Köln: Kölner Archiv-Einsturz: Staatsanwaltschaft prüft weitere Anklage

Köln : Kölner Archiv-Einsturz: Staatsanwaltschaft prüft weitere Anklage

Im Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs könnte es bald einen weiteren Angeklagten geben. Die Staatsanwaltschaft ermittle gegen einen Oberbauleiter wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung, sagte eine Sprecherin am Donnerstag. Sollte sich ein hinreichender Tatverdacht bestätigen, werde Anklage gegen ihn erhoben.

Nach einem Bericht des „Kölner Stadt-Anzeigers” wäre der Ingenieur im Fall einer Anklage der ranghöchste Mitarbeiter der am U-Bahn-Bau beteiligten Firmen, der sich vor Gericht verantworten müsste.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft haben Fehler bei den Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Haltestelle dazu geführt, dass das Stadtarchiv am 3. März 2009 zusammenbrach. Zwei Anwohner kamen bei dem Unglück ums Leben. In dem seit gut sechs Wochen laufenden Prozess vor dem Kölner Landgericht sind fünf Mitarbeiter von Baufirmen und den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung angeklagt.

Der nun bestehende Verdacht gegen den Oberbauleiter beruhe auf Angaben, die ein Angeklagter im Prozess gemacht habe, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Demnach soll sein Vorgesetzter von Problemen bei den Bauarbeiten gewusst haben.

Der durch den Archiv-Einsturz entstandene Schaden ist einem jetzt vorliegenden Gutachten zufolge deutlich höher als bislang angenommen. Nach der vom Landgericht Köln beauftragten Expertise belaufen sich die Kosten für die Restaurierung der beschädigten Dokumente auf 627 Millionen Euro, wie die Stadt Köln am Donnerstag mitteilte. Bisher war die Verwaltung von etwa 400 Millionen Euro ausgegangen.

Damit könnte sich der Gesamtschaden auf bis zu 1,3 Milliarden Euro erhöhen, wie eine Sprecherin sagte. Bislang habe die Stadt den Gesamtschaden auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Früheren Angaben zufolge lag die Schätzung bei 1,2 Milliarden Euro.

Wertverluste durch Beschädigungen

Der Gutachter, der frühere Präsident des Bundesarchivs, Hartmut Weber, stützte seine Untersuchung auf eine repräsentative Stichprobe des 30 Regalkilometer umfassenden verschütteten Archivguts. In fünfjähriger Arbeit ermittelte er die hochgerechneten Kosten für Bergung, Erfassung, Konservierung und Restaurierung der Dokumente. Nicht einberechnet seien Wertverluste durch Beschädigungen sowie die finanzielle Bewertung von Archivgütern, die beim Einsturz vollständig zerstört wurden. Das Historische Kölner Stadtarchiv galt bis zu dem Unglück als das bedeutendste Archiv in ganz Deutschland.

Die am U-Bahn-Bau beteiligten Baufirmen, die in der Arbeitsgemeinschaft ARGE organisiert sind, zweifelten die Aussagekraft des Gutachtens an. „Die Dokumente des Stadtarchivs reichen von einzelnen mittelalterlichen Handschriften bis zu einfachsten Alltagsnotizen. Ein derartig heterogener Bestand an Archivalien verbietet es, dessen Wert allein mit Hilfe von Stichproben grob abzuschätzen”, sagte ein ARGE-Sprecher. Von entscheidender Bedeutung sei, dass die Einsturzursache nach wie vor ungeklärt sei.

Das Landgericht hatte das Gutachten zur Schadenshöhe im Rahmen eines zivilrechtlichen Beweisverfahrens in Auftrag gegeben, das unabhängig von dem laufenden Strafprozess ist. Ein weiteres Beweisverfahren beschäftigt sich mit der Unfallursache. Hier wird das zentrale Gutachten voraussichtlich erst im Jahr 2020 vorliegen. Die Beweisverfahren dienen der Vorbereitung auf einen möglichen Zivilprozess, in dem die Stadt und die KVB Schadenersatz geltend machen wollen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Katastrophe von Köln: Der Einsturz des Stadtarchivs

(dpa)