Interview mit RWTH-Professor Pretz über nachhaltigen Konsum

RWTH-Professor Pretz zum Wunsch nach Nachhaltigkeit : Kapselkaffee, Plastikgurken und Gewissensbisse

Bei Umfragen betonen mehr als 95 Prozent der Europäer, wie wichtig ihnen der Umweltschutz sei. Aber häufig ist es kompliziert, die Umweltbilanz von Produkten überhaupt nachzuvollziehen. Ein Gespräch mit RWTH-Professor Thomas Pretz über Konsum und modernen Ablasshandel.

Auf den ersten Blick scheint es sinnvoll, Plastik- durch Papiertüten zu ersetzen. Sie zerfallen schneller, landen deshalb weniger oft im Meer oder im Magen einer Riesenschildkröte. Auch ist die Klimabilanz von Papier besser, weil es nicht wie Plastik aus Rohöl, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt wird.

Doch: Der Materialbedarf ist deutlich höher, es wird viel Wasser und Energie für die Herstellung gebraucht und man benötigt problematische Chemikalien, die aufwendig entsorgt werden müssen. So kommt es, dass ihre Ökobilanz nicht besser ist als die einer Plastiktüte. Ein guter Gesprächspartner zum Thema Nachhaltigkeit ist Thomas Pretz, Leiter des Lehrstuhls für Aufbereitung und Recycling fester Abfallstoffe an der RWTH. Das Gespräch mit Christoph Pauli beginnt mit dem Angebot einer Tasse Kaffee.

Da sind wir gleich schon mitten im Thema, Herr Pretz. Das Angebot kann man nicht mit gutem Gewissen annehmen, wenn man weiß, dass für die Herstellung von einem Kilo Kaffee etwa 27.000 Liter Wasser benötigt werden.

Thomas Pretz: Das stimmt, aber dann sollte man auch keine Baumwollkleidung tragen, denn dafür wird noch mehr Wasser benötigt. Viele Produkte haben einfach einen ökologischen Fußabdruck, den wir nicht wahrhaben wollen. Baumwolle ist ganz gravierend. In der Erdkugel gibt es inzwischen eine fatale Unwucht. Weil beispielsweise in Indien Baumwolle angebaut wird, einer Region mit Wassermangel, wird Wasser aus tiefen Regionen hochgepumpt. Dadurch verschiebt sich dauerhaft die Erdachse. Die Erde beginnt zu taumeln. Oder blicken Sie nach Spanien, wo es ebenfalls an Wasser mangelt. Die wasserintensive Aufzucht der europäischen Tomaten erfolgt zum Großteil dort. Solche Aspekte werden einfach nicht kommuniziert.

Gibt es kein politisches Interesse daran, dass der Konsument etwas über die Herstellungsbedingungen erfährt?

Pretz: Das ist schwer zu beantworten. Wir sind als Menschen so gestrickt, dass wir uns wie früher die katholische Kirche am Ablasshandel orientieren. Wir wollen viele Dinge tun und uns dann freikaufen mit etwas Einfachem. Unverändert soll es fünf Mal im Jahr mit dem Flieger in den Urlaub gehen, aber auf dem Auto haben wir den Anti-Tihange-Aufkleber. Die Gesellschaft konzentriert sich immer auf einen einzelnen Kriegsschauplatz, den ich als modernen Ablasshandel bezeichne. Die Zahl der Flüge ab Deutschland nimmt jährlich deutlich zu, auch das ist eine Abstimmung mit den Füßen.

Es gibt längst entsprechende Webseiten, auf denen man seine Absolution bekommen kann, indem man für seine Flüge anschließend konkrete finanzielle Klimaschutzbeiträge leistet.

Pretz: Wir wissen, dass wir schlecht leben, viel zu viel konsumieren. Das wollen wir nicht jeden Tag wiederholen, weil es unser System in Frage stellt, das auf Konsum ausgerichtet ist.

Sind wir Verbraucher nicht auch überfordert: Benutze ich einen Keramikbecher, der mit viel Energie hergestellt wird, oder einen Bambusbecher, der laut Stiftung Warentest zu großen Teilen aus Plastik besteht?

