Berlin/Köln: Koalition bis zum Karneval? Von der närrischen Faschingsfrist

Berlin/Köln : Koalition bis zum Karneval? Von der närrischen Faschingsfrist

Sie haben sich schon alle Mühe gegeben in Köln. Der Regierungsbildung wird ein ganz besonderer Rosenmontagswagen gewidmet. Zwar wollen sie ihn der Öffentlichkeit noch nicht zeigen, aber schon mal soviel: Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz sitzen sich gegenüber auf zwei Schaukeln, die mit Schwung aufeinander zu prallen drohen. Motto: „Große Kollision”.

Platzt die GroKo vor Karneval, wollen die Kölner versuchen, den Persiflagewagen noch umzubauen. „Wenn bei den Verhandlungen ein paar Tage vor dem Zug was Entscheidendes passiert, ist es für sie kein Problem, darauf zu reagieren”, versichert der Zugleiter des Festkomitees, Alex Dieper. „Wir haben ein großes Team an Wagenbauern.”

Mehr als vier Monate hat Deutschland keine richtige Regierung mehr. Einst war Weihnachten mal die Frist für die Koalitionsbildung. Da verhandelten noch die Jamaika-Parteien CDU, CSU, FDP und Grüne. Zwischen den Jahren wurde dann Ostern als Zielmarke genannt.

Neues Ziel: die nächste große Koalition. Vorher muss ein Koalitionsvertrag ausgehandelt werden. Union und SPD wollen eigentlich am 4. Februar die Gespräche abschließen, um noch einen zeitlichen Puffer zu haben. Doch die Verhandlungen sind knifflig, möglich, dass es nächste Woche in die Verlängerung geht. Aber auch der Puffer ist begrenzt. Als allerletzte Zielmarke wird immer wieder ein Datum genannt: Donnerstag, 8. Februar. Weiberfastnacht.

Noch bevor die Motivwagen durchs Rheinland rollen, wollen die GroKo-Unterhändler ihre Gespräche unbedingt abschließen. Wird man nicht bis dahin fertig, lägen die Verhandlungen wohl tagelang auf Eis. In der Faschingswoche von Rosenmontag bis Aschermittwoch sei wegen närrischer Termine vieler Beteiligter an ernsthafte Koalitionsverhandlungen kaum zu denken, heißt es in der Union.

Politiker aus dem Rheinland, ganz gleich welcher Couleur, können es sich nur schwer erlauben, an Karneval nicht Präsenz zu zeigen bei der feucht-fröhlichen Wählerschaft. Mehr als 5300 Karnevalsgesellschaften und Zünfte in Deutschland zählen 2,6 Millionen Mitglieder. „Das ist schon eine richtige politische Macht im Lande”, bescheinigte Merkel den Karnevalisten, als sie vergangene Woche im Kanzleramt die bunt kostümierten „Prinzenpaare” aus den Bundesländern empfängt.

„Da zeigt sich die Kraft des Karnevals”, freut sich auch der Kölner Zugleiter Dieper. Die Ankündigung einiger Politiker, an Rosenmontag lieber zu feiern, statt über GroKo-Themen verhandeln zu wollen, zeuge von der „Nähe der Politik zu diesem schönen Volksfest”. Aber wie reagieren diejenigen Wähler, die sich nicht verkleiden und schunkeln wollen? Wie groß ist ihr Verständnis, wenn sie am Rosenmontag den Fernseher anschalten und die Möchtegern-Koalitionäre feiern sehen?

Der Karneval sei schon eine zeitliche Schwelle, meint der CDU-Abgeordnete Georg Kippels. Fragt man in der Unionsfraktion nach einem echten Karnevalisten, wird auf ihn gezeigt. Kippels ist Vorsitzender der Bedburger Narrenzunft im Rhein-Erft-Kreis. „Von 1886”, sagt er stolz. Zwar gehe die Regierungsbildung vor. In Berlin könne man auch über Rosenmontag durcharbeiten, sagt Kippels. Aber er räumt auch ein: „Diejenigen, die aus Nordrhein-Westfalen und aus dem Rheinland hier mit aktiv sind, könnten vielleicht in ihrem tiefsten Inneren ein bisschen abgelenkt sein.”

Also doch lieber schnell einen Koalitionsvertrag zimmern. „Ich glaube, dass wir uns da gut unter Druck setzen können, um danach dann das zu feiern, was wir vorher erarbeitet haben”, sagt Kippers. Inwieweit der Koalitionsvertrag die Unterhändler aber in Feierlaune versetzt, ist unklar. Schließlich müssen noch die SPD-Mitglieder über die Kompromisse abstimmen.

Union und SPD droht also nicht nur der Groll des Wählers, sondern auch der Spott der Narren. Volker Kauder schwant Schlimmes. „Wenn wir vor Fastnacht nicht fertig werden, wird das zum Thema bei allen Fasnachtsveranstaltungen - da schneiden wir granatenmäßig schlecht ab”, sagte der Unionsfraktionschef vergangene Woche in Berlin.

Andererseits: Der Spott ist den Möchtegern-Koalitionären sowieso schon gewiss. Närrische Tage hatte die Berliner Politik schließlich in den vergangenen Wochen genug. „In den vergangenen Monaten ist einfach so viel passiert, dass wir gar nicht daran vorbeikommen, es zu karikieren”, sagt Dieper.

(dpa)
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