Aachen: Karlsmedaille verliehen: Rolf-Dieter Krause im Interview

Aachen : Karlsmedaille verliehen: Rolf-Dieter Krause im Interview

„Eigentlich stehe ich ja lieber auf der anderen Seite“, sagte Rolf-Dieter Kraus zu den wartenden Journalisten, als er im Aachener Rathaus ankam. Er sei schließlich Reporter, nicht von Beruf Preisträger. Trotzdem freute er sich darüber, dass er am Donnerstagabend mit der Karlsmedaille für europäische Medien ausgezeichnet wurde. Sein Markenzeichen, das Halstuch, hatte er „extra für Aachen in schwarz-gelb ausgewählt“.

20 Jahre lang erklärte Krause aus dem ARD-Studio in Brüssel den deutschen Fernsehzuschauern nicht die Welt, aber zumindest Europa. „Die EU braucht Vermittler“, sagte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) bei seiner Rede im Krönungssaal. Der EU-Abgeordnete Elmar Brok (CDU) nannte Krause in seiner Laudatio einen „würdigen Preisträger“.

Vier Männer und ein Preis: Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp(CDU), Karlsmedaillenvorsitzender Michael Kayser, der Preisträger Rolf-Dieter Krause und Laudator Elmar Brok (CDU).

„Ich bedanke mich für deine Arbeit“, sagte er in Richtung Krause; beide sind in Brüssel Freunde geworden. Michael Kayser, Vorsitzender des Vereins Médaille Charlemagne, lobte, dass Krause kritisch, aber immer für Europa da sei. Wir sprachen vor der Verleihung mit Krause über Bekanntheit, Journalismus und den Zustand der EU.

Herr Krause, was bedeutet Ihnen die Karlsmedaille?

Krause: Ich habe mich darüber sehr gefreut. Wenn Sie so lange im Ausland leben, wie ich es getan habe, dann haben Sie ja kein Gefühl dafür, ob Ihre Arbeit wertgeschätzt wird oder nicht. Sie leben unter Ausländern. Die meisten gucken in Brüssel natürlich kein deutsches Fernsehen. Seitdem ich wieder in Deutschland lebe, merke ich erst, dass ich erkannt und auf der Straße oder im Supermarkt angesprochen werde. Diesen Preis vergeben die Aachener außerdem nicht leichtfertig. Die denken sich etwas dabei. Das freut mich einfach. Aber ich bleibe der, der ich bin. (lacht)

Sie werden in Deutschland überall erkannt. Hätten Sie diese Wertschätzung auch gern in der aktiven Zeit gehabt, oder sind Sie da gänzlich uneitel?

Krause: Sehr uneitel sogar. Reporter sollen auf dem Teppich bleiben und nicht abheben. Das Nichterkanntwerden erleichtert das natürlich. Ich wusste nicht, was meine Nase hier in Deutschland bedeutet. Wenn Leute sagen: Bei dir haben wir Europa verstanden, ist das schön. Das war ja immer mein Ziel. Journalismus muss erstmal richtig sein, aber er muss auch verständlich sein. Man muss wissen, um was es geht; und das scheint gelungen zu sein. Das freut mich besonders, weil ich kein Jubeleuropäer, sondern durchaus sehr kritisch mit Europa umgegangen bin. Dass das anerkannt wird, freut mich.

Der Preis ist auch ein Zeichen gegen Fake News. Wie steht es um den Journalismus?

Krause: Wir befinden uns im Informationskrieg. Informationen beeinflussen Meinungen, und das versuchen Kräfte, sich zunutze zu machen. Wir erleben viele feindselige Akte — besonders aus Russland. Ich glaube, dass wir dem noch sehr viel entschiedener entgegentreten müssen. Das hätten wir schon beginnen müssen, als der Begriff der Lügenpresse aufkam, damals bei „Pegida“.

Ich kenne keinen Journalisten, der bewusst etwas Falsches veröffentlicht; das hieße ja zu lügen. Ich bin mir nicht sicher, wie es bei der Yellow Press ist, bei den Kollegen, die über Adelshäuser berichten. Aber im normalen Journalismus schreibt keiner bewusst die Unwahrheit.

Aber unbewusst?

Krause: Es ist unbenommen, dass uns Fehler unterlaufen, obwohl wir versucht haben, sie zu vermeiden. Mitunter werden wir manchmal in die Irre geführt, auch durch falsche Informationen. Journalisten müssen Kurs halten. Wir müssen nachvollziehbar und sauber arbeiten. Recherchieren, die andere Seite hören und dann den Sachverhalt möglichst verständlich darlegen.

Ich gebe zu: Es ist Luft nach oben. Ich habe mich manchmal gewundert, dass sich Kollegen zu früh mit Informationen begnügen oder nicht nachfragen. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, im Stadium der Recherche dumm zu sein. Ich habe auch nie Scheu gehabt, dumme Fragen zu stellen. Wenn ich veröffentlicht habe, wollte ich nämlich nicht mehr dumm sein. Wenn ich bei Pressekonferenzen Ansprechpartner gelöchert habe, haben sich häufig Kollegen danach bedankt.

