Aachen: Keramik im Kino oder: So lernt der Student heute

Aachen: Keramik im Kino oder: So lernt der Student heute

Es ist die erste Reihe, die das Kino und die Universität miteinander verbindet, denn so unterschiedlich die beiden auch sein mögen, ganze vorne ist es immer leer. Im Kino, weil der Blick auf die Leinwand dann so schlecht ist, im Hörsaal, weil der Dozent einen dann so gut im Blick hat.

Die erste Reihe wird auch an diesem Morgen wieder gemieden, man hätte darauf wetten können, aber die Quote wäre wohl recht bescheiden gewesen. An diesem Morgen nämlich wird das Kino zum Hörsaal und ganz vorne will dann natürlich erst recht niemand sitzen. „Apollo” heißt das Kino, „Einführung in die Keramik” die Veranstaltung, und sie wird dort wohl das ganze Semester laufen.

Es geht nicht schnell genug

Die Zahlen sind zwar noch nicht endgültig, aber bereits jetzt steht fest, dass sich in diesem Semester an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) mal wieder mehr Studenten eingeschrieben haben als im Vorjahr. Am 1. Oktober wurden 7375 neue Studenten gezählt, im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 5681.

Und obwohl die RWTH schon seit Jahren neue Gebäude aus dem Boden stampft, ist sie einfach nicht schnell genug, um mit dem Zulauf junger Leute mitzuhalten. Deswegen mietet die Hochschule Kinosäle an, im „Apollo” und im „Cineplex”, fünf Veranstaltungen wurden im laufenden Semester dorthin ausgelagert. Toni Wimmer, Pressesprecher der RWTH, sagt: „Wir müssen den Betrieb aufrecht erhalten.”

Bei der „Einführung in die Keramik” hat Konstantin Kremer, der Dozent, ein bisschen mit der Technik zu kämpfen, sein Mikrofon funktioniert nicht zuverlässig, ab und an macht es ganz furchtbare Geräusche. Ansonsten sind die Gegebenheiten aber fast wie gemacht für eine Vorlesung. Es gibt eine große Leinwand für die PowerPoint-Präsentation, und mit einem vernünftigen Mikro wäre sogar der Ton optimal, ein Kinosaal ist ja auf Raumklang ausgelegt.

Irgendwann merkt Kremer, dass die Aufmerksamkeit im Saal ziemlich nachgelassen hat, es gibt eine Pause, die Studenten strömen an der Popcorn-Maschine vorbei, die Treppe hinauf, ans Tageslicht. Oben versichert man sich gegenseitig, an welcher Stelle des Vortrages man fast und an welcher man tatsächlich eingeschlafen ist. Dass das nicht als Kritik an Kremer zu werten ist, der die „Einführung in die Keramik” recht witzig gestaltet, erfährt man von Simon Schamp.

Schamp studiert Wirtschaftsingenieurwesen und gehört zu den etwa 50 Studenten, die an diesem Morgen die Vorlesung im „Apollo” hören. Er sagt: „Wenn man da drei Stunden drinsitzt, mit dem gedämmten Licht und den bequemen Sitzen, dann lädt das schon fast zum Schlafen ein.” Auch bei einer Verlagerung ins Kino wird aus der „Einführung in die Keramik” kein Actionfilm, ein bisschen mehr Licht könnte jedenfalls nicht schaden. „Und zum Mitschreiben ist es auch nicht optimal”, sagt Andreas Hoffmann, ein Kommilitone Schamps, der im „Apollo” die Pulte vermisst.

Aber grundsätzlich sei so eine Kino-Vorlesung schon okay, da sind sich Schamp und Hoffmann einig; besser jedenfalls als Veranstaltungen im Fo2, einem Hörsaal im Kármán-Auditorium. „Ist immer schlimm da”, sagt Schamp und begründet das damit, dass dort ziemlich viele Vorlesungen stattfinden. Und das führt zu schlechter Atemluft und Problemen beim Betreten und Verlassen des Raumes. Vor dem Fo2 bilden sich regelmäßig Staus.

Wird RWTH-Pressesprecher Wimmer danach gefragt, wie es zusammenpasst, dass eine Universität, der der Exzellenz-Status auch im Bereich Lehre zuerkannt wurde, nicht genug Räume für ihre Studenten hat, dann sagt er: „Das scheint schwer zusammenzupassen, aber es ist Realität.”

Wimmer verweist auf die 180 Millionen Euro, die der Hochschule vom Wissenschaftsministerium NRW zugewiesen worden sind, verbunden mit dem Auftrag, zwischen 2011 und 2015 die Rahmenbedingungen für 9000 neue Studienplätze zu schaffen. Wimmer erzählt von den 400 neuen Beschäftigten, die man zu diesem Zweck einstellen will. Wimmer erinnert an das neue Hörsaalzentrum an der Claßenstraße, das 4200 Plätze haben und pünktlich zum Wintersemester 2013 fertig sein soll.

Die Botschaft hinter all diesem könnte lauten: Wir sehen das Problem und wir arbeiten an der Lösung. Obwohl Wimmer niemals Problem sagen würde, er spricht von einer „Herausforderung”, vor der die RWTH steht, wenn sie schauen muss, wo sie all die jungen Menschen unterbringen kann. „Wir freuen uns über jeden Studenten”, betont der Pressesprecher, keiner solle bei der Qualität seiner Ausbildung Abstriche machen müssen. Auch deswegen mietet die RWTH Kinosäle an.

