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Skandal um rechte Chat-Gruppen: Kein Sammelbecken bei der NRW-Polizei

Skandal um rechte Chat-Gruppen : Kein Sammelbecken bei der NRW-Polizei

Es gibt immer mehr Verdachtsfälle. Der Skandal um rechtsradikale Chat-Gruppen bei der Polizei zieht immer größere Kreise. Ein Gespräch mit Polizei-Seelsorger und Ausbilder Marcus Freitag.

Der Skandal um rechtsextreme Chat-Gruppen bei der Polizei zieht immer größere Kreise. Inzwischen wird in den eigenen Reihen gegen fast 200 Mitarbeiter bei den Sicherheitsbehörden in Nordrhein-Westfalen ermittelt. Marcus Freitag bildet seit 20 Jahren Polizisten aus und fort. Er leitet zudem die Polizeiseelsorge in Essen.

Herr Freitag, sammeln sich Rechtsradikale bei der Polizei?

Marcus Freitag: Nein, da sitzen keine Extremisten vor mir, das kann ich überhaupt nicht sehen. Im Gegenteil, es findet gerade ein großer Wandel statt. Da kommen immer mehr Frauen und junge Leute mit Migrationshintergrund zur Polizei. Bezogen auf 50.000 Polizisten sind die 191 Verdachtsfälle, um die es bislang geht, nach wie vor ein sehr geringer Anteil. Es gibt sicher auch einzelne Beamte mit verquerer Weltsicht. Aber bezogen auf die 50.000 in Nordrhein-Westfalen sind das sehr wenige.

Aber warum wurde dann meistens geschwiegen, wenn in den Chat-Gruppen rechtsradikales Gedankengut verbreitet wurde?

Freitag: Es wird geschwiegen, um Kollegen zu schützen, oder weil die Dinge nicht ernst genommen werden. Kollegialität ist unabdingbar in diesem Beruf, darf aber natürlich nicht zum Schutz werden, wenn Kollegen Straftaten begehen. Es besteht immer die Gefahr, dass die Kollegialität übertrieben wird. In den Chat-Gruppen kommt dann noch eine gewisse Gruppendynamik hinzu: Um der Gemeinschaft willen wird nicht so genau hingeschaut. Der Beruf ist so anstrengend, da will man mit den Kollegen, mit denen man zum Teil auch die Freizeit verbringt, nicht auch noch Streit anfangen.

Radikalisiert denn etwa der Beruf die Beamten?

Freitag: „Der Beruf ist psychisch unglaublich anstrengend. Die Beamten suchen sich Ventile, um mit der eigenen Belastung umzugehen. Schwarzer Humor ist eines davon - und aus meiner Sicht weitgehend akzeptabel. Extremistische Anwandlungen sind das natürlich nicht.“

Was kann man denn dagegen tun?

Freitag: Wichtig ist regelmäßige Reflexion über die eigene Arbeit. Die Beamten müssen loswerden können, was sie im Alltag bewegt. Sie sitzen oft zwischen allen Stühlen und werden zum Feindbild für Dinge, für die sie selbst nicht verantwortlich sind. Sie werden deshalb angefeindet - und das auszuhalten ist schwer. Polizisten müssten mehr über ihre Belastungen sprechen, sich die Dinge von der Seele reden – dazu gehört auch die manchmal subjektiv empfundene Wirkungslosigkeit rechtsstaatlicher Maßnahmen.

Vor etwa 15 Jahren stieg bei der Polizeiführung das Bewusstsein dafür, dass die Polizisten nach besonders belastenden Einsätzen wie schweren Verkehrsunfällen oder Katastrophen wie der Loveparade Hilfe brauchen. Was man zunehmend erst heute entdeckt: Dass es auch für die Dauerbelastung eine kontinuierliche Begleitung geben muss.

Denken Sie nur an die Beamten, die permanent Kinderpornografie sichten müssen. Es gibt bestimmte Einsatzgebiete, dazu zählt auch der Einsatz in sozialen Problemzonen, da ist es wichtig, dass die Beamten loswerden können, was ihnen auf der Seele liegt.

Was würden Sie einem Beamten raten, der an sich gewisse radikale Einstellungen bemerkt?

Freitag: Wir haben als Menschen ein Wahrnehmungsproblem: Wir sehen immer den Fehler, wir sehen nie das Gute. Ich würde jedem Polizisten bei einer Supervision raten: „Achte auf den Unterschied! Es sind nicht die Araber oder die Schwarzen.“ Wer diese Differenzierung nicht mehr hinbekommt, der sollte sich tatsächlich besser eine andere Stelle, ein anderes Aufgabengebiet in der Polizei suchen.

(dpa)