Das stimmt. Manchmal gibt es eine falsche Scheu, blöd dazustehen.

Krause: Ja, vor allem Mädels haben damit Probleme. Kolleginnen haben oft die Angst, im Gespräch dumm dazustehen oder unwissend zu erscheinen. Damit hatte ich nie ein Problem. Im Gegenteil.

Ist das Ihr Geheimnis als Europa-Erklärer?

Krause: Es mag sein. Das kann man selbst schwer beurteilen. Worauf es mir ankam, war, dass ich es begriffen hatte. Eurokrise, das Wort sagt sich so leicht dahin. Aber was ist denn die Wirklichkeit in Griechenland? Das ist in Wahrheit unheimlich schwer zu erfassen und zu verstehen. Ich habe eine lustige Erfahrung gemacht: Meist, wenn man etwas nicht verstanden hat und nachbohrt, ist das der wunde Punkt an einer Geschichte, der Punkt, der schmerzt. Erinnern Sie sich an meine Kabbelei mit Kanzlerin Angela Merkel nach der Europawahl?

Erzählen Sie noch mal ...

Krause: Die Parteien waren mit Spitzenkandidaten in die Wahl gegangen. Der Spitzenkandidat sollte Kommissionspräsident werden. Zwei Tage nach der Wahl wollte Merkel davon plötzlich nichts mehr wissen. Ich fragte sie: Warum nicht? Sie antwortete, man müsse die EU-Verträge beachten. Ich habe nicht verstanden, warum das die EU-Verträge verletzten würde, wenn sie an dem Versprechen festhalten. Das war der wunde Punkt. Ihre Behauptung stimmte nämlich einfach nicht. Wenn man auf eine Frage dauernd keine Antwort bekommt, weiß man: Es gibt keine Antwort.

Wenn Sie sich an solche Anekdoten erinnern, vermissen Sie Ihren Job?

Krause: „Jein“ ist die Antwort. Ich habe unheimlich gern in Brüssel gearbeitet. Der WDR ist kein perfekter Arbeitgeber, aber ich habe in meinem ganzen Arbeitsleben beim Sender nicht erlebt, dass man mir inhaltlich reingeredet hätte. Die Bedingung war immer, handwerklich sauber zu arbeiten. Ich würde allen Journalisten auf der Welt wünschen, dass sie so frei wären. Freiheit hat mir immer sehr viel bedeutet, und meinem Team in Brüssel auch. Bevor ich in Rente ging, habe ich mich darauf vorbereitet.

Alles im Leben ist auf Zeit, sogar das Leben selbst. Ich habe mir gesagt: Krause, stell dich nicht so blöd an! Millionen andere Menschen haben es auch schon geschafft, Rentner zu werden. Als der Zeitpunkt gekommen war, konnte ich loslassen. Mir fehlen natürlich die kleinen Geplänkel, zum Beispiel mit Finanzminister Wolfgang Schäuble. Andererseits beschäftige ich mich nach wie vor mit Europa, und mein Terminkalender ist rappelvoll. Ich halte beispielsweise Vorträge oder bin in Fernsehsendungen zu Gast.

Wie steht es um Europa?

Krause: Überhaupt nicht gut, leider, überhaupt nicht gut. Auch wenn die Rechtspopulisten Geert Wilders und Marine Le Pen ihre Wahlen nicht gewonnen haben, wird es nicht leichter. Die EU hat die Menschen überfordert. Schauen Sie sich den Euro an. Ich war schon bei der Einführung skeptisch, weil ich nicht dachte, dass wir wirtschaftskulturell so weit sind. Jeder hat sich etwas anderes versprochen. Keiner hat gesagt: Wenn ihr in einer Währungsunion seid und in Schwierigkeiten geratet, müsst ihr Euch selbst ändern, weil ihr nicht mehr die Möglichkeit habt, das mittels der Wechselkurse zu schaffen.

Frankreich steht gerade im Fokus.

Krause: Frankreich bräuchte so etwas wie unsere Agenda 2010. Aber wir haben den verantwortlichen Kanzler Gerhard Schröder als Dank in die Wüste geschickt. Frankreich wird ohne Veränderung nicht wieder zu wirtschaftlicher Stärke finden. Wir leben in der Globalisierung, die Franzosen sehen die Globalisierung nur als Bedrohung und nicht als Chance. Es ist aber immer beides.

Die Klamotten, die Sie anhaben — da gehe ich jede Wette ein, dass mindestens ein Teil davon in Bangladesch oder Vietnam genäht worden ist, weil Sie sich die sonst gar nicht leisten können. Für einen Pullover aus Deutschland müsste man 350 Euro zahlen. Wer kann das denn? Wir nehmen als Kunden die Globalisierung gern in Kauf, als Arbeitnehmer fürchten wir Sie. Man muss Wege finden, sich trotz Konkurrenz zu behaupten. Dass es möglich ist, beweist Deutschland.

