Jörg Schwarz aus Übach-Palenberg hatte 38 verschiedene Jobs

„Nie den leichten Weg“ : Ein Mann der vielen Berufe und Stationen

Jörg Schwarz hat in seinem Leben vier Berufe erlernt und in 38 verschiedenen Jobs gearbeitet. Er sieht das als Privileg. Heute lebt er in Übach-Palenberg – und bewirbt sich weiter.

Hätte doch Jörg Schwarz damals zwischen 1981 und 1983 noch zu seiner Schulzeit in Leichlingen angefangen, sich Visitenkarten anzufertigen. „Nachhilfelehrer… Latein und Englisch“ hätte auf den ersten kleinen Schildchen gestanden.

Es wäre ein nettes kleines Hobby geworden, sich für jede berufliche Station so ein Erinnerungskärtchen auszudrucken. Schwarz könnte inzwischen seinen Schreibtisch damit auslegen, denn der 54-Jährige hat vier Berufe erlernt und 38 verschiedene Jobs ausgeübt. Das ist vorerst der Zwischenstand. Während andere die Sicherheit bevorzugen, springt er lieber mit Anlauf ins kalte Wasser. „Irgendwie ging ich nie den leichteren Weg,“ sagt er. Schwarz ist immer ein bisschen in Aufbruchstimmung. „Ich will mir nie vorwerfen, nicht intensiv gelebt zu haben.“ Freunde sagen, er sei immer ein Lebenskünstler gewesen.

Vor ein paar Tagen hat der gelernte Bankkaufmann, Lehrer für Wirtschaftswissenschaften, Sportlehrer und staatlich geprüfte Skilehrer eine Bestandsaufnahme gemacht. Der WDR-Hörfunk suchte gerade für seine „Rekorde im Westen“ Menschen, die schon in möglichst vielen Berufen gearbeitet hatten. Dem Rekordhalter winkte ein Pokal und ein Food-Truck, der bei einer Feier vorbeikommen würde. Schwarz fand, das wäre ein guter Preis, schließlich will er in seinem Haus in Übach-Palenberg in ein paar Monaten seinen 55. Geburtstag mit Freunden feiern. Er hat sich beworben – wie schon so oft.

In den USA arbeitete Jörg Schwarz 1996 als Windsurflehrer. Foto: Privat.

Sein Lebenslauf ist ungewöhnlich, aber er beginnt natürlich unspektakulär: Gymnasium in Leichlingen, dann geht es zur Sportkompanie der Bundeswehr nach Sonthofen. Als Mitglied des Skiklubs von Bayer Leverkusen sitzt er in den Wintermonaten fast an jedem Wochenende in einem Bus, der die Alpen ansteuert. Schwarz, der Speedfahrer, hat viel Talent und wird in den NRW-Landeskader berufen. „Aber Weltcuprennen waren nie mein Ziel“, sagt er.

Die Berge haben ihn dennoch nicht mehr losgelassen, er spricht von einer „Sucht“. So wird er selbst Skilehrer, bildet Skilehrer und -trainer für den Deutschen Skiverband aus und taucht in deren Lehrfilmen auf. Und im vergangenen Sommer hat er eine eigene Skischule gegründet, die westlichste der Republik. Schwarz wohnt seit vielen Jahren in Übach-Palenberg – auch da gibt es Berge: Zechenberge. Er ist in den Westen gezogen, zu seiner damaligen Freundin. Das Paar hat sich getrennt, der Vater will trotzdem in der Nähe der drei gemeinsamen Kinder bleiben.

Eigentlich war Schwarz als Skilehrer nach Salisbury im US-Staat Connecticut gekommen, doch bevor die Saison begann, arbeitete er als Schornsteinfeger. Foto: Privat.

Als die Bundeswehrzeit zu Ende geht, steht die Berufswahl an. Lehrer für Sport und Englisch wäre ein Traum gewesen, aber die Perspektive ist mäßig. Eher widerwillig beginnt er eine zweijährige Ausbildung zum Bankkaufmann. Als der Abschluss in der Tasche ist, zieht es ihn in die USA. Auf die Pflicht soll nun die Kür folgen. Eine Schule in Salisbury im US-Staat Connecticut, die er früher besucht hatte, sucht einen Skitrainer. Schwarz mag solche Herausforderungen, sagt er. Und er mag die amerikanische Mentalität, ein Neuanfang ist immer eine Chance, nie eine Hürde, so sieht er das.

Schornsteinfeger, Gärtner, Lehrer

Bevor die Skisaison beginnt, trainiert er eine Schulmannschaft im Fußball und arbeitet die Vormittage im Herbst als Schornsteinfeger. Nach der Wintersaison ist er dann vormittags als Gärtner tätig und verkauft sonntags frühmorgens an einem Kiosk Angelzubehör, nachmittags trainiert er eine Tennismannschaft. „In den Staaten ist nicht so wichtig, ob einer den Trainerschein mitbringt. Wichtig ist, dass er etwas kann“, sagt er. Nebenbei beschäftigt ihn die Schule noch stundenweise als Lehrer für deutsche Geschichte. So verfliegt ein Jahr, ein bisschen Geld ist gesammelt, aber es reicht nicht zum Helikopter-Skiing in Kanada, was sein Traum gewesen wäre.

Also geht es nach Maui, Hawaii. „Mir gefiel die Idee, nur mit 3000 Dollar anzukommen, niemanden zu kennen, einfach zu versuchen, sein Glück schmieden.“ In der ersten Woche gehen 1700 Dollar für eine gebrauchte Windsurfausrüstung drauf, 450 Dollar kostet der Ford LTD, ein durchgerosteter US-Straßenkreuzer. Baujahr 1969.

