Kinder bei der Gesangspädagogin Birgitta Schork-Möller aus Aachen

Kinder bei der Gesangspädagogin : Wenn Frieda auf die Trommel schlägt

Kinder starten "Mit Musik ins Leben"

Johann lässt alle anderen singen und versucht, sich zu verdrücken. Weil es hier schließlich musikalisch zugeht, denkt er sich, wäre es nicht unclever, das Klavierpedal zu erreichen. Johann ist zwar erst ein Jahr alt, aber er pirscht sich an wie ein erfahrener Indianer.

Er ist kurz vor dem Ziel, da zieht Inga, seine Mama, ihn zurück. Pech gehabt. Aber man kann es ja später noch einmal versuchen.

Kleine Kinder und Musik! Das ist es. Das ist – unabhängig von allen pädagogischen Ambitionen – der beste Grund für gute Laune, die unschlagbare Kombination, um sich wohlzufühlen und das Leben einfach schön zu finden. Sieben Mütter und ein Vater sitzen an diesem Nachmittag auf einem großen runden roten Teppich mit Birgitta Schork-Möller in deren Wohnzimmer.

Acht kleine Mädchen und Jungs – alle ein bis zwei Jahre alt – sitzen auf Mamas oder Papas Knien, beobachten sich, krabbeln auch übereinander her oder denken sich in ihren kleinen Köpfen womöglich schon mal aus, was man gleich anstellen könnte. Alle sind fröhlich, nicht ausgelassen, sondern eher in ruhiger Erwartung. Es sei denn, es wird gesungen, was meistens der Fall ist, oder getanzt. Musik liegt in der Luft.

„Die Amosphäre wirkt beruhigend. Er ist fasziniert.“ Inga Knapp mit dem einjährigen Johann. Foto: zva/L. Weinberger

Diese Atmosphäre macht das Besondere aus, weil sie so ganz anders ist als der Alltag, den sie alle sonst erleben. Einmal in der Woche kommen sie hier in dem Haus am Aachener Stadtpark zusammen, ein vertrauter Kreis, man kennt sich, alle duzen sich. Birgitta setzt sich Greta auf die Knie und hält ihr die Triangel hin. Die hat den Schlägel schon in der Hand, überlegt aber noch ein bisschen, ob sie schlagen soll. Sie tut es. Manchmal reicht ein einziger Ton auf der Triangel, und alle horchen spürbar auf. Greta strahlt über das ganze Gesicht.

Unterdessen hat sich Johann schon wieder aufgemacht. Jetzt inspiziert er die Bücher. Soll er ruhig. An den Regalen hat Birgitta Blätter mit den Liedtexten in großer Schrift angebracht. Wer kennt – außer ihr – schon alles auswendig?

Überredet werden muss keines der Kinder, zu „Mimule“ zu gehen. Das bestätigen alle Eltern. „Wenn wir aus dem Auto steigen, weiß Johann, wohin es geht; dann ist die Freude groß“, sagt Inga Knapp. „Enies Favorit ist im Moment ‚Kommt ein Vogel geflogen’“, erzählt deren Mutter Sanna Knaut. „Sie liebt es und freut sich jede Woche riesig, wenn wir zu ‚Mimule’ gehen.“ Die Mütter sind wie meist, wenn es um Aktivitäten mit Kindern geht, in der Überzahl. Das ist bei „Mimule“ nicht anders als auf Spielplätzen. Tobias Oser ist an diesem Nachmittag der einzige Vater. Seine Tochter Frieda steht mit großen Augen auf dem Teppich. „Sie liebt es. Sie ist hier unglaublich aufmerksam. Und sie tanzt gerne.“

Am beliebtesten bei den Kindern sind die Rasseleier. Als Maximilian eines in der Hand hat, ruft er schon: „Lieber Mai!“ Er weiß, was jetzt dran ist: „Komm, lieber Mai, und mache . . .“ Greta liebt die Polka von Dmitri Schostakowitsch, zieht dazu die Schultern hoch und runter, bewegt die Beine hin und her. Zu Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ lassen die Kinder Klangstöckchen tanzen. Beim nächsten Lied schlägt Frieda vollkommen begeistert auf die Trommel.

Fünf Minuten später liegen alle auf weißen Kissen und hören Vivaldi. Die eine oder andere Mutter schließt zwischendurch sogar kurz die Augen; länger als ein paar Sekunden kann man sich das natürlich nicht leisten. Maximilian klettert auf seiner Mama herum und rammt Greta seinen Fuß in die Hüfte. Die drückt sein Bein einfach wieder zur Seite. Aber alles bleibt friedlich, ganz harmonisch, auch wenn der Walzertanz ziemlich freifüßig über den Teppich geht.

„Er staunt und hat viel Spaß. Er ist völlig begeistert.“ Anna Herzog mit Jakob. Foto: zva/L. Weinberger

Zum Ende hin dürfen sich die Kinder ein Lied wünschen. Eine nicht ganz eindeutige, aber ausschlaggebende Mehrheit entscheidet sich für das Zahnputz-Lied auf die Melodie von „Brüderchen, komm tanz mit mir“.

Die Kinder fühlen sich wohl. Es tut ihnen gut. Sie sind konzentriert. Spielerische Konzentration. Die wird nicht eingefordert, sie ist da – und zwar über den für Ein- oder Zweijährige relativ langen Zeitraum von 50 Minuten. Darauf kommt es an, auch wenn die Jüngsten meist noch gar nicht mitsingen. Natürlich testet das eine oder andere Kind zwischendurch mal die Grenzen aus, aber das bleibt die Ausnahme. Es ist das Träumerische, das Ruhige, das Unaufgeregte, was diese 50 Minuten ausmacht.

Bei allem Spielerischem ist das, was in dem großen Wohnzimmer geschieht, doch mehr als ein schöner Zeitvertreib. Es macht Lust, und über diese Lust an der Musik entwickeln sich Fähigkeiten. Es ist keine Beschäftigungstherapie. Birgitta will den Eltern etwas vermitteln, was die zu Hause jederzeit anwenden können. Auf einmal haben die ein Lied darüber, wie ein Kind am besten über die Ampel geht.

„Im Rhythmus lernen sie fürs Leben.“ Birgitta Schork-Möller mit Greta. Foto: zva/L. Weinberger

Birgitta weiß, dass sie nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern bei Laune halten muss. Die Väter und Mütter sollen und müssen genauso Spaß haben, dürfen sich nicht langweilen. Obwohl eigentlich gar keine Langeweile aufkommen kann. Ein großes Glück. Pures Glück.

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