Pretz: Als Gesellschaft leisten wir uns ein vollständiges Entsorgungssystem in Bezug auf die Sammlung und Entsorgung von Abfällen. Es werden nahezu keine unbehandelten Abfälle mehr deponiert. Wir haben in Deutschland sogar Überkapazitäten in der Verwertung. Egal, wie der Becher aussieht, er endet immer in der Müllverbrennung.

Würden Sie eher ein E-Book oder klassische Bücher aus ökologischer Sicht empfehlen?

Pretz: Deutschland ist der weltweit größte Papierkonsument, langlebige Produkte wie Bücher spielen in dem Segment statistisch keine Rolle. Die Verpackung der Bücher und das Bestellen bei Amazon oder anderen sind das größere Problem.

Warum verbrauchen die Deutschen 20 Prozent mehr Verpackungsmaterial als der Schnitt aller europäischen Länder?

Pretz: Das liegt nicht daran, dass wir so ungehemmt konsumieren. Vielmehr ist die Ursache, dass es bei uns auch im innereuropäischen Vergleich viel mehr Ein-Personen-Haushalte gibt. In urbanen Gebieten liegt die Quote bei 50 Prozent aller Haushalte, das führt zu einem höheren Verbrauch von Verpackungsmaterial. Im europäischen Vergleich ist Deutschland überaltet, auch das führt zu einem höheren Verbrauch von kleineren Einheiten.

Wenn man alle Einwegbecher eines Jahres aufeinander stapeln würde, würde der Turm fast den Mond erreichen, rechnet die deutsche Umwelthilfe vor. Wären Bambusbecher also nicht doch die bessere Alternative zu Einwegbechern aus Pappe und Polyethylen?

Pretz: Lassen Sie uns doch mal beim Konsumenten und nicht beim Becher anfangen. Wir haben uns als Gesellschaft verändert. In unserer ersten Verpackungsverordnung gab es eine Rückfalloption: Wir wollten ökologisch vorteilhaftere Mehrwegverpackungen stärken. Für den Fall, dass der Anteil für Getränke in Mehrwegverpackungen unter 80 Prozent sinkt, wollten wir ein Pfand einführen. Das war damals die Idee. Heute liegt der Anteil von Mehrwegverpackungen bei unter 40 Prozent. Die Gesellschaft hat mit den Füßen abgestimmt und sich für Einweg-Verpackungen ausgesprochen. Der Becher ist nur ein Symptom. Maßgeblich ist unser Verhalten. Daran lässt sich ablesen, dass wir seit 20 Jahren gegen Mehrwegverpackungen sind – übrigens auch die jungen Leute.

Ist das unumkehrbar? Wächst gerade nicht die Bereitschaft, Ressourcen zu schonen?

Pretz: Wir machen Tests mit Studierenden. Nachhaltigkeit lässt sich leicht umsetzen, wenn man einen Aspekt auswählt wie Einweg-Kaffeebecher. In der Praxis wird es dann schon schwierig, weil die Bäckerfachverkäuferin den Kunden-Keramikbecher aus hygienischen Gründen nicht annehmen darf. Sie nimmt einen Plastikbecher und befüllt damit die Tasse. Wir organisieren unsere Gesellschaft aus vielen Perspektiven. Die Regeln sind dann manchmal widersprüchlich und ein Hemmnis.

Die Umwelthilfe hat errechnet, dass Einwegflaschen von der Produktion bis zur Entsorgung im Schnitt 520 Kilometer zurücklegen, doppelt so viele wie Mehrwegflaschen. Hole ich mir also einen Wasserkasten mit Glasflaschen, mit PET-Flaschen oder bevorzuge ich aus ökologischen Gründen doch den eigenen Wassersprudler?

Pretz: Ich bevorzuge den Wassersprudler, denn unser Trinkwasser hat meist eine bessere Qualität als so manche Quelle, aus der abgefüllt wird. Es ist doch auch absurd, dass wir Volvic-Wasser über Tausende Kilometer herankarren. Wir brauchen überhaupt nicht diesen wahnsinnigen Wettbewerb, können uns bei regionalen Produkten bedienen. Brauchen wir Milch von Weihenstephan (aus Bayern; Anm. d. Red.), obwohl wir ringsum Milchwirtschaft haben? Das ist eine deutsche Kultur. In Frankreich wird jeder Lebensmittelladen zu 80 Prozent aus regionalen Produkten bestückt. Da kauft man eben nicht die Waren, die über 500 Kilometer hergeschafft wurden.

