Kinderquäler aus Stolberg: Landgericht Aachen verhängt Haftstrafen

Aachen/Stolberg : Jungen Behinderten gequält und Videos veröffentlicht: Lange Haftstrafen

In ihrem „letzten Wort“ vor dem Urteil vor der 3. Großen Jugendkammer des Aachener Landgerichts am Mittwochmittag bekundeten die Angeklagten Ali-Riza E. (21) und Rene M. (19) noch eindringlich Reue über ihre brutalen und sadistischen Quälereien eines geistig zurückgebliebenen Kumpels. Das bewahrte sie jedoch nicht vor einem harten Urteil - das aber womöglich ohne die gezeigte Reue noch höher ausgefallen wäre.

Gegen Ali-Riza E. verhängte die Kammer eine Jugendstrafe von drei Jahren und vier Monaten, für seinen jüngeren Freund Rene M. gab es drei Jahre Haft. Die Strafe ist in einer Jugendstrafanstalt zu verbüßen. „Es ist eine Schwere der Schuld gegeben”, begründete der Vorsitzende Richter Jürgen Beneking die schärfste Sanktion im Jugendstrafrecht. Die jungen Männer hätten ihr Opfer über Monate und nach Schilderungen des Opfers offensichtlich täglich gequält und missbraucht.

Dem Opfer einen Döner ausgegeben

Der geistig behinderte damals 17-Jährige habe bei seinen vermeintlichen Freunden Zuneigung und Freundschaft gesucht, wie der der Vorsitzende Richter der Jugendkammer Jürgen Beneking schilderte: Sie spielten gemeinsam Play Station und gaben dem Kumpel mal einen Döner aus.

Doch hinter der Fassade quälten, schlugen und demütigten die beiden den Jungen, wie die Richter am Mittwoch in ihrem Urteil feststellten: Er wurde mit glühender Kohle verbrannt, wurde geschlagen, musste seinen Peinigern die Füße lecken. Am Ende versuchten sie, ihn mit einem Gegenstand zu vergewaltigen und ließen ihn den Gegenstand ablecken. Das alles filmten sie und stellten die Videos in ein soziales Netzwerk.

Die Quälereien und Erniedrigungen hatte sich die Kammer auf den Handys der Angeklagten ansehen können. Die Videos hatten die Angeklagten aus Geltungssucht und voller Stolz auf die Chat- und Videoplattform Snapchat hochgeladen. Anfangs fielen die Übergriffe noch eher verhalten aus. Als sie dann von Followern angestachelt wurden, verschärften sich die Taten. Der 17-Jährige musste einen kleineren Jungen aus dem Haus schlagen. Nach Angaben eines Polizisten vor Gericht sagte dieser Junge, der 17-Jährige habe das tun sollen - ansonsten würden sie ihn ja blutig schlagen.

„Taten von einem Ausmaß, die ich noch nicht gesehen habe“

„Das sind widerwärtige und ekelhafte Taten von einem Ausmaß und einer Intensität, die ich in dieser Kammer noch nicht gesehen habe“, gab der langjährige Vorsitzende der Jugendkammer zu Protokoll. Mit „zunehmender Brutalität“ hätten die beiden Heranwachsenden ihrem im gleichen Hause wie Rene M. wohnenden behinderten Freund „in vielfältiger Art und Weise die übelsten Dinge angetan“.

Auf die Frage zum Motiv gebe es keine eindeutige Antwort, sagte Beneking: „Die Angeklagten hatten gesagt, sie wollten sich cool fühlen.” Im Gerichtssaal saßen sie fast dauerhaft mit gesenkten Köpfen.

Neben allen ins Netz gestellten Beleidigungen, Schlägen, Todesdrohungen und abstrusen Demütigungen sind zwei Vorfälle in der Tat hervorzuheben. Die Idee, den Jungen am Unterschenkel massiv mit glühender Shisha-Kohle zu verbrennen und dies zu filmen, erfüllt den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung - der Vorfall grenzte regelrecht an Folter.

Der öffentlichen Demütigung preisgegeben

Das Filmen eines solchen Vorgangs mit seiner Veröffentlichung im Netz sei zudem ein massiver und unzulässiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen, stellte das Gericht fest. Dies sei gleich mehrfach geschehen, beschrieb Beneking den Sachverhalt. Schlimmer noch: Es habe das Opfer damit „der öffentlichen Demütigung in der Heimatstadt Stolberg“ preisgegeben. Noch ekelhafter, so das Gericht, sei noch die versuchte anale Vergewaltigung mit einer Spraydose mit den ekelhaften Begleitumständen.

Das Gericht verurteilte die Täter unter anderem wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit versuchter Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Fotoaufnahmen. Die 25 nachweisbaren und verurteilten Taten seien sicher nur die Spitze des Eisbergs, meinte der Richter. Die Videos waren nach 24 Stunden aus dem Netzwerk automatisch gelöscht worden.

Die Verteidiger hatten für einen Schuldspruch plädiert, aber eine Entscheidung über die Strafe auf einen späteren Zeitpunkt vertagen wollen. Das Jugendstrafgesetz ermöglicht bei einer solchen Entscheidung eine Berücksichtigung der weiteren Lebensführung. Der Vorsitzende Richter Beneking sagte dagegen: „Es müssen Defizite verankert sein, um über einen so langen Zeitraum menschenverachtende Taten und Grausamkeiten zu begehen.” Wer in der Lage sei, einen schwachen und behinderten Mitmenschen zu quälen, an dessen Persönlichkeit müsse intensiv gearbeitet werden.

Das Gericht bejahte bei beiden Angeklagten das Vorhandensein „schädlicher Neigungen“ und stellte, wichtig im Jugendstrafrecht, „die Schwere der Schuld“ für beide Männer fest. Auf das „Warum“ der Taten hatte allerdings auch die Kammer keine befriedigende Antwort. Die Richter sind überzeugt, dass ein „langer Weg der Aufarbeitung“ vor den zuvor nicht vorbestraften jungen Männer liegt.

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