Karlspreis 2018: Emmanuel Macron und das Ringen um gemeinsame Sprache

Aachen: Emmanuel Macron: Ringen um eine gemeinsame Sprache

Am Ende des Tages wird Emmanuel Macron regelrecht zum Poeten. „Die Sprache Europas ist die Übersetzung“, sagte der französische Staatspräsident vor Hunderten Zuhörern im Hörsaal der RWTH Aachen und stellte gleich klar, dass die universelle Sprache eben nicht das Englische sei — schon gar nicht angesichts des Brexits.

„Es wird in Europa bei Diskussionen weiter Übersetzer geben, es wird weiter Unübersetzbares geben, und es wird wohl auch weiter Missverständnisse geben“, sagte Macron einige Stunden, nachdem er für seine Verdienste um die europäische Einigung mit dem Karlspreis ausgezeichnet worden war. Wahre Liebe sei die Liebe des anderen. Nur sich selbst zu lieben sei narzisstisch. Man kann das natürlich auf menschliche Charaktereigenschaften beschränken, man muss diese Worte aber sicher auf das Verhältnis der EU-Mitgliedstaaten untereinander beziehen. Die Staaten müssten versuchen, sich und ihre unterschiedliche Politik zu verstehen. Überhaupt geht es an diesem Donnerstag viel um gegenseitiges Verständnis.

Tihange-Gegner hier, Europa-Befürworter dort: Emmanuel Macron gibt sich in Aachen volksnah und geht auf die Menschen zu. Er macht Selfies mit RWTH-Studenten — nur beim Pontifikalamt im Aachener Dom bleibt er eher distanziert. Foto: Andreas Steindl

Die Kirche und der Sinn

carlmja13 10.05.2018 Karlspreis macron Foto: Michael Jaspers

Beim Pontifikalamt im Aachener Dom am morgen ging es vor allem um das Verständnis und das Verhältnis von Kirche und Politik — auch um die Kreuzdebatte in Deutschland. „Die Sinnfrage muss wieder mit der Politik verbunden werden — ohne Staat und Kirche zu vermischen, und ohne jedem das Christliche aufzudrücken“, sagte der Aachener Bischof Helmut Dieser in seiner Ansprache. Die Kraft der europäischen Idee werde sich gerade darin erweisen, ob sie gemeinsame Antworten auf die Sinnfrage findet oder ob weiter nationale Sinnstiftungsversuche Europa schwächen und immer mehr abwerten.

carlmja37 10.05.2018 Karlspreis macron Foto: Michael Jaspers

Macron, der bereits am Mittwochabend in Aachen angekommen war, wirkte im Dom noch verhalten. Kein Amen, kein Halleluja, kein „Vater unser“ kam dem ehemaligen Jesuitenschüler über die Lippen. Das mag aber auch daran liegen, dass sich Macron in religiösen Fragen stets sehr bedeckt hält. Angesichts des Prinzips der Laizität war Macron schon ein Treffen mit den französischen Bischöfen im April in seiner Heimat vorgeworfen worden. Immer wieder vergewisserten sich Ehefrau Brigitte und der Präsident, ob man nun stehen oder sitzen muss, tuschelten zwischendurch miteinander und bewunderten den Aachener Dom, den sie am Abend zuvor bereits besichtigt hatten. Macron wippt immer ein wenig von einem Fuß auf den anderen. Ob dieser brillante Rhetoriker tatsächlich auch mal nervös ist? Oder irritiert es ihn nur, dass er mal nicht das Wort hat?

Seine Sicht auf Europa konnte Macron in einer beeindruckenden Rede bei der Karlspreisverleihung darlegen. Im Aachener Rathaus hörte man aber nicht nur Macrons Worte und die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), sondern auch Rufe der Menschen und das Schrillen von Trillerpfeifen auf dem Markt. Der Platz vor dem Rathaus war gestern blau und gelb. Die Gruppe „Pulse of Europe“ (in blau) schwenkte Europa-Flaggen und sang die Europa-Hymne, was aber angesichts der Überzahl Hunderter Tihange-Gegner (in gelb) etwas unterging. Die Demonstranten forderten ein Aus der umstrittenen belgischen Atommeiler in Tihange und Doel. Sie sangen das Kinderlied „Frère Jacques“ mit einem umgedichteten Text auf Deutsch und Französisch: „Herr Macron, Herr Macron, Stop Tihange, Stop Tihange, rette unsere Leben, rette unsere Leben, Stop Tihange, Stop Tihange“.

