Karlspreis 2018: Stellt Angela Merkel sich an Emmanuel Macrons Seite?

Aachen/Brüssel/Berlin : Stellt Merkel sich am Donnerstag an Macrons Seite?

Wenn aus den EU-Hauptstädten am Donnerstag nach Aachen geschaut wird, hat das weniger mit europäischer Grandeur und dem Geist des Integrationswerkes zu tun, die hier regelmäßig beschworen werden, sondern mit der deutschen Bundeskanzlerin und dem französischen Präsidenten.

Vor allem in Brüssel, Paris und Berlin ist man durchaus gespannt darauf, ob und wie Angela Merkel in ihrer Laudatio auf den neuen Karlspreisträger Emmanuel Macron und dessen weitreichende Vorschläge zu intensiverer europäischer Zusammenarbeit antwortet.

Die Erwartungen des Präsidenten an die Kanzlerin sind hoch; er wartet schon weit mehr als ein halbes Jahr darauf, dass die Bundesregierung zu seinen Initiativen (EU-Finanzminister, gemeinsamer Haushalt für die Eurozone, mehr Solidarität in der Währungsunion, europäischer Währungsfonds, Bankenunion, europäisches Asylsystem, gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik) konkret Stellung nimmt. Merkel wird nicht müde, Einigkeit mit Macron zu betonen; beide haben zugesagt, bis zum nächsten EU-Gipfel im Juni Kompromisse zu finden.

Nach wie vor wirbt Macron wie keiner seiner Amtsvorgänger um Berlin und für gemeinsames und entschlossenes Vorangehen beider Länder. So wird es morgen im Aachener Krönungssaal interessant sein zu hören, ob die Kanzlerin die Erwartungen, die sich an diesem Ort und vor diesem Publikum an sie richten, mit der ihr eigenen Nüchternheit und Nonchalance ignoriert oder ähnlich ehrgeizig wie Macron Stellung bezieht.

Während der französische Präsident aufgrund umfassender außenpolitischer Kompetenzen viel Handlungsfreiheit hat, ist die Kanzlerin an parlamentarische und koalitionäre Rücksichten gebunden. Merkel fühlte sich durch monatelange Koalitionsverhandlungen gehemmt. Mittlerweile sind es aber vor allem Vorbehalte in ihrer eigenen Partei und besonders in der bayerisch-rustikal wahlkämpfenden CSU, die sie bremsen, mutig und mit langfristiger Perspektive europapolitisch Initiative zu übernehmen.

Da die Bundeskanzlerin in ihrer Laudatio aber nur gut über den Preisträger reden kann, wäre das die beste Gelegenheit, sich von innenpolitischen Fesseln zu lösen und eine Vision zu wagen. Das politische Interesse an der Karlspreisfeier ist jedenfalls enorm, 230 Journalisten aus dem In- und Ausland haben sich akkreditiert — mehr als je zuvor.

Mehr von Aachener Nachrichten