Was wird Macron denn schaffen?

Krause: In Frankreich hängt viel von der anstehenden Parlamentswahl ab. Die müssen wir abwarten. Streikfreudige Gewerkschaften, aber auch die Linke wollen Macron behindern und genau genommen die Rechten auch. Es wird schwer für Macron. Und die deutsche Europapolitik wird vor die Frage gestellt, ob sie den Laden zusammenhält.

Gefährdet Deutschland durch seine starke Rolle die EU?

Krause: Nein. Das ist ein ungerechter Vorwurf. Das, was die deutsche Politik für Europa einfordert, ist nicht ein deutscher Wunsch, sondern das haben mal alle unterschrieben. Wenn Europa scheitert, wird es am Euro scheitern, weil die Menschen nicht mit dem Zwang klarkommen, den eine gemeinsame Währung unvermeidbar ausübt.

Wie schwer wird es in Europa ohne die Briten?

Krause: Es ist bedauerlich. Sie sehen schon jetzt, was für eine ungute Dynamik in Gang kommt. Die Briten waren zwar ein schwieriger, aber verlässlicher Partner. Die haben beispielsweise EU-Richtlinien viel schneller in nationales Recht umgesetzt als Deutschland. Jetzt werden aus Partnern Gegner. Gerade wir Deutschen sind in einem Dilemma. Weil die Briten ein wichtiger Wirtschaftspartner sind, müssten wir sie eigentlich nah an der EU halten.

Aber wenn die Briten den Superdeal kriegen, von dem sie träumen — vom Binnenmarkt profitieren, aber die Lasten nicht auf sich nehmen —, würde das den Verfall der EU beschleunigen, dass es nur so kracht. Und deswegen bedauere ich, dass sie gehen. Aber jetzt müssen sie es auch tun, wenn sie es denn wollen. Panik habe ich nicht: Die Briten waren ja nicht von Anfang an dabei. Und Europa hat sich auch ohne sie entwickelt.

Gibt es in 20 Jahren vielleicht keine Europäische Union mehr?

Krause: Vielleicht nicht, aber nicht wegen des Brexit, sondern aus anderen Gründen. Der Euro überfordert die Gesellschaft, wie ich schon sagte. Außerdem sind unsere Werte nicht mehr gemeinsam. Gucken Sie sich doch an, was da in Ungarn und Polen passiert. Die könnten in ihrem heutigen Zustand keine Mitglieder der EU werden. Die Gründungsväter Europas waren leider so naiv, keine Vorkehrungen in dieser Sache getroffen zu haben. Sie dachten wohl, wer einmal in Genuss von Meinungsfreiheit, Pluralismus, Demokratie gekommen ist, kommt davon nicht mehr ab.

Ein Irrtum ...

Krause: ... wie wir sehen. Dass die CDU in der EVP im EU-Parlament Orban noch immer akzeptiert, ist skandalös. Der Mann, der in Ungarn die Pressefreiheit de facto abschafft, der das Wahlrecht so ändert, wie es ihm passt, der jede Uni, jedes Theater mit eigenen Leuten besetzt ... Und wir finanzieren den. Mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts Ungarns sind direkte Hilfen der EU. Und dann haben wir noch die Polen, die das nachmachen.

Glücklicherweise gibt es dort mehr Widerstand in der Gesellschaft. Polen ist der größte Nettoempfänger der EU. Wir finanzieren diese Halunken. Damit werden wir wieder ein Stückchen unglaubwürdiger. Enttäuschung ist immer die Differenz zwischen Erwartung und dem real eintretenden Ergebnis. Wir reden von Wertegemeinschaft und Freiheit und reagieren nicht auf diese Missstände; da muss man als Bürger schon sehr blöd sein, um sich darüber nicht zu ärgern.

Das war jetzt eine kleine Wutrede.

Krause: Ich hätte es viel lieber, wenn man solche Länder aus der EU ausschließen könnte. Diese Länder haben alle mal unterschrieben, dass wir eine immer engere Union bilden wollen. Und jetzt sind da Leute, die ihr Land nicht selbst finanzieren, die nicht in der Lage wären, ihre Straßen zu bauen, und die andauernd von nationaler Souveränität reden. Das passt nicht zueinander. Europa heißt immer mehr gemeinsam ausgeübte Souveränität. Es ist keine Preisgabe von Souveränität.

Aber bitte, wie souverän ist denn Ungarn allein in der Welt? Nur wenn wir uns zusammenschließen, sind die Länder stark. Ich wünsche mir ein starkes Europa. Aber Stärke hängt nicht nur von Größe ab, sondern von innerer Geschlossenheit. Es gibt Länder, die uns diese Geschlossenheit zerstören. Als Journalist bin ich da ganz cool. Als Bürger, der die EU will, empört mich das außerordentlich.

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