Karlspreisträger António Guterres diskutiert mit Studenten der RWTH

Karlspreis 2019 : António Guterres setzt Hoffnung in die junge Generation

Kritische Worte: Karlspreisträger Guterres in Aachen

Einen Tag vor der Karlpreis-Verleihung ist der erste Stopp des designierten Preisträgers António Guterres die RWTH Aachen. Im Karlspreis-Europa-Forum geht es in der Zwischenzeit um den Brexit, die Vielfalt und um die Zukunft der EU.

António Guterres hat Charme. Und er kann seine Zuhörer zweifellos gut für sich einnehmen. So gut, dass ihm alle Studierenden am Mittwochmittag im Hörsaal C.A.R.L. zweieinhalb Stunden lang zuhören, ohne Ausnahme. Kein Flüstern, keine Smartphones. Diese Ehre dürfte nicht jedem, der sonst für Vorlesungen dort vorne steht, zuteilwerden. Aber Guterres schafft es. Zuerst, als er eine halbe Stunde lang seine Rede zu den Themen hält, die er wichtig findet, und dann, als er weitere zwei Stunden im Dialog mit den Studierenden ist. Manche Fragen beantwortet er knapp, manchmal reicht ein schlichtes „Ja“, aber wenn es nötig ist, nimmt er sich Zeit für seine Ausführungen, ohne langatmig zu werden, mal nachdrücklich, mal leidenschaftlich, auch mit Wortwitz.

Manchmal auch mit unbeabsichtigtem Witz. Zum Beispiel, wenn er die Studenten begrüßt und sagt, dass er sich freut, „heute Abend“ hier sein zu dürfen. Kurze Pause, ein Blick durch den Hörsaal, dann schnell: „Heute Nachmittag.“ Gelächter – und an dieser Stelle ist das Eis auch schon gebrochen.

Am Donnerstag soll der UN-Generalsekretär den Karlspreis entgegennehmen. Und seine erste Veranstaltung in Aachen widmet er den Studierenden der RWTH. Die empfangen ihn wohlwollend, mit einem Streicherquartett, das die „Ode an die Freude“ spielt, die Europa-Hymne. Dann kommt Rektor Ulrich Rüdiger ans Rednerpult und sagt: „Da Sie Elektrotechnik studiert haben, sind Sie hier genau richtig.“

Voller Hörsaal, volle Aufmerksamkeit: So gespannt gelauscht wird hier sicher nicht immer. Foto: ZVA/Harald Krömer

Guterres beginnt autobiografisch. Später wird er sich der Frage aus dem Publikum stellen müssen, warum er als Elektrotechniker in die Politik ging. „Ich habe sehr viel Leid in meinem Land gesehen, und ich habe mich gefragt: Kann ich etwas tun, um menschliches Leiden zu reduzieren? Dann bin ich in die Politik gegangen“, antwortet er dann.

Im Wesentlichen sieht Guterres, das wird in seiner Rede schnell klar, zwei drängende Punkte auf der Agenda: den Klimawandel und die Digitalisierung. Beides wirke sich schließlich auf alle Bereiche der Gesellschaft aus, sagt er. „Der Klimawandel rennt schneller als wir.“ Er sei nicht nur eine Bedrohung in der Zukunft, sondern bringe uns schon heute in eine Krise. „Im Moment bewegen wir uns in die falsche Richtung“, sagt er. Er sieht aber auch viel Gutes: Junge Menschen zum Beispiel, die sich für die Umwelt engagieren, und Unternehmen, die die Notwendigkeit anerkennen, etwas fürs Klima zu tun.

„Fundamentales Werkzeug“

Dann spricht der UN-Generalsekretär über die Digitalisierung. Hier müsse Europa stark und geeint handeln, damit sich die Entwicklung in die richtige Richtung bewege. Konkreter: Das vereinte Europa sei ein fundamentales Werkzeug, um das Internet in eine „gute Kraft zu verwandeln. Denn es habe auch das Potenzial, zu einer großen Gefahr zu werden. In dem Zusammenhang kommt Guterres auch auf das Thema Künstliche Intelligenz und spricht sich sehr entschieden gegen autonome Waffen aus.