Thomas Pretz, Professor für Aufbereitung und Recycling fester Abfallstoffe. Foto: ZVA/Christoph Pauli

Besuchen wir mal gedanklich einen Supermarkt: Kaufe ich dort besser herbeigekarrte Bio-Eier aus Belgien oder herkömmliche Eier eines regionalen Anbieters?

Pretz: Ich bevorzuge generell Lebensmittel aus der Nähe. Manchmal ist es aber schwer zu entscheiden, weil die Zuordnung nicht eindeutig ist. Das überfordert Konsumenten. Es ist eine Frage des Marketings. In Frankreich ist das anders, da ist der regionale Aspekt ein ganz starkes Werbeinstrument, auch für die großen Ketten.

Gehen wir mal durch die Regale: Esse ich das ganze Jahr über Äpfel aus Deutschland, die dann irgendwann mit hohem Energieaufwand gelagert werden müssen, oder greife ich auf die Ware aus Übersee zurück, wo von Mai bis Juli Erntesaison ist?

Pretz: Wir haben dafür gesorgt, dass der Transport extrem günstig gemacht wurde auf Kosten der Menschen, die dafür zuständig sind, wie zum Beispiel Lkw-Fahrer. Und so nehmen wir billigend in Kauf, dass die Umwelt durch die irrsinnige Menge geschädigt wird. Die CO2-Bilanz schlägt sich nirgendwo nieder, die Kosten werden sozialisiert. Der Verkehrssektor ist derjenige, der in den vergangenen 30 Jahren keine Reduzierung hinbekommen hat. Ich bleibe also bei den Äpfeln aus Deutschland.

Sind Tomaten aus der Region, die im Winter im Gewächshaus reifen, dennoch den importierten aus Spanien vorzuziehen?

Pretz: Energetisch ist der Anbau in der Region durch die Heizkosten sehr viel schlechter, selbst wenn Energiekosten extrem subventioniert werden. Meine Frage ist aber: Muss ich Tomaten auch außerhalb der Saison kaufen?

Dann sollte ich konsequenterweise auch keine Ananas oder Bananen kaufen?

Pretz: Ja. Hier im Supermarkt habe ich jedes Gemüse, jedes Obst ganzjährig. Gehen Sie mal in Frankreich in den Supermarkt. Da gibt es im Winter wirklich nur die wenigen Produkte, die gerade geerntet werden.

Hole ich Mais denn besser in plastikbeschichteten Dosen oder in Einweg-Gläsern, die energieintensiv eingeschmolzen werden?

Pretz: Die Dose ist mir deutlich lieber, weil die Verluste in der Verwertungskette kleiner sind. Die Dose muss gar nicht ins Recyclingsystem. Sie landet in der Müllverbrennung, dann in der Rostasche. Aufgrund der metallischen Eigenschaften kann ich sie viel besser rückgewinnen.

Muss Kaffee in Aluminiumkapseln verkauft werden? Foto: imago/CTK Photo/imago stock&people

Müssen wir über Avocados aus Kalifornien reden, die mindestens 1000 Liter Wasser pro Kilogramm benötigen?

Pretz: Nein, müssen wir nicht. Aber sie sind gerade hip. Es gibt so viele Beispiele für Ressourcenvergeudung: Muss ich Wein aus Südafrika oder Chile importieren, obwohl er in Europa im Überschuss hergestellt wird? Das wird alles über den Handel gesteuert. Die Nachfrage ist da.

Wer hat uns denn so verwöhnt?

Pretz: Das müssen Soziologen beantworten. Wir sind extrem auf Konsum aus und stellen uns ökologischen Fragen selten. Wenn wir ein schlechtes Gewissen bekommen, schauen wir, dass es einen Ablass für unser Verhalten gibt.

Kaufe ich denn besser Gurken, die eingeschweißt und geschützt sind, um den Transportverlust zu reduzieren, oder nur solche mit zarter Eigenhaut?

