Bornheim: Jägers' Wettlauf mit den Kunstfälschern

Bornheim: Jägers' Wettlauf mit den Kunstfälschern

Man könnte die Geschichte über Erhard Jägers mit einer Art Bilanz beginnen, man würde ihn dann den Mann nennen, der einige Hundert gefälschte Bilder und auch einen Beltracchi enttarnt hat. Das wäre eine Möglichkeit, ein Fernsehsender hat Jägers einmal auf diese Art dargestellt: als einen Mann, der die Kunstfälscher jagt, immerzu bereit, erneut zuzuschlagen.

Jägers sagt, dass er den Beitrag nicht mochte. Er jagt ja niemanden, er sucht nicht mal nach seiner Arbeit. Die Arbeit kommt zu ihm, und sie ist nicht leichter geworden.

Vom Gefängnis auf den roten Teppich: Der Geilenkirchener Maler und seine Frau Helene waren sehr maßgeblich am größten Kunstfälscher-Skandal in der Geschichte der Bundesrepublik beteiligt.

Zwischen Köln und Bonn liegt Bornheim, 14 Ortsteile, Heimat von 47.500 Menschen. Es gibt ein Schloss, eine Insel und eine Menge Ackerland. Das „Mikroanalytische Labor“ betreibt Erhard Jägers, 65, mit seiner Frau Elisabeth, 63. Ihr Wohnort ist zugleich ihr Arbeitsplatz, gelegen in einem Viertel deutschen Mittelstandes, rot-brauner Klinker an den Häusern und Basketballkörbe in den Einfahrten. Was sie machen, nennt Jägers „Untersuchungen im Bereich Kunst“, in ihrem Keller prüfen sie anhand naturwissenschaftlicher Methoden, ob ein Gemälde eine Fälschung ist oder nicht, nach eigenen Angaben als einzige private Einrichtung in Deutschland.

1200 Euro plus Mehrwertsteuer kostet das; kommen kann jeder, Profi oder Hobby-Sammler, mit einem Picasso oder Flohmarktbild.

Jägers öffnet die Haustür, er sagt: „Gehen wir runter.“

Man kann nicht behaupten, dass der Kunstmarkt zurzeit einen ausgezeichneten Ruf genösse, es ist eher so, dass er sich in einem Zustand befindet, der mit skandalbehaftet ganz gut getroffen ist. 2011 wurde Wolfgang Beltracchi aus Geilenkirchen wegen bandenmäßigen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt, seine Fälschungen stehen für den größten Kunstskandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Und 2013 ermittelten die Behörden gegen eine Bande, die mehr als 400 gefälschte Gemälde im Stil der russischen Avantgarde verkauft haben soll. Es gibt einige Zeitungsartikel zu den Geschichten, und mehrfach liest man von einem Ort, an dem in beiden Fällen mindestens ein Gemälde untersucht worden ist: Bornheim, Labor Jägers. Von Aachen dauert’s eine Stunde; wer hinfährt, lernt die Branche ein bisschen besser zu verstehen.

„Diese Bildersache“

Erhard Jägers wirkt eher wie der gemütliche Typ. Er trägt Sandalen, keine Socken, hat einen Bauchansatz und kann auch über die eigenen Worte lachen. Manchmal sagt er, dass ihm bestimmte Dinge „scheißegal“ seien, ansonsten spricht er über „Phthalocyanin“, „Echtheitsprüfungen“ und darüber, dass „der Idealfall eine lückenlose Provenienz“ sei. Wenn Jägers zeigt, wie er‘s macht, dann gerät er ins Laufen, denn es gibt viele Räume in seinem Keller, es gibt dort übrigens auch Alarmsysteme.

„Mit einer Methode können wir nicht alles erkennen“, sagt Jägers, deshalb verwendet er mehrere, und die gehen so:

Nachdem ein Bild angekommen ist, fotografiert Jägers es und beleuchtet es mit UV-Licht, so kann er erste Auffälligkeiten entdecken. Er entnimmt dem Bild eine Farbprobe, die unter ein Mikroskop kommt, ein Bildschirm zeigt dann ihre verschiedenen Schichten. Er geht zum Röntgenfluoreszenzgerät, das zeigt, welche Elemente in der Probe enthalten sind. Geht in den Raum mit der Infrarotspektroskopie und gleicht die Farbspektren der Probe mit Pigmenten aus seinem Schrank ab. Verwendet ein Fälscher zum Beispiel Farbpigmente, die zur vermeintlichen Entstehungszeit des Bildes noch nicht existiert haben, dann entdeckt Jägers das.