Der 26-jährige Nelson Montes Piñuela aus Spanien sieht Europa in der Pflicht, sich um die zu kümmern, die noch immer unter der Finanzkrise von vor zehn Jahren leiden. Sonst profitierten die Populisten. Foto: Annika Thee

Guterres redet auch über Solidarität, Sicherheit und über ungerechte Vermögensverteilung. Es gebe noch viel zu tun auf dem Weg zu einer „fairen Globalisierung“, bei der keiner zurückgelassen wird, wie er sagt.

Das alles gehe nur gemeinsam. Ein starkes und vereintes Europa sei essenziell, und dennoch oft noch nicht in dem Maße vorhanden, wie es nötig wäre. Je mehr globale Probleme es zu lösen gebe, desto mehr Rückzug ins Nationale gebe es – ein Widerspruch, der durch die Angst der Menschen entstehe, sagt Guterres. Dabei müsse Europa sich neben China und den USA auf der internationalen Ebene durchsetzen, sagt Guterres. „Entweder mischt sich die EU geeint und stark in internationale Themen ein oder sie wird mehr und mehr an Bedeutung verlieren.“

Guterres’ Widmung im Gästebuch.

Am Ende wird Guterres noch konkreter, wendet sich direkt an die Studenten. „Meine Generation hinterlässt euch eine Welt voller Potenzial und Herausforderungen. Ihr habt die Chance, die Welt in die richtige Richtung zu lenken. Meine Generation überlässt euch leider die Welt nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte.“

Dann übernehmen die jungen Leute. Wie wichtig ist eine Reform des Sicherheitsrats der UN? Sollte die EU einen Sitz haben? „Ich bin dafür, aber in naher Zukunft wird es das nicht geben. Aber ohne Reform des Sicherheitsrats wird es nie eine vollständige Reform der UN geben. Und der Sicherheitsrat ist in seiner Form im Moment nicht in der Lage, die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen“, antwortet er. Und was würde Guterres von Greta Thunberg als nächste Karlspreisträgerin halten? „Das wäre für mich kein Problem“, sagt er und lächelt.

Wieder Applaus, dann trägt António Guterres sich ins Uni-Gästebuch ein, posiert für das obligatorische Abschlussfoto und verlässt den Hörsaal für den nächsten Termin: seinen Auftritt beim Karlspreis-Europa-Forum im Ballsaal des Alten Kurhauses. Hier warteten die geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Lehre und Medien schon auf den UN-Generalsekretär.

Schon am Vormittag diskutierten die Teilnehmer dort zu dem Thema „Nach der Wahl – und jetzt, Europa?“ über die Ergebnisse der Europawahl und die Zukunft der Europäischen Union. Moderiert wurde die Veranstaltung von Roger de Weck, Gastprofessor am College of Europe in Zurüch.

Die EU als Hecke

Die vier renommierten Journalisten, die morgens auf dem Podium Platz genommen hatten, waren sich schnell in einem Punkt einig geworden: „Von der Idee der Vereinigten Staaten von Europa müssen wir uns angesichts der derzeitigen Machtverhältnisse verabschieden“, sagte Christoph Schwennicke, Chefredakteur des Cicero. „Wir müssen die Union wie eine Hecke zurückschneiden, damit sie von innen wieder austreiben kann. Das muss von den Bürgern aus geschehen.“

Doch gerade bei den Bürgern sah Karel Verhoeven, Chefredaktion der belgischen Zeitung „De Standaard“, eine große Verunsicherung. „Es gibt eine große Verlustangst. Es gibt die Angst vor dem Ende der Menschheit, das die Grünen adressieren, aber es gibt auch die Angst vor Armut, die besonders die Gelbwesten in Frankreich thematisiert haben“, sagte er. In der späteren Diskussion mit dem Publikum pflichtete ihm ein junger Spanier bei. „Unsere größte Herausforderung in Europa ist, die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Sonst erstarken die populistischen Parteien. Viele Menschen haben die Finanzkrise von vor zehn Jahren noch immer nicht überwunden“, sagte der 26-jährige Nelson Montes Piñuela.

