Kein Sprit und hohe Preise an Tankstellen der Region

Sprit knapp und teuer: Warum so viele Tankstellen gerade leer sind

Über teuren Sprit hat sich wohl jeder Autofahrer schon einmal geärgert. In diesen Tagen kommt aber in unserer Region zu saftigen Literpreisen an den Zapfsäulen noch ein neues Phänomen: An etlichen Tankstellen sind diverse Spritsorten gar nicht mehr zu haben. Woran liegt das – und bleibt es so?

Wer etwa am Montagabend an einer Tankstelle an der Haihover Straße in Geilenkirchen Super E10 kaufen wollte, ging leer aus. „999“ zeigte die Preistafel an: ausverkauft. Anderswo ein ähnliches Bild, etwa an der Tankstelle an der Rurbrücke in Jülich oder an der Bahnstraße in Düren. Vor einer Tankstelle am Aachener Europaplatz wies ein großes Schild mit der Aufschrift „No Diesel“ Fahrer auf den dortigen Engpass hin. Am Dienstag gab es in Alsdorf an der Luisenstraße kein Super 95 und keinen Diesel mehr. Auf unbestimmte Zeit, wie ein Mitarbeiter angab. Und wo die Zapfsäulen noch in Betrieb sind, ist der Kraftstoff teuer.

 Woran liegt das? Die gute Nachricht vorweg: „Sprit ist genug da“, sagt Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Tankstellengewerbes mit Sitz in Bonn. Die Schlechte ist: Er ist zwar da, also etwa in Form von Rohöl in den Lagern von Rotterdam – aber eben nicht hier, also in den unterirdischen Tanks der Tankstellen in Städteregion Aachen und den Kreisen Düren und Heinsberg.

Mangelware: Lastwagen, Kesselwaggons, Lkw-Fahrer

 Das Problem liegt auf dem Wasser, genauer: dem Rhein. Er ist die Hauptschlagader beim Kraftstofftransport nach Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland, wo die derzeitige Knappheit besonders spürbar ist. Andere Regionen Deutschlands, etwa der Großraum Hamburg, sind kaum bis gar nicht betroffen. So kostete laut der App „Clever Tanken“ am Dienstag ein Liter Diesel in Freiburg an der Elbe 1,30 Cent, in Freiburg im Breisgau 1,50. Stolze 20 Cent Unterschied.

Super E10 war an dieser Tankstelle an der Haihovener Straße in Geilenkirchen am Montagabend nicht mehr zu bekommen. Foto: zva/Jan Mönch

Auf dem Rhein herrscht nach dem trockenen Sommer gerade Dauerniedrigwasser. „Wegen des extrem niedrigen Pegels sind die Tankschiffe im Moment teilweise nur bis zu einem Drittel beladen“, sagt Julia Spicker, Sprecherin des ADAC Nordrhein.

 Dieser Unterschied macht sich direkt an der Zapfsäule bemerkbar, wie Jürgen Ziegner vom Tankstellenverband vorrechnet: „Ein Tankschiff fasst bei normaler Beladung so viel wie rund 400 Tanklastzüge zu je 40.000 Litern.“ Was nicht per Schiff etwa in die Rheinhäfen von Andernach oder Koblenz gelangt, muss mit Tanklastwagen oder Kesselwaggonzügen in die Raffinerien gefahren werden, etwa nach Wesseling südlich von Köln. Diese Transportkapazitäten fallen derzeit aus, um die Tankstellen zu beliefern. Und nicht nur an Fahrzeugen fehlt es, Mangelware sind auch zertifizierte Tanklastwagenfahrer.

„Frachtkosten explodiert“

 „Die Frachtkosten sind regelrecht explodiert“, erklärt Jürgen Ziegner. Eine Tonne Rohöl von Rotterdam nach Basel zu bringen, eine gängige Route, koste heute rund 160 statt 30 Franken. Kosten, die sich kaum noch wieder einfahren ließen – weshalb mancher Binnenschiffer derzeit gar nicht mehr fahre. Von der erhöhten Gefahr, auf Grund zu laufen, einmal ganz abgesehen. „Ich bin seit 1989 in meinem Job, aber so eine Situation habe ich noch nie erlebt“, sagt er.

Und so stehen überall in der Region Tankstellenbetreiber mit leeren Händen vor ihren Kunden. Auch Peggy Kröngen, Inhaberin der Aral-Tankstelle an der Hauptstraße in Langerwehe, hatte am Dienstag – erneut – keinen Sprit. „Ich mache im Augenblick nur etwa ein Achtel des Umsatzes, den ich normalerweise habe. Gibt es kein Benzin, kommen die Leute auch nicht zum Einkaufen in unsere Tankstelle.“

Auf die Menge Benzin, die sie von den Raffinerien geliefert bekommt, habe Kröngen derzeit absolut keinen Einfluss. „Wir bekommen den Sprit von Aral zugeteilt. Und die versuchen, jede Tankstelle zu beliefern. Alle bekommen ein bisschen.“ Sie könne online Leerstände und mittlerweile auch drohende Leerstände melden. „Die werden dann auch bearbeitet, das heißt, ich komme auf eine Liste. Wann ich wieder Benzin bekomme, kann mir aber keiner sagen.“

Tankstellenmitarbeiter wüst beschimpft

Die Tankstellen-Inhaberin und ihre Mitarbeiter sehen sich zum Teil wüsten Beschimpfungen von Kunden ausgesetzt. „Meine Mitarbeiterin war schon einmal fast den Tränen nah, als sie angeschrien wurde, weil es kein Benzin gab.“ Bei allem Mitgefühl für Autofahrer, die morgens pünktlich zur Arbeit müssten und auf einen vollen Tank angewiesen seien: „Für manche Äußerungen habe ich kein Verständnis und einen Kunden habe ich auch schon meiner Tankstelle verwiesen.“

Kröngen hofft auf viel Regen und einen höheren Rheinpegel, damit die Tankschiffe bald wieder fahren können. „Wirtschaftlich ist die Situation für mich eine Katastrophe.“

Doch schnelle Besserung ist nicht in Sicht, sagt ADAC-Sprecherin Julia Spicker. „Selbst wenn es jetzt regnen würde, würde es noch lange dauern, bis die Pegel so stark steigen, dass die Schiffe wieder voll beladen werden könnten“. Kurzfristige Abhilfe könnte ein Vorschlag des Mineralölwirtschaftsverbandes bringen: eine Lockerung des Sonntagsfahrverbotes für Tanklastwagen. Das könnte zumindest die Transportkapazitäten kurzfristig um ein Siebtel erhöhen. Doch das Bundesverkehrsministerium hat sich dazu noch nicht geäußert.

ADAC-Sprecherin Spicker hat unterdessen einen Tipp für Autofahrer, um zumindest die Kosten halbwegs im Griff zu halten: Sie sollten am besten zu den Tageszeiten tanken, an denen es tendenziell billiger ist. Dies sind in der Regel der Nachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und dann der Abend von etwa 19 bis 22 Uhr. Bei der Wahl einer günstigen Tankstelle helfen im übrigen etliche Apps für das Smartphone. Und zuletzt gelte natürlich der gute alte Rat: „Benzinsparend fahren.“

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