„Bleiben wir?“: Juden in Düsseldorf nach Anschlag von Halle verunsichert

„Bleiben wir?“ : Juden in Düsseldorf nach Anschlag von Halle verunsichert

Weiße Rosen als Zeichen der Trauer und der Solidarität: NRW-Spitzenpolitiker stellen sich nach dem Anschlag in Halle demonstrativ vor die Synagoge in Düsseldorf. Viele Gemeindemitglieder aber sind verunsichert.

Väter mit kleinen Kindern auf den Armen gehen auf dem Synagogenplatz in Düsseldorf an Polizisten vorbei in die jüdische Kita. Etwas weiter entfernt steht der Sicherheitsdienst der jüdischen Gemeinde in zivil. Auf der Treppe zur Synagoge liegen weiße Rosen. Einen Tag nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle/Saale ist die Bestürzung in der drittgrößten jüdischen Gemeinde Deutschlands groß - und die Angst ist spürbar.

Am Donnerstagmorgen stellen sich Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und die NRW-Parteichefs von SPD, Grünen und FDP demonstrativ schützend vor die Synagoge. Am Abend zuvor hatten Laschet, die Grünen-Chefs Mona Neubaur und Felix Banaszak, Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) und SPD-Chef Sebastian Hartmann diese parteiübergreifende Solidaritätsbekundung spontan vereinbart - und die AfD dabei bewusst außen vor gelassen. Die Politiker legen weiße Rosen auf die Treppe zur Synagoge und gedenken zusammen mit der Spitze der jüdischen Gemeinde der Opfer von Halle und ihrer Angehörigen.

„Judenhass darf in unserer offenen Gesellschaft keinen Platz haben – nicht heute, nicht morgen“, betonen die Parteichefs. Die brutale Gewalt gegen eine Synagoge mitten in Deutschland wecke „Erinnerungen schlimmster Art“, sagt Laschet. Ein schwerbewaffneter mutmaßlicher Rechtsextremist hatte am Mittwoch versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen und dort ein Blutbad anzurichten. Sein Versuch scheiterte. Doch zwei Menschen wurden getötet. Der 27-jährige Deutsche soll sie vor der Synagoge und in einem Döner-Imbiss erschossen haben. Die Tat geschah am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur.

„Diese Bilder lassen uns erschaudern“, sagt Laschet. „Wir leben in einer Zeit, in der rechtsradikaler Terror Menschen tötet, in Deutschland, mitten unter uns.“ Er zitiert den Talmud: „Nach den schlechten Gedanken kommen die schlechten Worte, und denen folgen dann die schlechten Taten.“ Mit drastischen Worten macht Laschet die Bedeutung dieser Worte für Deutschland heute klar: „Der Mord an Juden beginnt nicht erst mit dem ersten Schuss, sondern mit antisemitischem Denken, das sich in Wort und Tat Bahn bricht.“

Für die Düsseldorfer jüdische Gemeinde mit fast 7000 Mitgliedern gehört Polizeischutz zum Alltag. Polizisten stehen seit einem Brandanschlag auf die Synagoge im Oktober 2000 jeden Tag ohne Ausnahme vor dem Gebetshaus. Poller wurden in den Boden gelassen, um Auto-Anschläge zu verhindern. Über dem Eingang aber steht in himmelblauer Schrift: „Willkommen“.

Auch die Düsseldorfer Juden hatten sich zu Jom Kippur in ihrer Synagoge versammelt. Noch während des Gebets habe es Unruhe gegeben, erzählt Paola Cohen. Die ersten Nachrichten über den Anschlag in Halle machten die Runde. Unterschwellig gebe es in der Gemeinde immer eine Diskussion „Bleiben wir? Sind wir sicher?“, sagt Cohen. Das Attentat in Halle habe diese Gedanken nun wieder verstärkt.

„Die Angst ist durchaus spürbar“, sagt auch Verwaltungsdirektor Michael Szentei-Heise. „Die Diskussion wird in den nächsten Wochen und Monate stärker werden, ob es schon Zeit ist, das Land zu verlassen.“ Für ihn sei der Anschlag nicht überraschend gekommen. Überall sei der Schutz jüdischer Einrichtungen ausgebaut worden, „weil wir das seit Jahren befürchten“. Dass aber in Halle am höchsten jüdischen Feiertag keine Polizei die Synagoge gesichert habe, sei „sträflicher Leichtsinn“ gewesen.

Szentei-Heise sieht auch eine neue Dimension des rechten Terrors. Vor einigen Jahren hätten Rechtsradikale nichts über das Judentum gewusst. „Heute wissen die Täter, wann der höchste jüdische Feiertag ist.“

(dpa)
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