Heinsberg: Keine Gnade für Albinos: Galgenfrist für Igel „Albinchen”

Heinsberg: Keine Gnade für Albinos: Galgenfrist für Igel „Albinchen”

Rote Augen blinzeln aus einem Haufen aus Papierschnipseln. Ganz vorsichtig krabbelt „Albinchen” aus ihrem Versteck in der Igelstation Heinsberg. Ein langes Leben wird dem weißen Albino-Igelmädchen nicht bevorstehen, befürchtet der Leiter der Igelstation Wilfried Overhoff.

Die wegen eines genetischen Defekts so auffälligen Tiere seien für Greifvögel eine besonders leichte Beute, deswegen hätten sie es besser in der Igelstation. Doch darauf nimmt der Gesetzgeber keine Rücksicht.

Keine Sonderregelungen für Albino-Igel

Zwar stehen die heimischen Braunbrustigel sogar unter Naturschutz, erklärt Experte Prof. Michael Fehr von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. Die Igelpflege im Haus sei aber nur in ganz wenigen Ausnahmefällen erforderlich und gesetzlich erlaubt. Eine Sonderregelung für Albino-Igel gebe es nicht.

Bereits seit 2002 beherbergt Overhoff bis zu hundert Igel jeden Winter. Zusammen mit dem Verein „Freunde der Igelstation Heinsberg” kümmert er sich um untergewichtige oder kranke Igel. „Albinchen”, wie er seinen weißen Liebling nennt, sei eine kleine Sensation. Seit drei Monaten lebt das Igelmädchen bei Overhoff und versteckt sich am liebsten im bunten Papierschnipselhaufen.

Albino-Igel sind sehr selten. „In den letzen 30 Jahren habe ich fünf, vielleicht sechs Albinos untersucht”, berichtet Professor Fehr. Dabei handele es sich um einen Mangel an Pigmenten, der zu den roten Augen und dem hellen Stachelfell führt.

Als „Albinchen” im Sommer in die Igelstation Heinsberg gebracht wurde, wog das Igelbaby nur 65 Gramm und war unterernährt. Vermutlich sei es von seiner Mutter verstoßen worden, vermutet Overhoff. Es passiere sehr häufig, dass Albinos von Artgenossen vertrieben würden. „Dann müssen diese Tiere qualvoll verhungern”, sagt Overhoff.

Die Überlebenschancen von Albino-Igeln seien tatsächlich sehr gering, sagt Professor Fehr. Durch das helle Stachelkleid seien sie leichter zu erkennen für ihre Fressfeinde. Verstoßen würden die Tiere ihre Albino-Artgenossen aber nicht. Igel seien sowieso fast blind. Futtersuche und Partnerwahl finde über den Geruchssinn statt.

Auf Hilfe von Naturschützern kann „Albinchen” nicht hoffen. „Ein weißer Igel wird vielleicht häufiger attackiert, aber deshalb muss er nicht schwächer in der Abwehr sein”, sagt Birgit Königs vom Naturschutzbund NABU. Qualvoll für die Tiere sei die Gefangenschaft.

„Ein Igelleben in der Kiste ist kein Igelleben”, sagt der Pro-Igel-Vorsitzende Ulli Seewald. Albino-Igel in der Natur seien schmutzbedeckt. Für ihre natürlichen Feinde seien sie also kaum leichter aufzuspüren.

Overhoff glaubt nicht an diese Erklärungen, aber er will keinen Ärger. Mit Katzenfutter päppelte er das Igelmädchen auf. Jetzt wiegt sie schon 285 Gramm. Für die Freiheit sei das aber immer noch zu wenig. Deswegen wird Albinchen den Winter in ihrem Papierschnipselhaufen verbringen. „Wie vorgeschrieben werde ich sie dann im Frühjahr aussetzten und hoffen, dass ihr nichts passiert.”