Region: Junge Musikfans: Klassikfrust oder Klassiklust?

Region : Junge Musikfans: Klassikfrust oder Klassiklust?

Klassische Kulturangebote sind nicht für jeden etwas. Gerade bei jüngeren Menschen klassische Musik im Durchschnitt nicht so beliebt. In der Region steht es um das junge Publikum aber noch gut. Solange die Rahmenbedingungen stimmen.

Der Beziehungsstatus lässt sich durchaus mit „Es ist kompliziert“ beschreiben. Jüngere Menschen und klassische kulturelle Angebote scheinen in den letzten Jahrzehnten immer öfter getrennte Wege zu gehen und schwerer zueinander zu finden. Das belegt auch die bundesweite Umfrage des Zentrums für Kulturforschung (9. Kulturbarometer, 2011), wie Berthold Seliger in seinem Buch „Klassikkampf“ feststellt: „94 Prozent der Unter-Fünfundzwanzigjährigen haben im letzten Jahr weder Opernaufführungen noch Symphoniekonzerte besucht.“ Es sei davon auszugehen, dass sich das in den letzten sieben Jahren nicht geändert habe, sagt Seliger.

Ein klares Ergebnis mit Blick auf Deutschland — aber wie lautet die Devise bei den jungen Leuten in der Region: Klassikfrust oder -lust? Das kommt ganz drauf an. Zum Beispiel auf den Rahmen der Veranstaltung. So habe das Publikum bei den „Kurpark Classix“ mittlerweile einen „breiten Altersdurchschnitt“ erreicht, sagt Veranstalter Christian Mourad. Gründe habe das mehrere: Zum einen sei es ein Event, bei dem „Musik ohne Schwellenängste“ angeboten werde. Das bedeute, dass das Publikum die Wahl habe zwischen „Turnschuhen, Picknickdecke und einem Bier oder Sitzplätzen auf einer Tribüne“.

Zum anderen habe das Konzept des „Cross-over-Konzertes“ Früchte getragen. Die Symbiose aus Popmusikern und Symphonieorchester begeistere alle. Gute Ansätze, die durchaus helfen, das Publikum zu durchmischen.

Flexiblere Angebote

Lichter werde es in den unteren Altersklassen allerdings bei der „Last-Night“-Veranstaltung: Bei dem symphonischen Konzert seien vorwiegend ältere Leute vertreten. „Für klassische Musik muss man sich teilweise mehr Zeit nehmen, um einen Zugang zu ihr zu finden. Ich habe das Gefühl, dass manche Jüngere nicht mehr dazu bereit sind“, erklärt Mourad die Zurückhaltung. Reine Pop-Konzerte, wie das von den „Fantastischen Vier“, haben da mehr Anziehungskraft für die Jüngeren.

Aus Sicht von Autor Berthold Seliger ist die Idee, eine flexiblere Konzertatmosphäre zu schaffen, ein wichtiger Schritt. „Die Klassik ist in den vergangenen Jahrzehnten auf einen Sockel gestellt worden, von dem wir sie wieder herunterholen müssen.“ Die „inszenierte Heiligkeit“, die klassische Konzerte heutzutage mit sich bringen würden, müsse aufgebrochen werden.

Mit diesem Hintergedanken geht auch die Veranstaltung „Weltklassik am Klavier“ in Aachen ein Mal im Monat an den Start. „Bei uns darf auch geklatscht werden zwischendrin. Wenn ein Gast das Gefühl hat, das muss raus, dann muss der Künstler damit klarkommen“, erzählt Veranstalterin Andrea Lugg, die in Aachen als Gastgeberin immer vor Ort ist. Die Reihe findet in 38 Städten statt, Aachen sei mit Abstand die Stadt mit dem jüngsten Publikum. „Bei 70 bis 80 Besuchern haben wir meist zehn Prozent unter 18-Jährige und 15 Prozent Studenten.“ Eine Bilanz, die erfreulich ist, aber auch zeigt, dass der Brückenschlag zur jüngeren Generation nicht ohne Einsatz geht.

Florian Koltun, der in Kooperation mit der Stadt Geilenkirchen den „Klaviersommer in Geilenkirchen“ organisiert, bei der renommierte Pianisten in privaten Wohnräumen spielen, verfolgt noch ein weiteres Konzept: In seiner „Schülerjobbörse“ helfen Schüler gegen Vergütung, die Veranstaltung vorzubereiten. „Sie können dann auch die Künstler kennenlernen und übernehmen Verantwortung“, sagt Koltun. Das begeistere die jungen Menschen auch abseits von Konzerten.

Mehr Konzerte

Ähnlich sieht es in der Theater- und Opernwelt aus. Laut Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins haben sich die Besucherzahlen von klassischen Orchestern bei etwa vier Millionen eingependelt: Autor Seliger stellt jedoch fest, dass die Besucherzahlen nur durch die steigende Zahl der angebotenen Konzerte möglich seien.

Das bestätigt auch Lisa Klingenburg vom Theater Aachen, die für das Ressort Theater und Schule zuständig ist. Das allgemeine Angebot sei größer geworden, um genauer auf die Interessen des Publikums eingehen zu können. „Das Publikum unter 18 Jahren ist das schwierigste“, fasst Klingenburg zusammen. Von Opernbesuchen außerhalb des schulischen Rahmens seien nur wenige zu überzeugen.

Gut funktioniere hingegen bei den jüngeren Besuchern zum Beispiel das Konzept „Orchester hautnah“, bei dem die Besucher während des Konzerts um die im Raum verteilten Musiker mit ihren Instrumenten herumgehen können. Auch Konzerten wie „Music is it!“, bei dem das Symphonieorchester Aachen Musik aus Computerspielen inszeniert, soll junge Menschen wieder ins Theater locken.

Fazit: In der Region steht es um die Beziehung von Klassik und der jüngeren Generation nicht ganz schlecht, problemlos ist sie aber nicht. Klar ist, dass das Publikum unter 30 Jahren auf neuen Wegen angesprochen werden muss, um dem klassischen Kulturangebot erhalten zu bleiben.

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