Interview mit Gesangspädagogin Birgitta Schork-Möller aus Aachen

Interview mit Gesangspädagogin : Kinder starten in Aachen mit Musik ins Leben

„Noch bevor ein Kind zu sprechen beginnt, fängt es eigentlich an zu singen“, sagt Birgitta Schork-Möller. „Denn es lacht, juchzt und brabbelt schon früh in allen denkbaren Tonhöhen und Tonarten. Es erprobt seine Stimme und nimmt so Kontakt auf.“ Um gemeinsam zu singen, kommen Eltern mit ihren Kleinstkindern zu der Aachenerin nach Hause.

„Mimule“ (Mit Musik ins Leben) lautet ihr Motto. Im Mittelpunkt stehen dann gemeinsames Singen und Hören, das Erleben von Rhythmus und Klang, „das natürliche Erlernen von Musik als zweiter Muttersprache“, wie sie es nennt. Welche Kraft Musik hat, welche Fähigkeiten sie weckt, wie Kinder auf Lieder reagieren, erläutert Schork-Möller im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wozu brauchen Kinder Musik?

Birgitta Schork-Möller: Als Inspiration. Musik sendet Gefühle aus und weckt Gefühle. Wenn ich traurige oder fröhliche Musik höre, macht das etwas mit mir; darauf reagiert der Körper. Wenn wir gemeinsam singen, verbindet uns das – Kinder, Eltern, Großeltern. Musik macht einfach glücklich.

Warum?

Schork-Möller: Das weiß ich nicht. Das kann ich rational nicht erklären. Aber es ist so. Wir stellen das immer wieder fest. Ich suche fröhliche und friedliche Musikstücke aus. Nicht jede Musik macht mich glücklich, aber jede Musik spricht mich gefühlsmäßig an.

Kinder starten "Mit Musik ins Leben"

Wie reagieren die Kinder?

Schork-Möller: Aufmerksam. Sie speichern in rasanter Geschwindigkeit Texte und Melodien ab. Wir hören zum Beispiel vier Wochen hintereinander Vivaldis „Der Frühling“, und eine Mutter erzählt mir, diese Musik sei in einer Werbung im Fernsehen nur zehn Sekunden gelaufen, und ihre noch nicht einjährige Tochter habe im Nebenzimmer die Bauklötze fallen lassen und konzentriert hingehört.

Macht Musik das nur mit Kindern oder auch mit Erwachsenen?

Schork-Möller: Kinder sind im guten Sinne unbedarft und akustisch noch nicht verdorben. Wir Ältere werden doch ständig und überall beschallt, wir kennen fast keine Stille mehr. Kinder hören mehr als wir.

Jetzt kann es losgehen: Birgitta Schork-Möller am Klavier, Mütter und Kinder auf dem Teppich, die Liedtexte am Regal. Foto: zva/L. Weinberger

Ist jedes Kind musikalisch?

Schork-Möller: Ja.

Wirklich?

Schork-Möller: Ja!

Und jeder Erwachsene?

Schork-Möller: Manche sagen, sie könnten nicht singen. Aber wenn sie Melodie und Text kennen, die Musik und die Gruppe angenehm finden, trauen sie sich doch.

Ist ein Kind einfach musikalisch, oder wird es musikalisch?

Schork-Möller: Das Gehör eines Kindes stelle ich mir wie einen Schwamm vor. Alles, was – positiv oder negativ – an Reizen ankommt, wird aufgenommen. Jedes Kind reagiert auf Musik.

„Kommt ein Vogel geflogen“ und viele andere Lieder: Im Wohnzimmer von Birgitta Schork-Möller hängen alle Texte gut lesbar aus. Foto: zva/L. Weinberger

Ab welchem Alter nehmen Kinder Musik nicht nur als Geräusch wahr?

Schork-Möller: Manche Mütter müssen Säuglinge mitbringen, deren Geschwister hier sind, weil sie es gar nicht anders organisieren können. Die Kleinen sind zum Teil also erst ein paar Wochen alt. In den ersten vier bis fünf Monaten liegen die da und schlafen. Wenn sie dann wach bleiben, sind sie meist still und sehr aufmerksam; sie weinen so gut wie nie. Sie nehmen die Musik offensichtlich schon bewusst wahr – vermutlich schon viel früher, als wir glauben.

Muss Musikalität trainiert werden wie Muskeln, damit sie nicht verkümmert?

Schork-Möller: Ja – immer wieder. Die Stimme ist das einfachste und universellste Instrument; jeder bringt es mit. Alle Säuglinge schreien – sehr laut – und werden nicht heiser. Später kommen Einflüsse hinzu, setzt die Erziehung ein. Es reicht, wenn Eltern und Großeltern selbst mit den Kindern singen. Vorbild zu sein, ist besser, als eine CD einzulegen. Wenn ihnen etwas vorgemacht wird, hängen kleine Kinder sich dran; sie machen alles nach. Sie sind ungeheuer lernbegierig – in jeder Hinsicht.

Wenn nichts dergleichen getan wird, verlieren Kinder später ihre Musikalität?

Schork-Möller: Ich glaube schon, wenn keinerlei Inspiration kommt, verkümmert das.

Jeder sagt: Kinder müssen raus, sich bewegen, Sport treiben. Warum wird das Musikalische – im Gegensatz zu sportlicher Betätigung – so unterschätzt? Haben wir den Sinn, das Gefühl für Musik verloren?

