 fertig.“

Bügelklau, Betonfehlmengen — alle „Sensationsnachrichten“, die es nach dem Einsturz gegeben habe, bezeichnet Schmitz als „Nebelkerzen, die vom Organisationsversagen der KVB ablenken und die Baufirmen als Pfuscher hinstellen sollten“. Die Anzahl an Bügeln habe nur bei der frischen, frei stehenden Wand Bedeutung gehabt. „Zum Zeitpunkt des Einsturzes“, sagt Schmitz, „waren die Wände aber längst komplett ausgesteift.“

Dass fehlende Bügel und falsche Betonierprotokolle vom Schlitzwandbau erst spät auffielen, zeuge von „mangelhafter Bauüberwachung“. Wenn nach 16 Uhr betoniert worden sei, hätten die Kontrolleure der KVB schon Feierabend gehabt.

„Ausgerechnet für die tiefste Stelle der neuen U-Bahn ist das preisgünstigste, aber auch risikoreichste Bauverfahren gewählt worden“, sagt Schmitz. Das Verfahren sei zwar beherrschbar, erfordere aber sorgfältige Überwachung. Schmitz: „Unterwasserbeton hätte sicher das Doppelte gekostet, Vereisung noch viel mehr.“

Vertraglich war eine unnatürliche Absenkung des Grundwassers außerhalb der Baugrube „nicht zugelassen“. Laut Schmitz sei aber „auf Deuvel komm raus“ abgepumpt worden: „Ein entscheidender Fehler.“ Statt der berechneten drei seien 15 Pumpen in Betrieb gewesen. „Bei einer derart erhöhten Fördermenge wären zusätzliche Messpegel in unmittelbarer Nähe der Baugrube notwendig gewesen. Da waren aber keine“, kritisiert Schmitz.

Denn wo viel abgepumpt werde, entstehe eine trichterförmige Absenkung des Grundwassers und die Fließgeschwindigkeit nehme zu, was zur Ausspülung von Feinstanteilen sowie Bodenumlagerungen führen könne. „Hätte es in der Baugrube ein Extensometer gegeben, wäre zumindest eine Hebung des Bodens schnell bemerkt worden.“

Dass Erdmassen in kürzester Zeit durch ein Loch in der Schlitzwand geschossen sein könnten, wie Theorien besagen, glaubt Schmitz nicht: „Das wäre, als ob ein Elefant durch ein Nadelöhr springt.“ Er verweist auf den Einsturzkrater: „Der ist mehr als 8000 Kubikmeter groß, aber in der Baugrube landeten maximal 5000 Kubikmeter. Wo ist der Rest, wenn nicht vorher ausgespült?“

Setzrisse und Abplatzungen, die es 2008 im Stadtarchiv gab, sind für Schmitz ein Beweis dafür, dass „das Archiv schon lange auf einem Hohlraum stand.“ Hätten die KVB Ursachen für Wassermengen, Risse und Setzungen gesucht und Gegenmaßnahmen ergriffen, „hätte das Unglück verhindert werden können.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Katastrophe von Köln: Der Einsturz des Stadtarchivs

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