Nach mehreren Fällen in Gelsenkirchen: Kliniken in der Region fordern Melderegister für Fehlbildungen

Nach mehreren Fällen in Gelsenkirchen : Kliniken in der Region fordern Melderegister für Fehlbildungen

Nach den gehäuften Fällen von Fehlbildungen an den Händen von Neugeborenen in Gelsenkirchen: Ärzte begrüßen die nun vom NRW-Gesundheitsministerium veranlasste Zählung. Wie ist die Lage an den Kliniken in der Region?

Für Markus Vogel, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Mönchengladbach-Neuwerk, gehören Handfehlbildungen bei Neugeborenen zum Berufsleben dazu. „Wir hatten erst im Juli ein Neugeborenes mit einer Handfehlbildung. Das war eine Mischung aus zu kurzen und zusammengewachsenen Fingern“, sagt er.

„Die Mutter war überrascht darüber. Wir allerdings nicht, weil wir wissen, dass solche Fehlbildungen immer mal wieder vorkommen können“, betont der Mediziner. Statistisch gesehen käme es bei 1000 Geburten zu einem Fall mit Fehlbildungen an der Hand. „Das heißt, dass wir bei uns im Durchschnitt einen solchen Fall pro Jahr haben. Das kennt jeder Kinderarzt, jede Geburtsklinik.“

Im Gelsenkirchener Sankt Marien-Hospital waren in zwölf Wochen drei Kinder mit fehlgebildeten Händen geboren worden. „Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig“, hatte die Klinik mitgeteilt. Fehlbildungen dieser Art habe man viele Jahre nicht gesehen.

In der Aachener Uniklinik, dem Stolberger Bethlehem-Krankenhaus und den beiden Dürener Kliniken ist in den vergangenen Jahren kein einziges Kind mit einer vergleichbaren Handfehlbildung geboren worden. Bezogen auf andere Fehlbildungen heißt es im Stolberger Krankenhaus, das ein großes Geburtenzentrum hat: „Den letzten Fall einer Fehlbildung hatten wir 2011.“

Andere Arten von Fehlbildungen kämen immer mal wieder vor, heißt es in der Uniklinik Aachen, „die meisten können aber operiert werden“, sagt Mathias Brandstädter, Sprecher der Uniklinik. Als Beispiel nennt er die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Statistisch gesehen komme jedes 500. Kind damit zur Welt – in der Uniklinik mehr, weil sie ein darauf spezialisiertes Zentrum ist. Diese Fehlbildung könne nach vielen Operationen so behoben werden, dass sie nicht mehr erkennbar sei.

Die Stimmung bei angehenden Müttern in Aachen sei derzeit noch gelassen. In den Dürener Kliniken hat es nach Angaben der Geburtsabteilungen noch keine einzige Nachfrage einer Schwangeren kurz vor der Geburt gegeben. Der Uniklinik-Sprecher in Aachen führt das darauf zurück, dass die Fehlbildungen im Ruhrgebiet und nicht in unserer Region aufgetreten und die Gründe dafür noch nicht bekannt seien.

Die seltsame Häufung von Fehlbildungen in Gelsenkirchen ist auch bis zu Wiebke Hülsemann vorgedrungen. Sie ist Chefärztin für Handchirurgie am Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg und gilt bundesweit als Koryphäe auf dem Gebiet der frühkindlichen Handfehlbildungen. Sie sagt: „Wir können bis jetzt nicht sagen, ob es eine Laune der Natur im Sinne eines Zufalls war oder ob es andere, sogenannte exogene, also von außen kommende Ursachen gibt.“

Sie beklagt, dass es kein Register für derartige Fälle gibt, und hält eine Meldepflicht für sinnvoll. Hülsemann: „Das ist umso wichtiger, als es etliche solcher Fehlbildungen gibt, die sogar von erfahrenen Kinderärzten und Neonatologen mitunter verwechselt werden. Nur bei der genauen Diagnose einer Störung kann die richtige Therapie geplant werden.“

Die Klinik für Geburtshilfe des St. Franziskus-Hospitals in Münster zählt zu den größten Entbindungskliniken in NRW – 2018 kamen dort 2588 Kinder zur Welt. Auch dort besteht keine ungewöhnliche Häufung: „In den letzten 18 Monaten gab es keinen Fall. In den Jahren zuvor waren es sehr wenig Fälle, die alle durch eine zuvor diagnostizierte Krankheit begründet waren“, so eine Sprecherin.

Die Bezirksregierungen in NRW befragen derzeit im Auftrag des NRW-Gesundheitsministerium alle Geburtskliniken zu Fehlbildungen bei Säuglingen. „Anschließend werden wir die wissenschaftliche Expertise suchen, um eine Ersteinschätzung zu erhalten, ob die erhobenen Zahlen auffällig sind“, erklärte eine Ministeriumssprecherin. Die Bezirksregierung Köln hat den Kliniken bis Montag Zeit gegeben, die Zahl der Neugeborenen insgesamt und die Zahl der Neugeborenen mit Handfehlbildungen für die Jahre 2017, 2018 und 2019 anzugeben.

Die Ärzte und Kliniken stehen hinter dieser Maßnahme – und fordern noch mehr: „Wir brauchen dringend ein Melderegister für Fehlbildungen in Deutschland“, sagt Axel Sauerwald, Chefarzt der Frauenklinik am St. Marien-Hospital Düren. „So erhalten wir einen Überblick über die gesamte Situation, also ein Lagebild.“ Es sei völlig unklar, welche Fehlbildung wie häufig auftrete. „Derzeit tauschen sich ja nicht einmal die Unikiniken, an denen die Kinder mit Fehlbildungen behandelt werden, aus“, kritisiert die Stolberger Krankenhaussprecherin Heike Eisenmenger.

Auch die Uniklinik Aachen hält eine zentrale Erfassung für sinnvoll. Mehrarbeit für Pfleger oder Ärzte entstünde dadurch nicht. „Was unsere Patienten haben, ist ohnehin in der Datenbank erfasst“, sagt Brandstädter. Für Heike Matz, Leiterin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus Düren, steht zuvor die wissenschaftlich fundierte Klärung der aktuellen Fälle im Vordergrund: „Handelt es sich um eine zufällig Häufung? Oder hat es einen anderen Hintergrund? Nur mit dem Ergebnis einer wissenschaftlichen Klärung kann man dafür sorgen, dass erklärbare Ursachen zukünftig ausgeschlossen und Ängste genommen werden.“

(mgu/cs/csh)