Interview: Unicef-Pate und Weltmeister Julian Draxler

Abseits des Fußball-Glamours : Unicef-Botschafter Julian Draxler im Interview

Selfies, Autogramme und neugierige Blicke. So wirklich privat kann man mit dem deutschen Fußball-Nationalspieler Julian Draxler in Paris nicht unterwegs sein.

„Die Aufmerksamkeit hier in Frankreich ist noch größer als sie je in Deutschland war“, sagt der 25-jährige UNICEF-Pate, Spielstratege des Scheichclubs FC Paris Saint-Germain und Weltmeister von 2014. Mit Blick auf den Eiffelturm finden wir im Café de L´Homme einen etwas abgelegenen Tisch, an dem sich der Kollege von Weltstars wie Neymar oder Mbappé thematisch weit von Fußball-Glamour entfernt.

Julian, als UNICEF-Pate erhältst Du einen Scheck unserer Leserinnen und Leser über 420.000 Euro, mit denen das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen im Südsudan versucht, 1,1 Millionen mangelernährten Kindern das Überleben zu ermöglichen. Passt das irgendwie in die Vorstellungskraft deines ganz anderen Lebens?

Julian Draxler: Nicht wirklich, ehrlich gesagt. Wir haben hier in Europa vergleichsweise so wenig Sorgen, dass es irgendwie dreist wäre zu sagen, wie Menschen solche Not erleben mögen. Aus diesem Grunde habe ich ja vor der Weltmeisterschaft eine Reise mit UNICEF in ein Flüchtlingslager in Jordanien gemacht, um zumindest ein Gefühl für derartige Extremsituationen entwickeln zu können.

Was gab dir persönlich den Kick, dich für UNICEF zu engagieren?

Draxler: Es ist schon etwas her, als ich im Profifußball angekommen war und mir die Frage stellte: Ich habe eigentlich alles – was aber könnte ich für andere Menschen tun? Das musste auch nicht weit weg sein, das konnte auch die „Tafel“ sein, mit der man im eigenen Land helfen kann. Bei der Suche nach einem geeigneten Partner stieß ich dann auf UNICEF, weil die Werte des Kinderhilfswerkes mit meinen übereinstimmen und diese Organisation mir die Möglichkeit gibt, mit meiner Reichweite etwas bewegen zu können. Mir ist wichtig, Teil von etwas Großem zu sein. Denn nur in einem großen Team kann man auch große Ziele erreichen. Das gilt für den Fußball wie für UNICEF.

420.000 Euro für den Südsudan: Unicef-Pate Julian Draxler im Interview

Bekommst Du dazu Rückmeldungen?

Draxler: Mal begeisterte, und das sind die besten, weil ich ja die Leute erreichen will, um zumindest ein wenig Notsituationen zu mildern. Mal zwar interessierte, jedoch auch verpuffende. Aber wie auch immer: Ich mache das ja nicht für mein Image, sondern weil mir dieses Engagement wirklich am Herzen liegt.

Hat sich, seitdem du tiefer in die UNICEF-Arbeit eingetaucht bist, etwas in deinem persönlichen Denken und Fühlen verändert?

Draxler: Gerade meine eigene Erfahrung in Jordanien hat dazu beigetragen, dass es „Klick“ gemacht hat, weil ich mit einem Umfeld konfrontiert war, in dem es um reines Überleben geht. Wenn man Menschen begegnet, die nicht einmal ihre Grundbedürfnisse erfüllen können, dann weiß man selber, welch ein privilegiertes Leben man führt. Es ist wie beim Fußball. Am Anfang fangen alle gleich an. Doch dann entscheidet es sich: Wie lebe ich? Wo und unter welchen Umständen? Welche Chancen habe ich? Wie werde ich gefördert?

Wie hast du deine Eindrücke im Flüchtlingslager verarbeitet?

Draxler: Das war nicht einfach. Abends saßen mein Bruder und ich im Hotelzimmer und konnten nicht schlafen. Wir dachten, das kann doch wohl nicht wahr sein, dass Menschen so leben müssen.

Hat das deinen Blick auf die milliardenschwere Fußballwelt verändert? Und redest du darüber auch mit deinen Mitspielern?

Draxler: Natürlich ist Fußball meine Leidenschaft und auch mein Beruf. Dass es dabei um viel Geld geht, lässt sich ja nicht bestreiten. Aber das Bedürfnis, etwas zurück geben zu wollen, das kenne ich nicht nur aus Paris, sondern auch aus der Nationalmannschaft, wofür es ja gute Beispiele gibt. Nehmen wir nur Manuel Neuer und seine Stiftung für benachteiligte Kinder in Gelsenkirchen. Es gibt eine große Bannbreite an Möglichkeiten zu helfen. Und natürlich tauschen wir Spieler uns darüber aus. Meine Erfahrung ist: Je älter man wird, umso größer ist dieses Bedürfnis.

