Kölner Bananenrepublik als Nachbarschaftsprojekt ausgezeichnet

Ausgezeichnetes Nachbarschaftsprojekt : Die Kölner Bananenrepublik wird zehn Jahre alt

Michael Kiefer hat vor zehn Jahren in der Südstadt einen Kreisverkehr okkupiert, sich selbst zum Präsidenten erklärt und ein Nachbarschaftsprojekt daraus gemacht. Die Stadt Köln sah den Territorialverlust zunächst nicht als Gewinn. Heute ist die Gießkanne, die ständig geklaut wird, das größte Problem.

Für alle, die es schon immer vermutet haben: Es gibt Menschen in Deutschland, die offiziell in einer Bananenrepublik leben. In Köln beispielsweise. Michael Kiefer hat diesen Zustand bewusst gewählt. Er hat die Bananenrepublik in einem Kreisverkehr in Kölns Süden gegründet und sich zu ihrem Staatsoberhaupt erklärt. Charmant ausgedrückt ist der Kölner mit großem Humor gesegnet. Andere würden sagen, er ist schlicht durchgeknallt. Als Präsident herrscht er gütig, weltoffen und nahezu altruistisch über einen 226 Quadratmeter großen Kreisverkehr in der Südstadt, gelegen an der Bonner Straße. Die Bananenrepublik zu Köln feiert in diesem Jahr den zehnten Jahrestag der Staatsgründung. Seit fünf Jahren ist sie sogar legitimiert durch den Stadtrat. Michael Kiefer ist vermutlich der einzige offizielle Pächter eines großstädtischen Kreisverkehrs in bester Wohnlage, der sich ehrenamtlich um die Grünpflege kümmert.

Wie es sich für Bananenrepubliken gehört, hat sich der Präsident selbst die Krone aufgesetzt und für mindestens 127,5 Prozent Zustimmung bei freien, unabhängigen und demokratischen Wahlen gesorgt. Das erzählt er zumindest so. Wie es dazu kam? Ganz einfach: Am 28. September 2009 hatte der Anwohner Michael Kiefer – salopp formuliert – die Schnauze voll. In einer Guerilla-Aktion verteilte er über Nacht auf dem verwahrlosten Kreisverkehr einen Kipplader mit Mutterboden, pflanzte eine seinem Balkon entwachsene Bananenstaude und rief eine Republik aus. Der Träger des Seepferdchens machte sich zu „El Presidente“ und schaffte sich eine Tropenuniform mit Epauletten an. Schließlich gab es in den folgenden Monaten ausreichend repräsentative Aufgaben.

Klage stand im Raum

Das Echo auf die Staatsgründung fiel nämlich nicht nur positiv aus. Viele Nachbarn unterstützten zwar die Bananenrepublik und pflanzten weitere Bananen und Wildblumen an. Doch die Stadt Köln sah den Territorialverlust zunächst nicht als Gewinn, auch manche Geschäftsleute beschwerten sich über den nicht-regulierten Wildwuchs. Es stand eine Klage im Raum. Nach einem Runden Tisch kam 2014 die Lösung: Die offizielle Anerkennung des Präsidenten, Amtsdeutsch „Patenschaft“ genannt. Seitdem kümmern sich Michael Kiefer und viele helfende Hände mit amtlichem Segen der Stadt um den Kreisverkehr. Ein 2015 aufgestelltes Schild erinnert an diesen „Staatsvertrag“.

Michael Kiefer, selbsternannter Präsident der „Bananenrepublik Köln“. Foto: Rolf Tellenbach

Michael Kiefer ist ein Staatschef mit rheinischem Gemüt, der mit anpackt und nach und nach immer mehr Menschen dazu motiviert hat, sich am Projekt zu beteiligen und die Republik mit Leben zu erfüllen. Viele Freiwillige helfen ihm, sich um Palmen, Blumen und Bananenstauden zu kümmern, vor Ostern erst war „Pflanztag“. Zum harten Kern der Hobbygärtner zählt ungefähr eine Handvoll Untertanen. Einmal im Monat wird ab Frühjahr im inneren Kreis der Rasen gemäht, am äußeren Rand des Kreisverkehrs dürfen Gräser wuchern. Das freut nicht nur Schmetterlinge und Bienen, sondern schützt so die Bananen und die weitere Bepflanzung vor Besuchern, die bei der Erkundung der autonomen Republik alles platttreten.

Der Kreisverkehr gehört mittlerweile zu den beliebtesten Orten in der Südstadt, ist ein sozialer Treffpunkt. „Ich möchte, dass Leute Spaß an der Bananenrepublik haben und sich für deren Erhalt einsetzen“, sagt Michael Kiefer. Er verfolgt keine politischen Ziele, höchstens soziale: Bei der Pflege des Kreisverkehrs funktioniert die Nachbarschaftshilfe noch. Oder wieder!?

Ende 2017 wurde die „Bananenrepublik“ mit dem Publikumspreis des von „Spiegel Online“ ausgerufenen Social Design Award ausgezeichnet. 150 Projekte aus der ganzen Welt waren im Rennen. Und jüngst machte sich „El Presidente“ zum Staatsbesuch auf. Es ging nach Hamburg. Gute Adresse, sehen und gesehen werden. So ist das halt nicht nur in einer Bananenrepublik. Zur Eröffnung der Ausstellung „Social Design“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg griff der Präsident lieber zu Tweed als zur Uniform. Ganz bürgerlich eben. Bis zum 27. Oktober ist die Ausstellung zu sehen – und Michael Kiefers „Bananenrepublik zu Köln“ ist ein Teil davon. Ein kleiner zwar, aber immerhin.

Lupenreines Vorzeigeland

„Das ist so etwas wie der Ritterschlag“, findet der Präsident. Im bürgerlichen Leben arbeitet er für ein Dürener Familienunternehmer, das deutschlandweit aktiv ist, in der Gebäudeverwaltung in Leverkusen. Die Hamburger Ausstellung zeigt viele nationale und internationale Projekte, die lokal versuchen, Einfluss auf die Entwicklung einer weltoffenen Kultur und eine Neugestaltung von Lebens- und Arbeitsumgebungen zu nehmen. Michael Kiefer freut sich, wenn die Bananenrepublik nicht nur in Köln als Vorbild für bürgerschaftliches Engagement dienen kann. Sein Wunsch ist, dass möglichst viele Bürger dazu ermutigt werden, es vor ihrer Haustür etwas grüner zu gestalten. Die Kölner Bananenrepublik soll schließlich ein lupenreines Vorzeigeland sein.

Für die Zukunft hat Michael Kiefer eigentlich nur einen Wunsch: Dass nicht immer alle Gießkannen aus der Republik geklaut werden. Mittlerweile hängt dort Exemplar Nummer 139 zur freien Benutzung aus.

Der freie Mitarbeiter, der diesen Text geschrieben hat, arbeitet wie Michael Kiefer für den Gebäudedienstleister – allerdings in der Dürener Zentrale.

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