Jeremy Cliffe von der britischen Zeitschrift „The Economist“ betonte besonders das Phänomen der „Zersplitterung“ Europas. „Das ist ein hässliches Wort und auch keine gute Entwicklung“, sagte Cliffe. „Aber sie hat auch etwas Gutes. Sie führt dazu, dass das Europäische Parlament endlich zu einem Ort wird, an dem richtige Machtkämpfe stattfinden.“

Dagegen hob Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, hervor, dass es weniger um „Zersplitterung“ als um „Vielfalt“ gehe. „Wir müssen viel Stärker an ein Europa der Regionen als ein Europa der Nationen denken“, sagte sie. Doch wie steht es eigentlich um eine Europäische Öffentlichkeit oder Identität? „Wenn wir das Thema Europa auf dem Titel haben, können wir die Hälfte der Auflage direkt in die Spree werfen“, sagte Schwennicke zugespitzt. „Europa zieht!“, widersprach Mika. Allerdings warnte sie davor, Europa zu sehr zu romantisieren. „Es geht um die Zukunft, und die ist nicht romantisch, sondern knallhart.“

Cliffe stimmte ihr zu. „Europäische Ideale sind gut und wichtig, aber entscheidend ist die europäische Wirklichkeit. Und Tatsache ist, dass Europa mehr tun muss. Dafür sorgen allein die Bedrohungen von außen und innen. Die realpolitischen Argumente für Europa werden immer stärker.“ Doch genau bei diesen Herausforderungen sieht der ehemalige Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Rolf-Dieter Krause, die EU schlecht aufgestellt. „Die Staaten der EU sind wie Fußballer, die aufs eigene Tor schießen. Wir können uns das nicht leisten.“

Die Jugend bringt frischen Wind

Aber unter den geladenen Gästen waren auch die Jugendkarlspreisträger, die bereits am Vortag ausgezeichnet worden waren. Die jungen Menschen brachten frischen Wind in die Debatte. Vor allem aber bereicherten sie die eher theoretische Diskussion über Machtverhältnisse, Einstimmigkeitsprinzip und Brexit-Szenarien durch ihre persönliche Perspektive und ihre Auffassung von Europa. Statt darüber zu diskutieren, ob es nun an einer europäischen Identität oder Öffentlichkeit hapere, sagte ein junger Schwede: „Wir müssen uns nicht ausschließlich als Europäer identifizieren, um mit voller Überzeugung hinter Europa zu stehen.“ Eine junge Italienerin betonte: „Wir jungen Menschen füllen das europäische Motto ‚Vereint in Vielfalt‘ viel intensiver mit Leben, als es ältere Generationen tun.“ UN-Generalsekretär Guterres machte die gleiche Beobachtung: „Junge Menschen sind viel offener für Multikulturalität, und das ist ein Zeichen der Hoffnung“, sagte er. Statt der Skepsis über Europas Zukunft, die in vielen Redebeiträgen der geladenen Gäste herauszuhören war, strahlten die meisten jungen Gäste Zuversicht aus – und eine Leidenschaft für Europa, die an ihrer Zukunftsfähigkeit keinen Zweifel lässt.

Als UN-Generalsekretär António Guterres dann am späten Nachmittag bei dem Forum sprach, bediente er beide Seiten. Er zeichnete anhand der seiner Einschätzung nach größten Herausforderungen unserer Zeit jeweils ein düsteres und ein optimistisches Zukunftsszenario. „Entweder wir ändern radikal unsere Politik und haben in 25 Jahren den Kampf gegen den Klimawandel gewonnen – oder wir sind verloren“, sagte er. Außerdem müsste sich die UN an in ihrer organisatorischen Struktur verändern, da sie durch die Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat zu selten handlungsfähig sei. „Wenn die UN in 25 Jahren noch relevant sein will, muss sie sich ändern“, sagte er.

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