Pretz: Ich habe überhaupt nichts gegen den Schutz einer Gurke mit einer minimalen Kunststoffhülle. Die Verpackungsspezialisten haben ausgetüftelt, wie ein Produkt mit bestmöglichen Eigenschaften und Aussehen beim Verbraucher ankommt – abhängig von der Transportzeit. Unsere Verpackung landet in der Regel nicht ungeordnet in der Natur, sondern in der Müllverbrennung. Wir haben die Infrastruktur dafür. Bei dem Kunststoff habe ich eine Gegenrechnung: Wir verbrauchen pro Kopf jährlich etwa 31 Kilogramm Kunststoff für Verpackungen. Das entspricht etwa dem Fußabdruck von 60 Litern Öl. Damit komme ich rund 1000 Kilometer weit mit dem Pkw. Fliege ich nur einmal, ist die Bilanz schon deutlich schlechter. Wir sind Konsumenten von Öl und fossiler Energie. Der Kunststoff ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir bleiben Energiekonsumenten, sonst müsste sich unsere Gesellschaft gravierend verändern. Anders ist es in Ländern, denen die Infrastruktur fehlt, um Kunststoffe ordnungsgemäß zu entsorgen.

In solche Länder verschiffen wir aber doch Millionen Tonnen unserer Abfälle ...

Pretz: Ja, das ist ein kapitaler Fehler unseres europäischen Entsorgungssystems. Es ist so aufgebaut, dass jeder Akteur selbst organisieren muss, wo er mit seiner Verpackung bleibt. Der Gedanke dahinter: Abfall soll wiederverwertet werden, wenn es wirtschaftlich ist, wenn dafür ein Markt vorhanden ist oder geschaffen werden kann. Der Staat macht die Rechnung ohne den Wirt. Er greift seit Jahrzehnten ein, aber nicht klug genug. Wir delegieren die Produktverantwortung an Akteure, die betriebswirtschaftlich agieren müssen. Die finden in Europa keinen Markt, und deshalb werden 87 Prozent der Kunststoffabfälle exportiert. Das neue Denken kommt erst durch die schlechten Nachrichten, weil plötzlich im Magen eines Wals eine Danone-Verpackung gefunden wird. Das ist schlecht fürs Image. Die großen Akteure sehen sofort ihre Marktanteile gefährdet, und nun müssen sie reagieren. Das ist das Motiv – nicht die Verantwortung, die sie für ihre Produkte und Verpackungen haben.

Das alles ist doch keine überraschende Entwicklung.

Pretz: Es war allen klar, alle haben es ausgesessen. Erst durch schnelle Medien und eine wachsende Umweltbewegung kommt Bewegung hinein. Ein schlechtes Image mag keiner.

Klingt das nicht wie ein Hoffnungsschimmer?

Pretz: Schlechtes Gewissen beeinflusst Kaufentscheidungen, Kaufentscheidungen beeinflussen Markt-
anteile, Marktanteile sind das höchste Gut der Produzenten. Deswegen führt das schlechte Verbrauchergewissen unmittelbar zu einer Veränderung des Produzentenverhaltens. Das ist die neue Entwicklung, Verbraucher nehmen Einfluss. Lidl zum Beispiel hat mit einem Entsorger und einem Recycler die komplette Verwertungskette gekauft. Sie können und wollen nun Einfluss auf ihre Produkte nehmen. Das ist der Anfang.

Darf ich am Ende noch einmal auf den Kaffee zurückkommen: In einer Kapsel sind nur etwa sechs Gramm Kaffeepulver, umhüllt allerdings von etwa drei Gramm Plastik oder Aluminium und bei einigen Marken sogar von einer zusätzlichen Plastikfolie. Ist also der Kaffee aus einer Siebträger-Maschine ökologisch wertvoller?

Pretz: Die Frage nach Siebträgerkaffee oder Portionskaffee kann ich nur aus Ressourcensicht beantworten. Kleinstportionen in Verpackungen halte ich grundsätzlich für problematisch, wenn sie nicht aus rückholbarem Metall bestehen. Aluminiumkapseln werden heute in Deutschland aus der Asche von Müllverbrennungsanlagen mit sehr hoher Effizienz recycelt und gelangen so zurück in den Aluminium-Kreislauf. So wird wenigstens der Komfortluxus nicht auch noch zur Ressourcenverschwendung.

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