Aachen: Karl wirft seine Schatten voraus

Aachen: Karl wirft seine Schatten voraus

Karl, der Übergroße: Auch 1200 Jahre nach seinem Tod hat der Frankenherrscher nichts von seiner Faszination verloren. Denn längst sind nicht alle Fragen zu Leben und Wirken des legendären Kaisers beantwortet, der in den letzten 20 Jahren seiner Herrschaft Aachen zum politischen und kulturellen Mittelpunkt seines Riesenreiches machte und die Kaiserpfalz zum Treffpunkt von Abgesandten aus der ganzen Welt.

Eine große Ausstellung soll im nächsten Jahr vom 20. Juni bis 21. September an drei Orten des historischen Pfalzbezirkes an den großen Kaiser erinnern und neue Forschungsergebnisse präsentieren. Hochkarätige Wissenschaftler haben sich im Frühjahr 2010 in einem Beirat zusammengefunden und seitdem mit möglichen Inhalten der Ausstellung beschäftigt. Am Mittwoch präsentierten sie im Rathaus einige Ergebnisse ihrer Arbeit.

In den kommenden Monaten wird es darum gehen, die Forschungsergebnisse für die Ausstellungsbesucher im Wortsinn „begreifbar“ zu machen. Frank Pohle, seit dem Sommer Juniorprofessor für die Geschichte und Kultur der Region Maas/Rhein an der RWTH: „Der Historiker ist im Allgemeinen ein Text- und kein Augenmensch. Daher geht es jetzt um die Frage: Wie visualisiert man die Ergebnisse? Die müssen wir in die moderne Zeit überführen.“

Eine der Überraschungen: Das (noch) aktuelle Modell der Pfalzanlage, für die große Karlsausstellung im Jahr 1965 vom damaligen Stadtbaumeister Leo Hugot gebaut, hat an einigen Stellen den neuen Forschungen nicht mehr standgehalten. „Wir werden ein neues Pfalzmodell präsentieren“, kündigte RWTH-Historiker Harald Müller an. „Denn wir wissen heute viel mehr als 1965.“

Zwar habe man nicht vor, die karolingische Welt neu zu erfinden, aber einzelne Elemente des Hugot‘schen Modells scheinen eher architektonischer Freiheit entsprungen. Sie kommen im neuen Modell nicht mehr vor. Zudem habe die Pfalz nicht — wie auf vielen Bildern — „auf der grünen Wiese“ gestanden.

Rätsel gibt den Wissenschaftlern derzeit noch ein aufwendig gearbeiteter Kindersarg aus dem Domschatz auf. Die Machart lässt nur den Schluss zu, dass es sich um ein Kind von vornehmer, wenn nicht sogar königlicher Abkunft gehandelt haben muss. Allerdings habe man in der Literatur bisher keinen Hinweis auf die Identität des Kindes gefunden.

Johannes Fried, Autor einer aktuellen Biografie Karls des Großen und bis 2009 Dozent für mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt, mahnte: „Die Erfahrungen eines Hochschullehrers zeigen: Das Wissen um Karl den Großen ist rückläufig.“ Bei der Präsentation der neuen Forschungsergebnisse sei es daher wichtig, das Publikum aktiv in die Ausstellung mit einzubeziehen. „Die Leute möchten spielen, nicht nur angucken, und wenn nur per Knopfdruck an einem Modell ein Licht angeht.“ Die Ausstellung solle den Besuchern die Gelegenheit geben, ihre eigenen Erfahrungen mit Karl zu machen, wenn nicht sogar „ihre Liebe zu Karl zu entwickeln“.

Das dürfte nicht immer einfach werden, denn im Gegensatz zur 1965er-Ausstellung werde man diesmal die Gewaltfrage nicht ausklammern, kündigte Fried an. „Da kommt man nicht dran vorbei.“

Karl habe die Aufgabe der Christianisierung, insbesondere der Sachsen, „ungeheuer ernst genommen“, sei dabei aber intellektuell offenbar an seine Grenzen gestoßen. Die Folge war ab 772 ein fast 30 Jahre dauerndes Gemetzel, das Karl den unrühmlichen Beinamen des „Sachsenschlächters“ eintrug.

Seiner Heiligsprechung im Jahr 1165 tat das ebenso wenig Abbruch wie seinem bis heute vor allem in Aachen gepflegten Andenken. Rudolf Schiffer, bis 2012 Ordinarius für Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, beantwortete dann auch die Frage nach dem Ausstellungsort mit einer einfachen Gegenfrage: „Wo denn sonst, wenn nicht in Aachen?“ Außerdem sei es nach den neuen archäologischen Erkenntnissen einfach Zeit für eine neue Ausstellung gewesen.

Nachdem RWTH-Geschichtsprofessor Max Kerner unter anderem darauf hingewiesen hatte, dass Karl in seinem Reich „die letzte europäische Einheitswährung vor dem Euro“ eingeführt habe, war man beim Thema Geld angekommen. Auch hier gab es nur Erfreuliches: Oberbürgermeister Marcel Philipp konnte vermelden, dass an den voraussichtlichen Ausstellungskosten von 3,8 Millionen Euro nur noch 150.000 fehlen.