Auf Maui, Hawaii, arbeitete Schwarz morgens in einer Schreinerei, nachmittags ritt er die Wellen der Northshore. Foto: Privat.

Ein neuer Job muss her, und, handwerklich nicht ganz unbegabt, findet Schwarz diesen binnen acht Tagen. So arbeitet er nun für die nächsten drei Monate morgens in einer Schreinerei in Mauis „Hauptstadt“ Kahului, nachmittags reitet er an der Northshore die Wellen. Als das Visum abgelaufen ist, geht es wieder in die Heimat. Es beginnt wieder der Pflichtteil.

In Köln fängt er 1987 an, BWL zu studieren. „Es war ein großer Krampf“, sagt er. Schwarz quält sich durch bis zum Vordiplom. Dann geht die Tür auf, endlich traut er sich, seinen Traumberuf zu verfolgen: Sportlehrer. Er ist schon 26 Jahre alt, und er schafft das Studium in flotten sieben Semestern. In den Ferien ist er Animateur auf Kreta, arbeitet im Vertrieb für eine Firma, die Nahrungsergänzungsmittel vertreibt, oder er wird als Reiseleiter und Skilehrer in den USA oder Kanada gebucht. Ein Freund vermittelt ihm einen Job für das Bundesministerium für Soziales: In den neuen Bundesländern informiert er die Bürger über die neuen Gesetze. Als das Studium an der Sporthochschule vorbei ist, beendet er auch noch das BWL-Studium.

Beruflich ist Schwarz immer mehrgleisig gefahren. Die Freiheit braucht er. Fünf Jahre lang ist er zum Beispiel Probekandidat für Live-Sendungen im WDR gewesen. Wenn Jürgen von der Lippe die Kandidaten vor die Herausforderung „Geld oder Liebe“ stellte, ist der Ablauf tagelang geprobt vorher. Schwarz mag die Bühne, hat er registriert. So hat er sich für die Sendung beworben, nicht als Probe-, sondern als realer Kandidat – und gewinnt am Ende 5000 Mark.

Zuerst war er nur Probekandidat beim WDR, als echter Kandidat gewann er bei Jürgen von der Lippes „Geld oder Liebe“ 5000 Mark. Foto: Privat.

1996 stellt er wieder die Weichen neu. Schwarz hat bereits einen Arbeitsvertrag als Geschäftsführer beim Kölner Tennis- und Hockeyklub Rot-Weiss unterschrieben, als er eine Green Card gewinnt, die Eintrittskarte in die USA. Er überlegt – und wählt das Risiko. „Ich wollte es einfach wissen.“ Vielleicht ist der Satz auch ein Lebensmotto.

Wieder springt er ins kalte Wasser, nimmt Surfboard, Skier und Mountainbike mit, er lässt sich ein bisschen treiben. „Der richtige Leidensdruck fehlte, ich hatte ja überhaupt keinen Grund zum Auswandern.“ Er arbeitet als Windsurflehrer und präpariert in Sun Valley, Idaho, Skier. Aber eine Perspektive entsteht nicht. Schwarz gibt auf, er will nicht ständig neue Entscheidungen treffen müssen, fühlt sich einsam. „Ich habe meine Lektion gelernt: Zu Hause fühlt man sich da, wo man seine Familie und Freunde hat.“

Eine „Sucht“: Schwarz war lange als Skilehrer tätig, bildete Skitrainer aus und hat im vergangenen Sommer eine eigene Skischule gegründet. Foto: Privat.

Einblicke in Lebenswelten

Jörg Schwarz kehrt zurück, nimmt das Referendariat in den Fächern Sport und Wirtschaftswissenschaften auf. Es gehen immer neue Türen auf, mal bewirbt er sich für Aufgaben, mal sind es Zufallsfunde. Zwei Jahre lang arbeitet er für eine Eventfirma in Bad Kreuznach, er wird Trainer für eine Firma, die sich um die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen kümmert, es kommen wieder neue Visitenkarten dazu. Als in Bottrop der ehemalige Skirennfahrer Marc Girardelli Deutschlands erste Skihalle eröffnen will, gehört Schwarz zum Gründungsteam.

Der Start ist schwierig, „wirtschaftlich katastrophal“, erinnert er sich. Ein Jahr noch kümmert er sich zunächst um die Ski- und Snowboardschule, dann um das Marketing. Dann steht wieder ein Wechsel an, der diesmal von Dauer ist. Seit 2002 unterrichtet er am Berufskolleg in Eschweiler, ein paar Nebenjobs gehören dazu. „Es ist doch fantastisch, dass das System uns diese Freiheit gibt, auch um den Einblick in die Lebenswelten unserer Schüler und deren zukünftige Jobs gewinnen zu können. Es ist ein Privileg, sein Leben so gestalten zu können.“

Auf Kreta arbeitete Schwarz Anfang der 90er Jahre als Animateur und Surf­lehrer. Foto: Privat.

Gerade steht wieder mal ein Bewerbungsgespräch für eine Aufgabe in der Erwachsenenausbildung an. In den nächsten Jahren will Schwarz im Rheinland bleiben, bis seine Kinder erwachsen sind. Und dann: Einen Altersruhesitz am Tegernsee mit dem Bergen im Rücken kann er sich gut vorstellen. Vielleicht kommt es auch anders, mit Sicherheit kommen im Laufe der nächsten Jahre noch ein paar (virtuelle) Visitenkarten dazu.

Schwarz hat übrigens bei der Rekordjagd des WDR nicht gewonnen, es gibt jemanden, der 57 Berufe ausgeübt hat. Harry Primus aus Sprockhövel verwies ihn auf Platz 2.

Mehr von Aachener Nachrichten