Wimmer sagt auch, dass der Studentenansturm für die Verantwortlichen der Uni eine ganz gute Übung sei, schließlich sei in den kommenden Jahren nicht damit zu rechnen, dass er abflaut, im Gegenteil. Ab 2012 kommen die doppelten Abiturjahrgänge, erst ab 2018 soll es ruhiger werden, weil sich dann der demografische Wandel bemerkbar macht.

Die RWTH hat sich für diese Zeit eine Zahl von konstant 27.000 Studenten zum Ziel gesetzt, im Moment sind es etwa 34.000. Und auch wenn es weniger werden, laufe man nicht Gefahr, mit neuen Gebäuden zukünftige Überkapazitäten zu erschaffen, sagt Wimmer. Schließlich müssten die alten Hörsäle auch irgendwann mal saniert werden und beim Kármán-Auditorium gibt es auch die Überlegungen, es abzureißen.

Weit entfernt davon abzureißen ist derweil der Strom an Studenten, der mittags in die Mensen fließt. Im Akkord arbeiten die Mitarbeiter, um hungrige Studentenmäuler zu versorgen. Den Stress an der Essensausgabe wollen nicht alle mitmachen. Ein Studentinnen-Trio hat es sich vor dem Super C gemütlich gemacht.

Im dritten Semester studieren sie Architektur. Die Aufregung um überfüllte Hörsäle beobachten sie aus der Distanz. Der Rummel rund um explodierende Studentenzahlen - für sie eher nebensächlich. „Am Anfang des Semesters ist immer viel los”, sagt eine. „Das dünnt sich in den nächsten zwei Wochen wieder aus.” Sie schiebt ihre Gabel in eine Nudelbox. Chinesisch steht heute auf dem Speiseplan. Massenabfertigung in der Mensa? Nein danke! Sie isst lieber im Freien und genießt die Oktobersonne.

Das würde Philipp Hecky auch gerne. Doch der angehende Wirtschaftsingenieur ist auf der Jagd. Seine bevorzugte Beute: ein Sitzplatz. Denn die sind rar, sagt er. Bei der Vorlesung „Mikroökonomie 1” hat er Glück.

Während vorne Professor Thomas Kittsteiner über die Spieltheorie doziert, darf Philipp sich sitzenderweise voll und ganz auf das Thema konzentrieren. Das habe er aber auch schon anders erlebt, wie er zugibt. „Klar, es ist rappelvoll. Wer zu spät kommt, der muss eben auf der Treppe sitzen oder stehen.” Letzteres ist für ihn keine Alternative. „Dann geh ich halt.” Mit ein wenig Heimstudium am Schreibtisch könne man die Prüfungen trotzdem meistern, meint der Student im dritten Semester.

Gelassen ein Weizen trinken

Überhaupt: Man wird das Gefühl nicht los, dass es Aachens Studenten größtenteils mit Gelassenheit hinnehmen, dass Hörsäle aus allen Nähten platzen und wenige Professoren für Hunderte Nachwuchswissenschaftler zuständig sind. Was bleibt den Studenten auch übrig? Gerade an solch einem goldenen Herbsttag. Da lassen einige den Professor einen guten Mann sein und genießen ein Weizen auf der Terrasse vor dem Super C.

Auch Kathrin Helsen und Kathrin Schreiner kennen keine Sitzplatz-Engpässe. Sie studieren Literaturwissenschaften an der RWTH. „Bei uns gibt es solche Probleme nicht”, sagen sie im Gleichklang. Allerdings, ergänzt Kathrin Helsen, habe sie im Radio gehört, dass in Dortmund sogar das Stadion für Uni-Zwecke gebraucht werde. „Ob das nun für Vorlesungen im Mittelkreis genutzt wird, weiß ich aber nicht”, schmunzelt sie.

Neueinschreibungen an den Aachener Hochschulen

7375 Neueinschreibungen zählte man an der RWTH bis zum 1. Oktober 2011. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es bis zum gleichen Zeitpunkt 5681. Die endgültigen Zahlen werden erst nach Abschluss des Einschreibeverfahrens am 5. November vorliegen.

Die größten Zuwächse gibt es in der Fakultät für Bauingenieurwesen (1123 Neueinschreiber, 500 mehr als im Vorjahr), beim Maschinenbau (2000 Neueinschreibungen, 400 mehr als im Vorjahr, 1000 abgewiesene Bewerber).

Die Fakultät für Elektro- und Informationstechnik zählt 825 Neueinschreibungen (Vorjahr: 685), die Philosophische Fakultät kommt auf 685 neue Studenten (rund 100 mehr als im Vorjahr).

Insgesamt kommt die RWTH damit derzeit auf rund 34.000 Studierende.

An der Fachhochschule Aachen (FH) haben sich zum neuen Semester insgesamt 2636 Studenten neu eingeschrieben, sie kommt jetzt auf 10 320 Studierende, 7168 studieren in Aachen, 3152 am Standort Jülich.

1074 FH-Studenten streben einen Masterabschluss an, die beliebtesten Bachelor-Studiengänge sind Betriebswirtschaft (1172), Bauingenieurwesen (887), Luft- und Raumfahrttechnik (677) und Maschinenbau (662).

Die Katholische Hochschule Aachen hat festgelegte Aufnahmekapazitäten, insgesamt gibt es dort 825 Studenten. Zum neuen Semester wurden 173 Neuzugänge im Bachelor-, 35 im Master- und 30 im Frauenstudiengang gezählt.

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