Auch jenseits des sozialen Engagements: Wie gelingt dir der Brückenschlag aus dem unwirklichen Mikrokosmos Fußball ins normale Leben?

Draxler: In der Tat muss ich mich im Alltag zwischen Spielen, Training und Hotels um kaum etwas kümmern. Uns greifen ja ständig Leute unter die Arme, es wird einem fast alles abgenommen. Aber wenn Freunde oder vor allem die Familie da sind, dann ist bei mir alles so wie früher, zum Beispiel auch Weihnachten. Da sind wir bei Oma in der alten Wohnung, aus der sie nicht raus will und in der wir uns abwechseln, auf einem kleinen Wandschrank zu sitzen, weil es zu wenige Stühle gibt. Es ist so wichtig, nie zu vergessen, wo man her kommt.

Und dann spielt es auch keine Rolle, ob da jemand auf dem Wandschrank hockt, der Weihnachten 2017 einen Marktwert von 40 Millionen hatte und neun Monate später „nur noch“ 30?

Draxler: Das ist mir egal, ob mir da jemand eine Zahl 4 oder 3 vorsetzt, das schüttele ich mittlerweile ab – und nehme meinen Beruf trotzdem sehr ernst.

Was sind das für Werte, die deine Eltern dir und deinem Bruder Patrick mitgegeben haben?

Draxler: Als allererstes: Harte Arbeit! Nur ein Beispiel: Papa musste morgens um 6 Uhr zur Arbeit, kam um 15.15 Uhr nach Hause und hat mich um 15.30 Uhr zum Training gebracht, für meine Ausbildung hat er seine eigenen Interessen immer in den Hintergrund gestellt. Die Grundwerte unserer Erziehung haben mein Bruder und ich vorgelebt bekommen: Loyalität, Zusammenhalt, Fleiß, Hilfsbereitschaft.

Wie fühlst Du dich selber in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Als Fußballer? Als Mensch? Stimmst du mit dem überein, was so über dich geschrieben wird? Stichwort „Bling-Bling?“

Draxler: Wer sich von mir ein Bild nur über die Presse macht, bekommt sicher ein anderes als das, wenn man mir gegenüber sitzt. Nur ein Beispiel: Wenn ich einem Schalke-Fan begegne und dem erkläre, warum ich damals zu Wolfsburg gewechselt bin, dann geht der nach Hause und hat in der Regel eingesehen, dass es nicht aus Geldsucht war.

Welche Vorbilder hattest Du?

Draxler: Allen voran meinen A-Jugendtrainer Norbert Elgert bei Schalke 04. Ein ganz spezieller Mensch, der mich auf das Leben im Profifußball gut vorbereitet hat – nämlich darauf, worauf es neben Millionen und Autos in Wahrheit ankommt.

Und deine Fußball-Idole?

Draxler: Früher habe ich immer gesagt Raul, Zidane und Rivaldo. Nachdem ich Raul kennengelernt habe, sage ich nur noch – Raul! Ein wahrer Gentleman.

Wie lebt und arbeitet es sich im Weltstar-Ensemble FC Paris Saint-Germain mit all seinen Exzentrikern wie etwa Neymar, Cavani oder Mbappé?

Draxler: Du begegnest ja grundsätzlich im Fußball auch den verrücktesten Typen, die ihre Macken haben oder zwischendurch durchdrehen, und das ist ja auch spannend zu lernen, jeden so zu respektieren, wie er ist. Die drei sind halt Ausnahmefußballer, aber neben dem Platz genauso Menschen wie du und ich. Für mich eine großartige Erfahrung. Ebenso wie die Erfahrung, als Deutscher nach Frankreich gegangen zu sein - mit der Vorgeschichte unserer Historie. Da ist es schön zu spüren, wie ich hier respektiert werde.

Seid Ihr bei Saint Germain überhaupt ein echtes Kollektiv? Oder wurde hier Erfolg mit Geld gekauft?

Draxler: Eines ist sicher: Natürlich sind alle ihr Geld Wert, aber damit hast du noch nicht den Erfolg gekauft. Ich möchte behaupten, dass wir in der Mannschaft von Paris kollegialer miteinander umgehen als bei manch anderen.

Mit wie viel Zuversicht begleitetest Du den Neuaufbruch der Nationalmannschaft nach dem Scheitern in Russland – grundsätzlich und für dich persönlich?

Draxler: Wir haben bei dieser katastrophalen WM ganz schön einen auf den Deckel bekommen, eine neue Erfahrung – auch für mich. Denn ich habe bislang nur erfolgreiche Turniere mit dem DFB erlebt. Dennoch war deshalb nicht alles schlecht, was wir über Jahre aufgebaut haben. Der Bundestrainer macht sich jetzt spürbar seine Gedanken, und wenn er auf mich weiterhin baut: Ich glaube, dass ich nach wie vor gut in die Mannschaft hineinpasse. Und ich bin immer noch jung.

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