Interview mit dem neuen DWI-Direktor Stefan Hecht

Interview mit dem neuen DWI-Direktor : „Wir wollen Materialien mehr Leben einhauchen“

Stefan Hecht ist seit dem 1. August neuer Direktor am DWI – Leibniz-Institut für interaktive Materialien. Im Gespräch mit Katharina Menne entwirft er eine Vision von Materialien, die sich selbständig an ihre Umgebung anpassen, und erklärt, warum „höher, schneller, weiter“ in der Wissenschaft nicht unbedingt die Maxime sein darf.

Wortspiele wie „toller Hecht“ entlocken ihm nur noch ein müdes Lächeln. Dabei kann Stefan Hecht mit seinen 45 Jahren tatsächlich bereits auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Als der Chemiker 2006 seine erste Professur an der HU Berlin antrat, war er 32 – und damit der jüngste Lehrstuhlinhaber im Fach Chemie in Deutschland. Seit dem 1. August steht er an der Spitze des DWI – und hat einiges vor.

Sie haben Ihr Abitur am Humboldt-Gymnasium gemacht, waren auf der Humboldt-Universität und haben einen wichtigen Forschungspreis der Humboldt-Stiftung bekommen. Welche Bedeutung hat der Naturforscher für Sie?

Stefan Hecht: Dass das alles so zusammenkam ist natürlich reiner Zufall. Alexander von Humboldt ist einfach ein beliebter Namensgeber für Bildungseinrichtungen – politisch unbefleckt. Er ist aber sicherlich auch ein großes Vorbild. Unter Einsatz seines Lebens ist Humboldt in Bereiche dieser Erde vorgedrungen, in denen nur wenige Menschen waren. Die Neugier und der Forscherdrang, die ihn anspornten, sind nach wie vor die Triebfedern der Wissenschaft.

Zu was treiben Sie Neugier und Forscherdrang?

Hecht: Jeden Tag schaffen wir hier im Institut neue Stoffe mit neuen Eigenschaften. Es werden Moleküle miteinander kombiniert, wie es noch nie zuvor jemand gemacht hat. Das ist ein bisschen wie Lego spielen. Immer wieder können die Bausteine zu neuen Gebilden zusammengesetzt werden. Die große Vision ist, echte interaktive Materialien zu entwickeln.

Was genau bedeutet denn „interaktiv“?

Hecht: Wir wollen Materialien mehr Leben einhauchen. Alles, was hier auf dem Tisch steht, bezeichnet man als klassische Materialien. Sie haben einen Zweck und wenn der nicht mehr erfüllt wird, müssen die Produkte ersetzt werden. Dieses Glas hier zum Beispiel. Es ist transparent und trotzdem darauf optimiert, dass es relativ haltbar ist. Und wenn es doch kaputt geht, repariert es sich nicht selbst. Die Natur recycelt aber permanent. Während ich spreche, sterben Hunderttausende meiner Hautzellen, doch sie wachsen auch immer wieder nach. Und wenn Sonne auf meine Haut scheint, entstehen Pigmente, die mich schützen, die sich aber auch von selbst wieder abbauen. Das sind interaktive Materialien. Materialien, die mit ihrer Umwelt interagieren. Da wollen wir hin.

Hier im Institut schauen Sie ganz besonders auf biologische Prozesse, richtig?

Hecht: Ja, genau. Was uns zum Beispiel sehr interessiert, ist, wie man Medikamente im Körper gezielter dahin transportiert, wo sie wirken sollen. Mit Infrarot-Licht beispielsweise könnte man die Stoffe dann punktuell freisetzen, weil es ohne Schaden anzurichten tief in den Körper eindringt. Eine Kollegin hier beschäftigt sich mit der Frage, wie man Gewebe oder auch Nervenzellen dazu bringen kann, sich nach Verletzungen wieder zu regenerieren. Der Traum ist, ein Material zu schaffen, das sich anpassen kann. So wie es auch die Natur kann. Einen Muskel kann man trainieren, dann wird er leistungsfähiger. Ein Knochen kann sich selbst verstärken, wenn es erforderlich ist. Dieser Löffel hier ist doch total langweilig. Er wird immer genauso aussehen, er ist absolut statisch. Stellen Sie sich dagegen vor, man könnte eine Brücke bauen, die sich selbst stabilisiert, je nach Verkehrsaufkommen. Das wär doch fantastisch.

Ihr spezielles Forschungsinteresse gilt aber dem Licht …

Sein spezielles Forschungsinteresse gilt aber dem Licht: Professor Stefan Hecht. Foto: Andreas Steindl

Hecht: Ich habe mich tatsächlich schon immer viel mit Licht beschäftigt. Als Schüler habe ich beim Wettbewerb „Jugend forscht“ den Prozess untersucht, der in leuchtenden Glühwürmchen abläuft. Licht ist die einzige primäre Energiequelle, die auf diesem Planeten ankommt. Alles, was wir hier an Energie nutzen, kommt ursprünglich von der Sonne. Selbst unsere fossilen Brennstoffe haben irgendwann mal Sonnenenergie gespeichert. Wir kümmern uns hier darum, wie man Licht direkt in die Energieform umwandeln kann, die gerade gebraucht wird. Wir steuern Prozesse mit Licht. Wir bilden Polymere, das heißt langkettige Moleküle, mit Licht und versuchen sie mit Licht auch wieder abzubauen. Und Licht ist, wie bereits erwähnt, sehr interessant, um nicht-invasiv in den Körper zu kommen. Bislang konnte ich das noch nicht so umsetzen, wie ich wollte, weil mir die Nähe zur medizinischen Forschung fehlte. Aber das soll sich jetzt ändern.

