Jülich: Protest der Zuckerrübenbauern gegen EU-Wettbewerbsverzerrung

Jülicher Bauern beklagen Wettbewerbsverzerrung : Wenn eine Zuckerregion sauer wird

Am letzten Wochenende haben sich italienische Bauern auf Sardinien auf dem Weg nach Assemini gemacht. Auf ihren Traktoren hatten sie gefüllte Milchkannen geladen. In Assemini hat der Fußball-Erstligist Cagliario Calcio sein Trainingsgelände, Sardiniens Vorzeigeklub.

Das Team konnte an diesem Tag erst deutlich verspätet zum Ligaspiel beim AC Mailand aufbrechen, weil alle Ausgänge abgesperrt waren. Die Milchbauern protestierten öffentlichkeitswirksam gegen Dumpingpreise. Auch deutsche Landwirte können von dramatisch gesunkenen Preisen ein Klagelied singen.

Es geht nicht immer um die Milch, manchmal auch um andere Rohstoffe. Rheinische Landwirte sind zum Beispiel an diesem Freitag in Jülich zusammengekommen. Sie sind ohne Traktoren, aber mit viel Wut angereist. Viele tragen gelbe Westen. Das ist keine Anleihe bei französischen Nachbarn, bei denen die leuchtenden Oberteile zum Symbol der Verärgerung geworden ist. Die rheinischen Rübenbauern tragen die Warnwesten, weil das so Vorgabe ist für die Besucher auf dem Werksgelände der Zuckerfabrik Pfeifer & Langen.

Die Zuckerrübenanbauer sind schlicht: sauer. Vor 15 Monaten wurde der Zuckermarkt in der EU liberalisiert, Mindestpreise für Zuckerrüben, feste Produktionsquoten sowie Exportbeschränkungen fielen auf dem Kontinent weg. Das hat den Produzenten bereits weh getan und den Verbraucher gefreut. Im nun freien Spiel der Kräfte ist der Zuckerpreis absehbar schnell gefallen. Was die Rübenanbauer ebenfalls sehr schnell auf die Palme gebracht hat, sind die unterschiedlichen Voraussetzungen.

In Jülich stehen nun mehr als 200 Landwirte auf dem Parkplatz, die Mitarbeiter der Zuckerfabrik unterbrechen soldarisch ihre Arbeit und pfeifen mit. Beim Protest fällt hier immer wieder das „W-Wort“: WETTBEWERBSVERZERRUNG. Denn in zwölf Ländern wurden „gekoppelte Prämien“ eingeführt, seitdem der Markt liberalisiert wurde. Für einen Hektar Zuckerrüben gibt es dann schon mal 500 bis 600 Euro zusätzlich. Solche Subventionen verändern die Produktionsbedingungen, beklagen heimische Landwirte, die keine Beihilfen erhalten. „Viele Länder verzerren den Wettbewerb mit nationalen Alleingängen, und Brüssel schaut untätig zu“, sagt Heinz Leipertz, Regionalleiter Rheinland bei Pfeifer-Langen.

Auch der Dachverband in Berlin, die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker, die den Widerstand bundesweit organisiert, beklagt das mangelnde „Fair play“ auf dem Zuckermarkt: „Die Dummen sind die deutschen Landwirte und die Beschäftigten in der Zuckerindustrie sowie die von ihr abhängigen Wirtschaftsbetriebe im ländlichen Raum“, sagt Hauptgeschäftsführer Günter Tissen. Die ersten beiden von 20 Zuckerfabriken in Deutschland schließen nun.

Die Jülich-Zülpicher Börde gilt als „Gunstregion“ mit klimatisch herausragenden Bedingungen. Seit 150 Jahren wird hier produziert. „Wir haben ideale Voraussetzungen hier, und durch die kurzen Wege eine gute Öko-Bilanz“, sagt Leipertz. Etwa 1600 landwirtschaftliche Familien und bis zu 210 Familien in der Jülicher Zuckerfabrik sowie vor- und nachgelagerte Firmen hängen vom Ertrag ab. Leipertz greift sich das Mikrofon und sagt, dass sich die Mitarbeiter des Standorts aufgrund der fehlenden Chancengleichheit sorgen.

Auch beim Thema Pflanzenschutz gäbe es in Europa unterschiedliche Vorgaben. 13 Länder lassen den Einsatz von bestimmten Rübenbeizen zu, um so virusübertragende Blattläuse zu bekämpfen. Die Mittel sind in der EU verboten, werden aber mittels „Notfallverordnungen“ dann doch wieder in den meisten Staaten zugelassen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium dagegen habe das Verbot bekräftigt und nehme Ertragsverluste und Einkommenseinbußen damit bereitwillig in Kauf, ärgert sich Martin Ditges, Rübenanbauer aus Titz.

„Schnellstmögliche Kurskorrektur“

Der Rübenbauer, fordert von der deutschen und europäischen Agrarpolitik „eine schnellstmögliche Kurskorrektur“. Gekoppelte Rübenbeihilfen und Pflanzenschutzmittelzulassungen müssen EU-weit einheitlich geregelt sein.“ Ditges sagt, dass der Protest weiter gehen werde, es gibt bereits einen Gesprächsttermin bei der zuständigen Ministerin, aber vielleicht müsse man tatsächlich mal in Brüssel vor einem EU-Gebäude seinen Unmut formulieren.

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