Kind stirbt an Darmverschluss: Prozess am Landgericht Aachen

Prozessauftakt in Aachen : Kind stirbt an Darmverschluss, Eltern vor Gericht

Angeblich wollte die Mutter am nächsten Tag mit ihrem Jungen zum Arzt gehen. Da war der fünfjährige Nico tot, in der Nacht gestorben an den Folgen eines Darmverschlusses.

Nicht einmal sechs Jahre wurde Nico alt. Er war ein schmächtiger Junge und rangierte bei turnusmäßigen medizinischen Untersuchungen an der unteren Gewichtsgrenze des „Normalen“, wie sein Kinderarzt vor dem Aachener Schwurgericht berichtet hat. Dort sind die Eltern seit Donnerstag wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge „durch Unterlassen“ angeklagt.

Nico starb in der Nacht zum 8. November nach einem bis dahin normal verlaufenen Abend auf der Couch im Wohnzimmer an der Seite seiner Mutter liegend, beide hatten dort vom frühen Abend an das TV-Programm angesehen, Nico war dann trotz seiner Bauchschmerzen irgendwann eingeschlafen. Dass es für immer war, erkannte die nach Polizeiaussagen fassungslose Mutter (34) etwa gegen 23.45 Uhr, als sie nach kurzer Abwesenheit wieder ins Zimmer trat und ihren Jungen nicht mehr atmen hörte. Sie weckte ihren Ehemann, der schlief bereits seit einigen Stunden im Ehebett, er brauchte die Ruhe wegen der anstehenden Frühschicht, hieß es im Polizeibericht.

Häufige Bauschschmerzen

Bei dem Jungen half weder die Wiederbelebung durch den aufgeweckten Vater noch durch den Notarzt. Als der um Mitternacht eintraf, war der Junge bereits tot. Sie hätten in den Tagen und Wochen davor die Schmerzen des Jungen ignoriert und nicht zeitig genug einen Arzt aufgesucht, heißt es in der Anklage gegen die Eltern Jennifer und Bernhard J. (34/35).

Das schmächtige Kind litt nach Angaben der Staatsanwaltschaft schon früher unter Verstopfung, dagegen hatte er vom Kinderarzt Medikamente verschrieben bekommen. Ob die Eltern für deren Einnahme gesorgt haben und ob sie nun beide im November 2017 fahrlässig und unverantwortlich zu lange gezögert hatten, erneut den Kinderarzt aufzusuchen, muss die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Roland Klösgen klären. Das Kind starb wohl an den Folgen eines Darmverschlusses.

Die Familie habe den Jungen, berichtete vor allem einer der ermittelnden Polizeibeamten, offensichtlich verwahrlosen lassen. Er habe „eine verkommene Wohnung“ vorgefunden, berichtete der 58-jährige Ermittler. Das tote Kind habe er zudem schmutzig und mit ungepflegten Nägeln vorgefunden, die Schneidezähne des Kleinen sollen bereits erheblich „kariös“ gewesen sein.

Zu dem Warum und Wieso äußerten sich die beiden angeklagten Eltern bislang nicht. Fest steht nach der Aussage des behandelnden Kinderarztes, dass der Junge bereits seit langem an akuten Darmproblemen gelitten hatte, so sehr, dass selbst der unmittelbare Nachbar der Familie den Gang zu dem Kinderarzt nicht gescheut hatte.

Besorgter Nachbar

Der war so beschäftigt, dass der besorgte Mann seine Ängste um das Wohl des Jungen einer Arzthelferin zu Protokoll gab. Die Zeugin versicherte am Donnerstag, dass sie den Arzt von dem besorgten Bericht des Nachbarn damals unmittelbar in Kenntnis gesetzt habe. Als die Mutter allerdings endlich im August 2017 mit dem Jungen in die Praxis kam, verschrieb der Kinderarzt ein auflösendes Mittel und Klistiere für den Akutfall.

Im Leichnam des Jungen fanden sich sowohl Spuren von Amphetaminen – der Vater nahm sie – wie auch des Schmerzmittels Tramal, einem Stoff aus der Opioid-Familie. Die Mutter hatte bei der Polizei angegeben, dem Kind wegen seiner Bauchschmerzen am Todesabend ein Schmerzmittel, allerdings ein für Kinder verträgliches, gegeben zu haben. Zum Arzt habe man am nächsten Morgen gehen wollen.

Über die exakte Todesursache wie über die medizinische Einordnung der Umstände wird der Kölner Rechtsmediziner Prof. Dr. Markus Rothschild berichten, er ist als Gutachter bestellt.

Der Prozess wird am 18. April im Aachener Landgericht, Saal A.009, ab 9 Uhr fortgesetzt.

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