Kirche: Katholische Laien pochen selbstbewusst auf Demokratie

Kirche : Katholische Laien pochen selbstbewusst auf Demokratie

Sie setzen unverdrossen auf das „gemeinsame Priestertum“ der Gläubigen in der katholischen Kirche. „Alle Getauften und Gefirmten haben den gleichen Auftrag, hat Franziskus gesagt.“ Selbstbewusst erinnert Lutz Braunöhler, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Aachen, an die Aussage des Papstes.

Er, sein Vorstandskollege Benedikt Patzelt und die Geschäftsführerin des Diözesanrats, Mechtild Jansen, sehen die Laienräte als legitimierte und wesentliche Organe der Kirche: vom Gemeinde- und Pfarreirat über den GdG-Rat (Gemeinschaft von Gemeinden) und den Katholikenrat der einzelnen Region bis zum Diözesanrat .

Die Frage nach der Wahlbeteiligung

Demokratie und katholische Kirche? Für Braunöhler sind das „keine Begriffe, die sich widersprechen“. Die drei können sich die Zukunft ihrer Kirche auf allen Ebenen gar nicht anders vorstellen als demokratisch strukturiert; das wird im Gespräch mit unserer Zeitung ganz deutlich. Die Laien sollen, wollen und müssen Verantwortung übernehmen, daran lassen sie keinen Zweifel und berufen sich auf das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) und auf die Würzburger Synode (1971-1975). „Die Mehrheit der Priester im Bistum Aachen ist froh über Laien, die Mitverantwortung übernehmen“, sagt Braunöhler.

Seit nunmehr 50 Jahren wirken von der Basis gewählte Laien in ihren Gremien im Bistum Aachen mit. Das wollen Sie am Samstag, 29. September, in der Aachener Citykirche St. Nikolaus feiern (siehe Infobox). Festtagsstimmung also — ja, aber nicht nur. „Es gibt hier bei uns Geistliche wie Laien, die diese Mitverantwortung nicht wollen, weil sie ein priesterzentriertes Kirchenbild haben“, sagt Jansen. Die Gremienstruktur gelte manchen als verkrustet und werde nicht überall als Gewinn gesehen. Die Mandatsträger würden auch als belastet und überfordert betrachtet.

Braunöhler wischt das keineswegs beiseite: „Sie finden für viele einzelne Aufgaben im Kirchenjahr in der Gemeinde immer Leute, die mitmachen. Aber sich für vier Jahre zu verpflichten, das ist schwierig.“ Und es wird offensichtlich immer schwieriger. Denn bei den letzten Pfarrei- und GdG-Wahlen war es hier und da nicht einfach, überhaupt Kandidaten zu finden; in einzelnen Gemeinden wurde deswegen überhaupt nicht gewählt. An den Wahlen zu den GdG-Räten beteiligten sich nach Patzelts Aussage vier Prozent der wahlberechtigten Kirchenmitglieder. „Es geht jetzt um die Frage, wie wir demokratische Strukturen erhalten oder bekommen können, die attraktiv sind“, sagt er. „Ist es ein Argument zu sagen, die brauchen wir nicht mehr?“

Mit der „Papierlage“, wie Jansen es nennt, ist sie zufrieden. „Wir haben eine gute Satzung.“ Die Mitentscheidungsbefugnisse der Laien bei pastoralen Fragen sind im Bistum Aachen — nicht zuletzt durch das Engagement des früheren Bischofs Heinrich Mussinghoff — größer als in den meisten anderen Diözesen. „Es gibt großes Interesse in anderen Bistümern an unserem Modell“, sagt Braunöhler.

Er könne sich nicht vorstellen, dass die Papierlage schlechter werde, aber sie werde in Zukunft auf jeden Fall anders sein. Die derzeit gültige Satzung der GdG-Räte gilt laut Jansen bis 2021. „Bischof Mussinghoff hatte sie auf zwei Wahlperioden befristet.“ Für 2021 ist auch das Ende des von Bischof Helmut Dieser initiierten Gesprächs- und Veränderungsprozesses vorgesehen.

Wenn die Struktur des Bistums, Rolle und Aufgaben der Gemeinden und Pfarreien sowie deren Leitung am Ende des laufenden Veränderungsprozesses neu gestaltet werden, wird das unweigerlich Konsequenzen für die demokratischen Gremien auf allen Ebenen haben. Braunöhler nennt die Fragen, um die es geht: „Welche Kompetenzen haben die Räte? Welche brauchen wir in Zukunft, und wie stark können deren Mitglieder belastet werden? Gibt es zu viele Gremien?“

Braunöhler geht davon aus, dass Gremien zusammengelegt werden. „Wir müssen bei den nächsten Wahlen vom Kirchturmdenken weg kommen.“ Er spricht aber auch von „vielen anderen deutschen Bistümern vor allem im Süden der Republik, wo die basisdemokratischen Strukturen eingeschränkt werden“. Jansen ergänzt: „Das darf es hier bei uns nicht geben; wir brauchen diese Struktur auch in Zukunft.“ Aus den Worten der drei ist aber herauszuhören, dass sie sich Sorgen machen, es könne nicht so bleiben.

Trotz Jubiläum und bei allem Selbstbewusstsein ist die Stimmung unter den katholischen Laien der Aachener Diözese nicht ungetrübt. Denn ausgerechnet der 50. Jahrestag der Laiengremien wird im Bistum Aachen überschattet von heftigen Vorwürfen und Kontroversen. Er fällt in ein Jahr, in dem es wie noch nie Kritik am Bischof gegeben hat: Er übergehe die diözesanen Räte, beziehe sie nicht genügend ein und habe sie vor dem Start des laufenden Gesprächs- und Veränderungsprozesses — dem wichtigsten Projekt für die Zukunft des Bistums — vor vollendete Tatsachen gestellt.

„Um 50 Jahre zurückgeworfen“

„Ich würde das nicht überbewerten“, sagt Braunöhler jetzt. „Der Bischof musste viel lernen, weil er das Bistum nicht kannte. Wir sind im Gespräch.“ Und das werde womöglich auch noch intensiver. „Wir waren nicht damit zufrieden, wie dieser Prozess eingeführt wurde“, sagt Patzelt. „Aber ich sehe jetzt Veränderung.“

Das wird auch nötig sein. Denn der Bischof hat in diesem Jahr auch noch die von den Laien mitgewählten Regionaldekane kurzerhand abgeschafft und die neue Institution der von ihm ernannten Regionalvikare und deren Teams mittlerweile durchgezogen. Der Katholikenrat von Braunöhlers Region Heinsberg, stellte dazu im März fest: „Wir werden um 50 Jahre zurückgeworfen.“

Das sei „die Fortsetzung einer priesterzentrierten Kirche und ein Machtzuwachs für den Bischof“, sagte Braunöhler damals. Die Kritik stieß bei der Bistumsspitze auf taube Ohren. „Das haben die ausgesessen wie die Politiker“, sagt Braunöhler heute. Auch das dürfte die Laien fürs Jubiläum nicht gerade positiv stimmen.

Trotzdem sind alle drei spürbar bemüht, die Konflikte mit Dieser zu dämpfen. Es wird verbal abgerüstet. Braunöhler hat offensichtlich den Eindruck, der Bischof werde offener. „Inwieweit wir ein offenes Ohr finden, muss sich zeigen“, sagt der Diözesanratschef. „Ich kann das nicht vorhersagen.“

Mehr von Aachener Nachrichten