Schork-Möller: Früher wurde Musik in allen Familien gepflegt; sei es Kammermusik, seien es einfache Volkslieder. Musik war omnipräsent. Das ist nicht mehr so. Wenn ein Kind sich gar nicht sportlich betätigt, werden die Auswirkungen häufig körperlich sichtbar, oder es führt gar zu Aggressivität. Es gibt den Konsens: Keine Bewegung ist gesundheitsschädlich. Das gilt für Musik natürlich nicht. Musik ist immer „nur“ Bereicherung.

Kann jedes Kind singen?

Schork-Möller: Ja, wenn es mit Menschen aufwächst, die singen.

Was singen Kinder am liebsten?

Schork-Möller: Am stärksten reagieren sie auf einfache Lieder. Sie lieben Einschlaflieder, kindliche, aber auch lustige Lieder.

Gibt es so etwas wie musikalischen Instinkt, der bei kleinen Kindern besonders ausgeprägt ist?

Schork-Möller: Alle kleinen Kinder sind doch zunächst einmal neugierig – und zwar auf alle Impulse. Wenn sie die – auch musikalisch – bekommen, reagieren sie entsprechend. Es kommt auch darauf an, wer ihnen diese Impulse bietet. Sind es vertraute Menschen oder ein anonymer CD-Player?

Die Kinder machen bei „Mimule“ oft nicht mit, manche gar nicht, aber es bringt ihnen trotzdem was.

Schork-Möller: Ich höre das jedenfalls so von vielen Eltern. Da gibt es schon mal ein Kind, das nie mitmacht, quengelt und etwas unfreundlich guckt. Aber deren Mutter sagt mir, unter der Woche gehe es zu Hause musikalisch regelrecht ab.

Was lieben die Kinder besonders?

Schork-Möller: Wahrscheinlich die Abwechslung oder besser gesagt die Mischung aus Abwechslung und Wiederholung. Jedes Kind hat seine Lieblingsstücke.

Klangholz, Rassel, Triangel – dient das nur der Abwechslung, oder steckt mehr dahinter?

Schork-Möller: Es dient der Abwechslung. Die Kinder haben etwas in der Hand und können damit etwas tun. Sie werden im Laufe der Zeit besser, rhythmischer. Sie lernen, was laut und leise bedeutet.

Sie fühlen sich offensichtlich sehr wohl. Es tut ihnen gut. Sie sind konzentriert.

Schork-Möller: Alle sind hellwach und saugen alles auf. Manche Eltern bedauern, dass ihre Kinder nicht mitmachen, und versuchen, sich zu rechtfertigen. Denen sage ich immer: Es ist völlig egal; meine Erfahrung ist, dass jedes Kind etwas mitnimmt.

Hat Musik wirklich psychische, therapeutische Wirkungen?

Schork-Möller: Die Praxis mit den Kindern gibt jedenfalls Hinweise darauf, dass das so ist. Es ist aber auch meine eigene Lebenserfahrung als Chorkind, als professionelle Sängerin und Mutter. Kinder, die singen, sind sprachlich begabter. Man kann sich Texte über Musik viel leichter merken.

Wonach suchen Sie die Kinderlieder – abgesehen von der jeweiligen Jahreszeit – aus?

Schork-Möller: Der Jahreslauf ist das erste Kriterium. Ich suche Lieder aus, in denen die Kinderwelt vorkommt: Anziehlieder oder Zahnputzlieder, ein Händewaschlied oder ein Apfellied.

Kennen die jungen Eltern die alten Kinderlieder?

Schork-Möller: Manchmal – und wenn, meistens nur eine Strophe. „Der Kuckuck und der Esel“ kennt fast jeder.

Sie lassen auch schon mal Vivaldi hören, und alle liegen auf dem Teppich und Kissen und hören zu.

Schork-Möller: Ja, aber nicht nur Vivaldi, auch Mozart oder Schubert, Haydn, Händel, Bach. Ich suche Largos und Adagios, also langsame Stücke. Da geht es ums Zuhören.

Ist klassische Musik etwas für Kinder?

Schork-Möller: Ja – auf jeden Fall. Alle Stücke, die ich aussuche, könnte man auf eine Träumerei-CD brennen.

Sie tun, was Sie tun können, und engagieren sich für das gemeinsame Singen von Kleinkindern und Eltern. Was müsste denn generell geschehen, damit möglichst viele Kinder die Chance wahrnehmen können, mit Musik aufzuwachsen?

Schork-Möller: Wir könnten in den Kitas anfangen, denn dort erreicht man alle Kinder. Erzieherinnen sollten mehr verdienen und in ihrer Ausbildung singen lernen.

Sie setzen sich seit Jahren dafür ein, dass man alle Kinder erreicht, dass in den Kitas mehr geschieht. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass das in der Breite realisiert wird?

Schork-Möller: Es ist nicht einfach. Schön wäre ein Musikkindergarten.

Wie kann man dieses Ziel erreichen?

Schork-Möller: Weil alle Kinder positiv auf Musik reagieren, sollte es in allen Kindergärten Erzieherinnen und Erzieher geben, die mit Kindern singen. Die Stimme ist das natürlichste Instrument, das jedem Menschen von Geburt an gegeben ist. In Berlin und Hamburg gibt es Musikkindergärten, die ich besucht habe. Dort engagieren sich professionelle Musiker namhafter Orchester, und es wird größter Wert auf die Integration von bildungsfernen Kindern gelegt. Das müssten wir auch hier in Aachen und Düren schaffen. Ich habe dafür auch schon Träger gesucht. Es ist nicht einfach. Man bräuchte einen Prototyp, eine Kita, die beweist, dass Musik eine universelle Sprache ist, die Kinder aus allen Bildungsschichten zusammenbringt und verbindet.

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