Während einige „Pulse of Europe“-Demonstranten die Intensität der Kernenergie-Gegner als zu laut und aggressiv empfanden, mischten sich die beiden Gruppen doch teilweise. „Ich bin für Europa, aber gegen Tihange und hoffe, das schließt sich nicht aus“, sagte beispielsweise der Aachener Kurt Lennartz.

„Die Europäische Flagge ist blau und gelb, das passt doch“, sagte Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, der besonders zufrieden war, dass Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) in seiner Rede im Krönungssaal das Thema Tihange ansprach. „Die Nutzung von Kohle ist ebenso eine Sackgasse wie die Nutzung von Atomenergie“, sagte Philipp. „Und da können wir in der Region in der Nähe eines nicht ausreichend sicherem Atomkraftwerks in Tihange von einer direkten Betroffenheit sprechen. Das macht uns Sorgen.“

Als Macron später das Rathaus verließ zeigte er auf sein Ohr und ging auf die Tihange-Gegner zu. „Er hat den Daumen gehoben und applaudiert, mehrmals! Die Botschaft ist also angekommen“, sagte der Aachener Arzt Wilfried Duisberg von IPPNW, einer Vereinigung von Medizinern, die sich für eine atomtechnologiefreie Welt einsetzt. „Jetzt muss er nur noch das Abschalten veranlassen.“ Frankreich ist Mehrheitseigner des Akw-Betreibers Engie.

Doch auch das könnte ein Missverständnis sein. Denn nur, weil man sich eine Sorge anhört, heißt es nicht, dass man sie auch teilt. Die französischen Journalisten jedenfalls, die über den Karlspreis berichteten, sagten nur: Tihange? Noch nie davon gehört. Das werde Macron sicher nicht zum Atomausstieg bewegen. Eine abwinkende Handbewegung.

Und dann setzte sich der Tross in Bewegung zum Katschhof, wo Macron auf der Bühne zu den Aachenern sprach. „Ich setze auf Sie als Botschafter Europas“, rief er den Menschen zu. Und Merkel beglückwünschte ihn: „Félicitation“, mehr könne sie nicht auf Französisch sagen. Da ging es wieder um die Verständigung. Aber diese Einsilbigkeit passt wohl ganz gut zum Verständnis zwischen Macron und Merkel.


Dass die französische und die deutsche Mentalität nicht immer zusammenpassen, zeigte sich auch im Anschluss. Um 14.30 Uhr sollte Macron im Hörsaal CARL der RWTH Aachen vor Hunderten Studenten und Gästen reden. Doch ein Franzose, der seit 9 Uhr unterwegs ist, hat spätestens um diese Uhrzeit Hunger. Hinter dem Hörsaal war eigens für Macron ein Raum eingerichtet worden und vor allem Essen serviert worden. Da mussten die Zuhörer im CARL eben warten, aber einem Macron verzeiht man das offensichtlich. Kein Murren, kein Stöhnen. Und dann gab es viel Applaus, als Macron beinahe eine Stunde zu spät die Bühne betrat.

Auch hier erläuterte er seine europäische Vision. Auch hier sprach er frei, eloquent und mitreißend. Als er über seine Beziehung zum US-Präsidenten Donald Trump sprach, sagte er nur „Die Beziehung ist herzlich, aber ich bin kein Zauberer“, will heißen: Auch er könne Trump nicht zur Vernunft bringen. Zauberqualitäten muss man dem Präsidenten aber wohl doch zusprechen, denn als er auf eine Tihange-Frage einer Studentin eingeht, gab es keine Buhrufe, keinen Protest, obwohl die Antwort keine populäre sein dürfte. „Ich weiß, dass die Menschen hier Sorgen haben“, sagte Macron. Er halte diese Sorgen jedoch nicht für vernünftig. „Wenn ich glaubte, dass die Atomkraftwerke nicht sicher seien, hätte ich sie in Frankreich geschlossen.“

Seine Priorität liege auf der Reduktion der CO2-Emmissionen, nicht auf dem Ausstieg aus der Kernenergie. „Sie haben mein Versprechen, dass Sie in Sicherheit sind — wie auch das französische Volk.“ Vielleicht ist das Thema Tihange eben auch so ein Missverständnis zwischen den Kulturen. Die französischen Journalisten winken nur ab. „Oh la la“ sagten sie und schauten sich an. Dieser typische französische Ausdruck „Oh la la“ kann sehr viel heißen. In diesem Fall wohl: „Na, da trägt er mal wider dick auf.“ Aber das kommt an und ist vielleicht ein Beitrag zur Verständigung. Am Ende gab es stehende Ovationen für Macron, der noch mit etlichen Studenten Selfies machte. Das universelle Verständigungssymbol dieser Zeit.

Mehr von Aachener Nachrichten