Sie sprechen Änderungen an. Zeitgleich mit Ihrem Start als neuer Institutsdirektor wurde auch die Homepage neu aufgesetzt. Was ändert sich noch?

Hecht: Der Relaunch des Internetauftritts hatte eigentlich gar nicht direkt etwas mit mir zu tun. Das wurde schon vorher angepackt, doch ich profitiere jetzt natürlich davon. Aber es ändern sich noch viele andere Dinge. Wir bekommen zum Beispiel ein neues Gebäude, das nicht nur räumlich näher an die Uniklinik rückt, sondern auch in dem, was dort gemacht wird. Unser Motto „Materialien für ein besseres Leben“ soll nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch tatsächlich umgesetzt werden. Im Jahr 2022 wird das Labor laut derzeitiger Planung eröffnet und soll ein Ort sein, an dem neuartige Biomaterialien für medizinische Zwecke entstehen.

Was reizt Sie konkret hier am Leibniz-Institut? Warum haben Sie den Ruf angenommen?

Hecht: Das Faszinierende am DWI ist die Interdisziplinarität. Hier kommen Ingenieure, Verfahrenstechniker, Mediziner, Physiker, Chemiker und viele andere mehr zusammen. Jeder kann hier von den anderen Disziplinen und deren Denkweise etwas lernen. Das erlaubt, dass wir bei ausgewählten Beispielen einen Schritt weiter gehen können, als nur Grundlagenforschung zu betreiben. Dass wir nicht nur eine Publikation schreiben, die einen diffusen Ausblick für die Zukunft gibt, sondern tatsächlich weitermachen und etwas zur Marktreife bringen können.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Hecht: Ja, tatsächlich. Ich habe gerade mit einem Physiker und mit jemandem, der sich in der Unternehmensgründung auskennt, ein Start-up aufgebaut. Es geht dabei um 3D-Druck. Der Traum ist, irgendwann mal dahin zu kommen, ein Stück Schlauch oder so, was man normalerweise außerhalb des Körpers fertigt und dann in einer OP einsetzen muss, im Körper selbst druckt. Das ist natürlich visionär, aber ich würde es nicht als Science Fiction abtun. Ich glaube, dass man dahin kommen kann. Es gibt keinen chemischen Grund, der dagegen spricht.

Würden Sie sich als Visionär bezeichnen?

Hecht: Oh, so weit würde ich vielleicht nicht gehen. Aber natürlich braucht man in der Wissenschaft Visionen, um weiter zu kommen. Vor allem kommt es allerdings auf das Team an, wenn man etwas Visionäres schaffen will. Man muss die jungen Leute ermutigen, dass sie sich in die Themen reinknien und man muss auch einiges von ihnen verlangen. Ich kann natürlich nicht jedem hier jeden Tag sagen, was er tun soll. Das muss ich auch gar nicht. Hier ist wirklich unglaublich viel kreatives Potential versammelt.

Allerdings ist auch am DWI die Frauenquote in Führungspositionen eher mau …

Hecht: Da sind wir aktiv dran, das zu ändern. Aber es ist nicht leicht. Umso mathematischer und ingenieurwissenschaftlicher es wird, desto stärker geht der Frauenanteil schon bei den Studenten runter. Da sind wirklich die Eltern und die Schulen gefragt, den Mädchen die Fächer schmackhafter zu machen. Und nach oben hin wird’s dann noch dünner. Ich glaube das liegt auch daran, dass der Job in der Wissenschaft einfach schlecht definiert ist. Da geht es nur um höher, schneller, weiter und um die nächste Erfolgsmeldung und den nächsten Rekord. Das geht mit einem Familienleben einfach schlecht zusammen. Wir brauchen neue, flexiblere Modelle. Denn mal ganz ehrlich: Wenn es immer nur um messbare Erfolge geht, leidet auf Dauer immer die Kreativität – auch bei Männern.

Klingt, als hätten Sie in den kommenden Jahren einiges vor …

Hecht: Ja, denn am Ende geht es natürlich doch um Erfolg. Die Vision vom interaktiven Material soll ja keine Vision bleiben. Aber, ganz wichtig: Hier an der Universität entstehen noch ganz andere wichtige „Produkte“ – nämlich die Menschen, die im Labor gelernt haben, selbstständig zu denken und Ideen zu generieren. Die Leute, die bei BASF oder Beiersdorf hinterher die neue Creme oder das neue Material entwickeln, kommen ja nicht aus dem Nichts. Am Ende des Tages ist meine Berufsbezeichnung Hochschullehrer – mit Betonung auf Lehrer. Ich lege die wissenschaftlichen Grundlagen in den jungen Menschen, die hier studieren. Darauf bin ich stolz.