Jägers hat in Bonn Chemie studiert, Promotionsthema: Inhaltsstoffe von Pilzen. Er hat zunächst in der Industrie gearbeitet, Verfahrenstechnik, zu Beginn der 90er ist er dann im Labor seiner Frau eingestiegen. Lange stand die Arbeit mit Restauratoren im Vordergrund, „diese Bildersache“ begann erst vor gut 15 Jahren. Ein Kunde hatte gefragt, ob Jägers nicht mal sein Gemälde untersuchen könne. 3000 Werke haben inzwischen in seinem Keller gelegen, Rubens, Munch, Kandinsky, zum Beispiel, „und es waren ordentlich Fälschungen dabei“.

Aber es gibt Probleme, die Fälscher werden besser. „Wer heute ein Bild fälscht, der weiß ja, welche Materialien er benutzen muss“, sagt Jägers. Hinzu kommt, dass seit dem Beltracchi-Fall naturwissenschaftliche Analysen als wichtigster Echtheitsbeweis gelten. Die Fälscher könnten ihre Glaubwürdigkeit also steigern, indem sie vor dem Verkauf ein naturwissenschaftliches Gutachten über ihr Werk erstellen ließen. Jemand wie Jägers macht es ihnen dabei in einem Punkt nicht schwerer: Wenn er eine Fälschung enttarnt, verfolgt er nicht, was weiter mit ihr geschieht. Er sagt: „Was der Besitzer macht, da habe ich keinen Einfluss drauf.“ Die rechtliche Absicherung sei das Problem, „ohne polizeiliche Aufforderung kann ich nichts herausgeben.“

Das Bundeskriminalamt klingelt

Neulich kam ein Kunde immer wieder zu ihm, mit Gemälden im Stile der russischen Avantgarde, ziemlich vielen sogar. Jägers wies manche Bilder als Fälschungen aus, andere nicht. Später klingelte das Bundeskriminalamt bei ihm, Zeugenvernehmung. Der Kunde galt als Mitglied einer internationalen Fälschergruppe.„Fälscherbande trickste Bornheimer Kunstexperten aus“, schrieb der Express.„Es ist ein dauernder Wettlauf“, sagt Jägers.

Über die Menge an gefälschter Kunst auf dem Markt gibt es nur Schätzungen. Die Journalisten Stefan Koldehoff und Tobias Timm führen in ihrem Buch „Falsche Bilder. Echtes Geld“ unter anderem Ernst Schöller vom Landeskriminalamt in Stuttgart an. Seiner Ansicht nach seien „30 Prozent aller Kunstwerke […] falsch“. Der jährliche Schaden durch Fälschungen liege bei 1,5 bis 2 Milliarden Euro. So wie Koldehoff und Timm es darstellen, ist der Kunstmarkt für Betrüger vor allem deshalb interessant, weil die Gewinnmargen derart gewaltig ausfielen — vergleichbar nur mit Waffenhandel und Prostitution.

Jägers blättert durch seine Gutachten. Es ist nicht so, dass er einem Bild seine Echtheit attestieren könnte, im Gegenteil. Wenn er nichts findet, verfasst er seine Berichte dennoch mit der notwendigen Vagheit. Er schreibt zum Beispiel: „Alle nachgewiesenen Materialien waren zur Schaffenszeit von Peter Paul Rubens beziehungsweise seiner Schule bekannt und als Künstlermaterial verbreitet. Somit sprechen die Ergebnisse nicht gegen eine Zuordnung des Gemäldes zu Peter Paul Rubens.“ Jägers sagt, als Naturwissenschaftler könne er ja nur sehen, wenn ein Bild gefälscht sei. Über die Echtheit müssten andere urteilen.

Alles andere? Zu gefährlich!

Die beste Variante sei, wenn verschiedene Experten ein Objekt untersuchten. Jägers sagt: „Kunsthistoriker, Provenienzforscher, Restauratoren, Naturwissenschaftler.“ Erhard Jägers ist inzwischen 65 Jahre alt, und sein Beruf ist „ganz schön stressig geworden“. 500, 600 Aufträge bekommt er im Jahr, bis zu 40 auf einmal. Er will das etwas „runterfahren“, er möchte künftig lieber wissenschaftlich publizieren. Über die Jahre, sagt Jägers, habe er ja „eine ganze Menge an Know-how gesammelt“, womöglich könnten andere davon profitieren.

Er steigt die Treppen hinauf und deutet auf ein Gemälde an der Wand. Gabriele Münter, sagt Jägers, Rheinischer Expressionismus. Ob das Bild echt ist, hat er nie geprüft, er sagt: „Es gefällt mir, und es war ein Geschenk. Da ist mir egal, ob Gabriele Münter das gemalt hat.“ Denn das ist seine Regel: Kunst lässt er sich schenken, und wenn er doch mal was kauft, dann nur, was „ein lebender Künstler übergibt“.

Jägers sagt, alles andere sei ihm zu gefährlich.